Heiliger Josefmaria Escrivá. Gründer des Opus Dei
 

Meine erste Begegnung mit dem hl. Josefmaria

Interview mit Ferdinando Rancan, einem Priester der Diözese von Verona, der das Opus Dei 1954 in Rom kennen lernte.

Don Ferdinando, können Sie uns erzählen, wie und wann ihre erste Begegnung mit dem Gründer des Opus Dei stattgefunden hat?

Im Jahr 1953 erzählte jemand dem Vater (dem hl. Josefmaria) von mir, und wie er es normalerweise mit allen machte, von denen er hörte, schloss er mich ab diesem Zeitpunkt in sein Gebet ein. Trotzdem ergab sich aus mehreren Gründen bei meinem ersten Aufenthalt in Rom nicht die Gelegenheit, ihm persönlich zu begegnen. Da ich der erste assoziierte Priester der Priestergesellschaft vom heiligen Kreuz und Opus Dei in Italien war, wollte der Vater selbst mich 1959 kennen lernen. Ich fuhr daher noch im Dezember jenes Jahres nach Rom und lebte dort in Villa Tevere, dem Zentralsitz des Opus Dei. Am 10. Dezember wurde ich vom Vater empfangen.

Woran erinnern Sie sich noch?

Es fällt mir nicht leicht, meine Gefühle während jener ersten Begegnung mit dem hl. Josefmaria zu beschreiben. Als sich die Tür des Wohnzimmers öffnete, hatte ich kaum Zeit, auf ihn zuzugehen, um ihn zu begrüßen, da hatte er mich schon mit väterlicher Liebe kraftvoll umarmt: „Mein Sohn!...“ An mehr erinnere ich mich nicht mehr.

Alles, was ich ihm sagen wollte, verschwand mir aus dem Gedächtnis, ich wusste einfach nichts mehr zu sagen, und wenn ich trotzdem versuchte, etwas zum Ausdruck zu bringen, hatte ich das Gefühl ein stotterndes Kind zu sein, das ständig ins Fettnäpfchen trat mit seinen Bemerkungen, die entweder mehr als selbstverständlich oder geradezu lächerlich waren.
So wie ich alles vergessen hatte, was ich ihm sagen wollte, konnte ich auch nichts von dem, was er mir in mehr als einer Stunde sagte, behalten. Er allein füllte diesen Augenblick.

Seine beeindruckende Persönlichkeit ließ keinen anderen Gedanken zu, ohne das es unangenehm gewesen wäre. Die einzigen Worte, an die ich mich im Zusammenhang mit dieser Begegnung erinnere, waren: „Ich hatte solche Lust, dich zu sehen! Du bist auch ein Kind meines Gebets.“ Ich habe sie nicht vergessen können, da sie sich auf meine Berufung bezogen.

Nach seiner herzlichen Begrüßung fragte mich der hl. Josefmaria, ob ich gerne am folgenden Tag in Sancta Maria Stella Orientis eine hl. Messe feiern würde, einer Kapelle von Villa Tevere, die ganz in der Nähe der Prälaturkirche des Opus Dei liegt.

Hatten Sie die Möglichkeit, Villa Tevere von innen kennen zu lernen?

Der hl. Josefmaria legte Werte darauf, mir persönlich das ganze Haus zu zeigen, besonders die Kapellen. Dieser Rundgang war wie eine spannende Katechese über den Geist des Opus Dei. Er hielt sich bei einigen Teilen des Hauses, die bedeutungslos scheinen konnten, länger auf, da sie den einen oder anderen Aspekt des Geistes des Werkes „materialisierten“. In der Tat gab es in dem ganzen Haus nicht einen Winkel, so verborgen er auch sein mochte, der nicht architektonisch oder ästhetisch bedacht und gestaltet war. Aber nicht nur nach diesen Kriterien, sondern alles hatte auch einen Bezug zu einem asketischen oder übernatürlichen Aspekt des Opus Dei.

Es war, als wollte er mir sagen: Im Werk sind uns die kleinen Dinge wichtig, selbst wenn niemand sie sieht, denn Gott sieht sie, und wir tun alles aus Liebe zu ihm. Auf dem ganzen Weg durch die verschiedenen Teile des Hauses sah er mich jedes Mal, wenn wir stehen blieben, mit seinem durchdringenden liebevollen Blick an und sagte: „Mein Sohn, diese Gebäude, die du siehst, scheinen aus Stein zu sein, aber sie sind aus Liebe.“

Wie sah Villa Tevere denn aus?

Damals hatte man gerade die Arbeiten in Villa Tevere beendet, und der Vater wollte am Fest der Unbefleckten Empfängnis ein Siegel auf den Schlussstein setzen. Ich weiß nicht mehr, warum, aber jener Stein mit der Aufschrift: „Melior est finis quam principium“ (das Ende ist besser als der Anfang) stand erst für den 9. Januar des folgenden Jahres, dem Geburtstag des Vaters, zur Verfügung. Bevor er mich gehen ließ, führte mich der Vater jedoch zu einem Fenster, das auf einen Innenhof hinausgeht, und zeigte mir ein Rechteck auf der Fassade von Villa Tevere, das noch leer war. Dabei sagte er: „Dorthin werde ich den Schlussstein setzen...“ Danach schaute er mich intensiv an und fügte hinzu: „Mein Sohn, im Werk heiligen wir uns durch die gut getane Arbeit, aber wir heiligen uns nicht einfach dadurch, dass sie gut getan ist, sondern dadurch, dass sie bis zu Ende gemacht wird. Das ist der Grund, warum uns im Werk die letzten Steine mehr gefallen als die ersten.“

Welche Spur hat jene Begegnung in Ihnen hinterlassen?

Während der langen Stunde, die ich mit dem Vater zusammen war, verlor ich jegliches Zeitgefühl. Er hatte mich in eine Wolke von wunderbaren Dingen eingetaucht, die zwar von dieser Welt waren, aber eine Sprache sprachen, die zu einer anderen Dimension, der Welt Gottes gehörten. Als ich aus Villa Tevere trat, fand ich mich auf der Strasse, wo ich um mich schaute, um die Dinge von immer zu betrachten; es war ein seltsames Gefühl, als wäre ich nach einer langen Reise von einem anderen Planeten dort auf der Erde gelandet.

Hatten Sie später noch mehr solcher prägenden Begegnungen mit ihm?

Oh ja, und zwar, als er meine Mutter kennen lernen wollte. Die apostolische Arbeit in Verona hatte in meinem Haus begonnen. Meine Mutter sah und verhielt sich als Gastgeberin des Hauses und betete außerdem den Rosenkranz, während die jungen Leute die Vorträge hörten und andere Bildungsmittel in Anspruch nahmen, die angeboten wurden. Daher wollte der Vater sie sehen.

Wir fuhren also zusammen nach Rom. Meine Mutter war eine einfache Frau, sehr bescheiden, wortkarg. Sie machte sich viele Gedanken, was sie dem Vater wohl sagen könnte. Aber es passierte genau das, was ich erwartete hatte. Als der Vater ins Wohnzimmer trat, kam er auf sie zu und begrüßte sie mit solcher Herzlichkeit, dass meine Mutter völlig entwaffnet war. Sie war nicht wiederzuerkennen, sie hatte jegliche Angst verloren und schien fast ein extrovertierter Mensch zu sein. Die beiden unterhielten sie eine halbe Stunde lang, als würden sie sich seit Ewigkeiten kennen. Der Vater verstand es, jedes Zusammensein zu gestalten, dass alle sich wohlfühlten.

Ferdinando Rancan wurde am 14. Juni 1926 in Tregnago (Verona) geboren. In der „Universitá della Sapienza“ von Rom machte er sein Diplomexamen in Biologie. In Verona wurde er zum Priester geweiht. Er hat mehrere Bücher geschrieben und Heftchen über die Zeit, über Ehe und Familie und die hl. Messe herausgegeben.


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