Heiliger Josefmaria Escrivá. Gründer des Opus Dei
 

"Die Großeltern sind unverzichtbar"

Eliana Palma lebt in Chile. Sie ist selbst Großmutter und spricht in diesem Interview über ihre Ansichten zur Rolle der Großeltern in Familie und Gesellschaft. Nebenbei erzählt sie auch von ihrer glücklichen Ehe mit ihrem Mann Tito, die über 60 Jahre gedauert hat.

1) Wir befinden uns im Jahr der Barmherzigkeit, das junge wie alte Menschen leben sollen. Wie können deiner Meinung nach die Großeltern dieses Jahr fruchtbar machen? Und welche Rolle spielt überhaupt die Barmherzigkeit im Leben eines Menschen – was sagst du dazu aus deiner langjährigen Lebenserfahrung heraus?
Logischerweise haben wir Großeltern den jungen Leuten einiges voraus; wir haben viel im Leben gesehen und betrachten es daher wohl mit anderen Augen. Als junger Mensch möchtest du alles sofort erreichen. Du liebst die Vollkommenheit - im Sinne des Perfektionismus, meine ich. Auch in der Ehe. Aber das Leben hat mir gezeigt, dass sie nicht immermöglich ist. Ja, dass Niederlagen sogar häufiger sind als Siege. Am Ende, wenn man schon einige Jahre auf dem Buckel hat, kommt man zu der Einsicht, dass es wichtig ist, jemanden an der Seite zu haben, der uns stützt. Und das sind die Großeltern. Sie sind wie ein Haus mit offenen Türen. Es ist wohl so, dass die Leute sich erst in schwierigen Augenblicken an die Großeltern erinnern. Das macht wohl einen Teil ihrer Aufgabe aus. Wir sind eher geneigt, die Fehler unserer Kinder und Enkel zu übersehen und statt dessen alles Gute ins Auge zu fassen, was sie haben. Das ist ein Geschenk, das Gott uns mit den Jahren macht.

Mir gefällt der Gedanke, dass Gott uns auch so sieht. Er hat etwas von einem Großvater. So ist auch seine Barmherzigkeit, sie hält uns aufrecht. Gott ist auch das Haus mit offenen Türen. Viele erinnern sich nur in Schwierigkeiten an ihn. Und dann ist er für uns da, denn er wartet immer auf uns, um uns zu begleiten und zu ermutigen auf unserem Weg.

Aber vor Gott sind wir alle Kinder. Auch die Großeltern. Egal wie alt wir schon sind, wie viele Erfahrungen wir gemacht und was wir erlebt haben, Gott hat immer mehr gesehen und erlebt. Und es ist schön zu wissen, dass in jedem Moment Gott mit offenen Armen auf dich wartet.

2) Du bist seit 61 Jahren verheiratet. Wie war diese Treue und Beständigkeit in der Ehe möglich?
Ja, Tito und ich haben es geschafft, seit 60 Jahren verheiratet und zusammen zu sein. Heute sind es nun schon 61. Er ist im vergangenen Oktober gestorben, nachdem er 8 Jahre lang krank gewesen ist.

Mein Mann war ein sehr guter Mensch. Die Liebe meines Lebens. Er war ein rechtschaffener Mensch mit vielen Tugenden. Ich habe mein ganzes Leben lang von ihm gelernt, was mir sehr gut getan hat. Immer habe ich ihn bewundert, sowohl in den Jahren, als es ihm gut ging, als auch während seiner Krankheit, als er bereits in vieler Hinsicht begrenzt war.

Die eheliche Treue war für mich nie eine Frage. Es war einfach kein Thema, denn es war etwas offensichtliches, das ich bei meinen Eltern und er bei seinen gesehen hatte. Tito hat mich sehr geliebt und mir das immer gesagt. Dafür bin ich ihm dankbar. Uns war klar, dass wir einander glücklich machen sollten, im Großen wie im Kleinen. Und so war auch unsere Ehe. Und das war es, was wir unseren Kindern und Enkeln mitgeben wollten.

Manchmal, wenn ich von so vielen Trennungen höre, kommt mir in den Sinn, dass wir aus der Zeit stammen, in der man sich zusammenraufte und nicht einfach alles hinschmiss wie heute. Alles kitten so oft wie nötig, aber nie auch nur in Erwägung ziehen, alles wegzuwerfen. Ich glaube, es ist hilfreich, das vor Augen zu haben.

3) Du hast Kinder und Enkel, von denen einige mehrere Jahre im selben Haus wie du gewohnt haben. Welche Erfahrung war das für dich? Welche Rolle spielen die Großeltern in solchen Fällen deiner Ansicht nach?
Wir haben vier Kinder und fünfzehn Enkel. 1994 kam die Familie meiner Tochter mit sechs Kindern in unser Haus. Der Älteste war 12 und der Kleinste gerade geboren. Tito und ich haben uns sehr um die sechs Enkel gekümmert. Für uns war diese besondere Situation von Gott vorgesehen. Und zweifellos hat er uns die Kraft dazu gegeben. Wir waren nie müde. Uns war klar, wie wichtig wir in dieser Situation waren.

Inzwischen sind die Enkel größer. Der Älteste ist 34, der Jüngste 22. Und die Rollen scheinen sich nach und nach zu vertauschen, denn sie sind für mich und für meinen Mann große Stützen gewesen. Unter ihnen ist auch ein Priester. So großzügig ist Gott!

Wir sind immer Großeltern gewesen, die die Freiheit der Kinder wie der Enkel absolut geachtet haben. Gott war immer dabei, aber er war mehr durch die Atmosphäre präsent als durch Worte. Das gilt auch in der Hinsicht, dass wir niemals Tage oder Daten vorgeschrieben haben, an denen wir uns treffen „mussten“. Das sollte sich spontan ergeben, je nach Bedürfnis. Wenn man mit den Großeltern rechnet, wenn man ihnen Liebe und Sorge zukommen lässt, dann können sie wunderbare Spuren in ihren Enkeln hinterlassen. Daher bereitet es mir großen Kummer, wenn ich Enkel sehen, die nichts von ihren Großeltern halten. Und Eltern, die die beiden Generationen nicht einander näher bringen. Gott sein Dank haben wir genau die gegenteilige Erfahrung gemacht.

4) In seiner Katechese über die Familie sagte Papst Franziskus, dass die Worte der Großeltern für die jungen Menschen etwas Besonderes bedeuten. Was denkst du darüber? Wie war deine Erfahrung mit deinen Enkeln? Welche Verantwortung haben die Großeltern in dieser Hinsicht?
So ist es. Ein Satz des Papstes aus einer seiner katechetischen Unterweisungen über die Familie ist mir im Kopf geblieben: „Ein Volk, das die Großeltern nicht ehrt, hat keine Zukunft, denn es hat keine Erinnerung, es hat das Gedächtnis verloren.“ Sie zurückzuweisen ist als weise man die Vergangenheit zurück. Es schmerzt zu sehen, wie man sie häufig als Last empfindet. Ich erinnere mich noch daran, wie uns meine Großeltern von früher erzählten. Wie aufmerksam haben wir ihnen zugehört! Damals ahnten wir nicht, wie gut das für uns war und welches Beispiel sie uns damit gaben.

Unter vielen Erinnerungen habe ich eine von einem Enkel, der heute Arzt ist. Als er noch sehr klein war, setzte er sich vor meinen Mann, blickte ihm in die Augen und sagte ganz ernst: „Opa, reden wir jetzt?“ Daran merkte man ziemlich deutlich, wie angezogen er von seinen Worten war. Mit dem Großvater zu sprechen war keine langweilige Sache und noch weniger eine Verpflichtung. Als sie dann älter waren, erkannten wir ihre verschiedenen Interessen an ihren Fragen bezüglich unserer Meinung zu Büchern, Blumen, zur Geschichte, zu Geräten, aktuellen Geschehnissen, zur Stadt, zum Land und noch vieles mehr. Ich glaube, was sie unter anderem besonders angezogen hat, war unsere Verfügbarkeit für ihre Fragen oder Erzählungen. Man musste auf jeden Fall die Aura eines Großvaters oder einer Großmutter ohne Zeit, ohne Lust oder ohne Kraft für ihre Enkel vermeiden. Ich muss dazu sagen, dass wir unsererseits enorm viel von ihnen gelernt haben. Vermutlich entsprach ihre Lust, mit uns zusammen zu sein, der unseren.

Den Eltern, denen es noch schwer fällt zuzugeben, dass wir eine Hilfe sein können, wenn man uns darum bittet, würde ich sagen, dass sie ihre Eltern mit ihren Kindern zusammen bringen sollen, solange sie gesundheitlich noch in der Lage sind.

5) Wir sagten eben, dass die Jahre und die Lebenserfahrung ein Vorteil sind. Aber alt zu werden ist auch eine Herausforderung und bringt Schwierigkeiten mit sich. Was war deiner Ansicht nach das Schwierigste und wie bist du damit zurechtgekommen?
Für mich war Altwerden immer ein normaler Vorgang, etwas das jeden früher oder später trifft. Das Leben geht ungemein schnell vorbei, und es ist wichtig, immer voll Hoffnung weiter zu gehen.

Ich glaube, das Schwierigste für mich war die Konfrontation mit der unheilbaren Krankheit von Tito und dann sein Tod. Obwohl ich selbst erstaunt bin festzustellen, wie mir die vielen schönen Erinnerungen erleichtern, mit der Situation fertig zu werden. Mein Mann war 11 Jahre älter als ich. Als er krank wurde, was ziemlich überraschend geschah, erlebten wir alle, die ganze Familie, wie er immer weniger wurde und uns dieser Zustand das Herz weit machte. Wir empfanden eine wachsende Zärtlichkeit ihm gegenüber, der uns immer beschützt hatte. Und jetzt war es umgekehrt. Es war unser tiefster Wunsch, ihn zu umsorgen, ihn mit Liebe zu überschütten. Es war ein großes Geschenk für uns, dass wir ihn 8 Jahre als kranken Menschen um uns hatten, geradezu ein Segen. Es ist eine unauslöschliche Seite in unserer Familiengeschichte. Eine Mischung von Leid und Schmerz, Freude und Einheit.

6) Welchen Rat würdest du einem frisch verheirateten Paar geben, das dabei ist, eine Familie aufzubauen?
Diesen jung Verheirateten würde ich mitgeben, dass die Ehe ein wunderbarer Weg ist. Ein Weg, den man gemeinsam gehen muss. Es ist gut, realistisch zu sein und zu wissen, dass es keine "rosarote" Ehe gibt. Manchmal idealisieren wir die Dinge zu sehr. Aber man kann kämpfen und diesen Weg in etwas sehr Schönes und „Begeisterndes“ verwandeln.

Oft wird es Missverständnisse geben, aber das ist normal, und wenn beide Seiten guten Willen haben, lieben sie sich am Ende noch mehr. Es ist dumm zu denken, dass eine Schwierigkeit schon ein Grund ist, an Trennung zu denken. Oder einen Schreck zu bekommen. Ich würde ihnen auch sagen, dass es vor allem auf das gegenseitige Vertrauen und die Achtung ankommt. Und das heißt, man muss gut miteinander umgehen, mit Worten und im Tun. Weiter gilt es verzeihen zu lernen, auch was die Dummheiten jeden Tages angeht, die oft am schwierigsten zu vergeben sind. Es ist einfach absurd, darüber zu diskutieren, „wer denn nun Recht hat“. Eine solche Mentalität vergiftet die Ehe. Man muss an die Zukunft denken, miteinander träumen. Zusammen alt werden wollen. Das verbindet in der Hoffnung. Der Weg der Ehe ist für die, die ihn bereits hinter sich haben wie für die die ihn gerade beginnen, eine wunderbare Sache. Es lohnt sich der ganze Einsatz dafür, ihn miteinander bis zu Ende zu gehen.

Für uns – und ich denke, für alle – ist es fundamental, dass Gott der Mittelpunkt der Familie ist. Man sollte immer zu ihm seine Zuflucht nehmen und ihm für alles danken. Ihm jeden Tag dafür danken, dass er mir meinen Mann – meine Frau – geschenkt hat. Gemeinsam beten und gemeinsam leiden verbindet unwahrscheinlich. Gott in der Mitte verbindet am meisten.


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