Heiliger Josefmaria Escrivá. Gründer des Opus Dei
 

Bürgerkrieg

Es handelte sich nicht nur um einen Bruderkrieg, sondern auch um eine massive Religionsverfolgung, eine der blutigsten in der Kirchengeschichte.

30. August 1936. Seit etwas über einem Monat ist Spanien in zwei Hälften zerrissen, die sich in einem blutigen Bruderkrieg gegenüberstehen. Wie viele andere Priester befindet sich auch Josefmaria in Lebensgefahr. Ständig muß er das Versteck wechseln. Vor dem Haus seiner Mutter haben die Milizionäre einen Mann gehenkt, der ihm ähnlich sah, in dem Glauben, daß er Josefmaria Escrivá sei. Nun ist er gemeinsam mit Juan – einem der ersten Mitglieder des Werkes – und einem Jungen, den er erst seit zwei Tagen kennt, bei Freunden untergekommen. Gegen zwei Uhr nachmittags läutet ein Trupp Milizionäre an der Tür. Sie durchstöbern ein Haus nach dem anderen auf der Suche nach Feinden, die sie ermorden, besonders, wenn es sich um Priester oder Ordensleute handelt. Die alte Hausangestellte öffnet und sagt mit lauter Stimme, so daß man es im ganzen Haus hört: »Ah! Ihr seid wegen der Hausdurchsuchung gekommen … Die Herrschaften sind nicht da, aber kommt nur herein!«

In größter Hast flüchten die drei über die Hintertreppe und verstecken sich in einer Dachkammer. Dort ist es eng, die Decke ist sehr niedrig, alles ist voller Kohlenstaub, und es gibt keine Lüftung. Die Hitze wird immer unerträglicher. Dann hören sie die Milizionäre näherkommen. Ihre Suche hat sie bis unters Dach geführt. Schon sind sie in der Kammer nebenan. Josefmaria sagt mit gesenkter Stimme zu den beiden jungen Leuten: »Jetzt wird es kritisch. Wenn ihr wollt, verrichtet einen Reueakt, und ich erteile euch die Absolution.«

Er spricht sie los von ihren Sünden. Juan fragt ihn: »Vater, was wird geschehen, wenn sie uns töten?«

»Wir werden auf direktem Weg in den Himmel kommen, mein Sohn.«

Das beruhigt Juan so sehr, daß er einschläft. Man kann hören, wie der Raum nebenan gründlich durchsucht wird. Jetzt kommen sie. Die Stunde ist da …

Doch nein! Sie gehen wieder die Treppe hinunter und verlassen das Haus! Die drei stoßen einen Seufzer der Erleichterung aus, doch sie verhalten sich still, bis um neun Uhr abends die Tore des Wohnhauses geschlossen werden. Sie sind in Schweiß gebadet, halb verdurstet, schmutzig und verstört. Einer der jungen Männer geht nach unten zu einer der Wohnungen: »Könnte ich bitte ein Glas Wasser haben?« Überrascht läßt die Frau ihn eintreten. »Oben sind noch zwei Männer.« »Dann holen Sie sie sofort!«

Sie können sich waschen und umziehen. Josefmaria lächelt, um seinen Gefährten Mut zu machen: »Bis heute habe ich nicht gewußt, wie kostbar ein Glas Wasser sein kann!«

Die Frau bietet ihnen ihre Gastfreundschaft an, die sie natürlich nicht ablehnen. Am Tag darauf gehen die Hausdurchsuchungen weiter. Häufig klopfen die Milizionäre an ihre Tür, weil sie Hilfe brauchen. Jedesmal zittern sie vor Angst. Die Frau schlägt vor, den Rosenkranz zu beten; Josefmaria greift ihren Vorschlag auf, ohne seine Identität zu verbergen: »Ich werde vorbeten, ich bin Priester.«

Schwierige Momente, Apostolat und gute Laune

Und wieder begibt er sich auf die Suche nach einem neuen Schlupfwinkel, ohne jemals wirklich in Sicherheit zu sein. Mit Ausbruch des Krieges hatten die wenigen Mitglieder des Opus Dei sich zerstreut. Der Vater – wie der Gründer von seinen geistigen Söhnen und Töchtern liebevoll genannt wurde – floh von einem Unterschlupf zum nächsten und war beständig in Gefahr. Heldenmütig lehnte er die wirklich sicheren Schlupfwinkel ab, weil diese nicht zu seinem priesterlichen Stand paßten. Zuweilen war die Straße der sicherste Ort, und so lief er von früh bis spät durch die Stadt und mischte sich unter die Leute.

Inmitten all dieser Gefahren feierte er weiterhin die Messe, wann immer es ihm möglich war, und leistete außer den Mitgliedern des Werkes, mit denen er noch in Verbindung stand, auch vielen anderen Menschen geistlichen Beistand. Er hielt sogar Einkehrtage und versammelte Menschen an den unmöglichsten Orten. Und immer wieder erreichten ihn Nachrichten, daß befreundete Priester den Märtyrertod erlitten hatten.

Einige Wochen lang fand er in einer psychiatrischen Klinik Unterschlupf, wo er sich mit Wissen des Direktors Dr. Suils geisteskrank stellte. Schließlich erhielt er mit einigen Freunden Asyl in der Vertretung von Honduras, die aufgrund ihres diplomatischen Status einige Sicherheit bot. Doch solche Plätze waren mit Flüchtlingen überfüllt, das Essen war knapp, die Stimmung gedrückt und angespannt. Der Vater stellte für die jungen Leute, die bei ihm waren, einen Stundenplan auf, sorgte dafür, daß sie für ihr Studium arbeiteten, hielt ihnen Betrachtungen und bewahrte sogar das Allerheiligste in einer kleinen Dose auf. Doch die größte Freude war, daß er nun praktisch jeden Tag die Messe feiern konnte. Isidoro Zorzano, der sich als argentinischer Staatsbürger frei bewegen konnte, hielt den Kontakt zwischen dem Vater und den anderen Mitgliedern aufrecht.

Der Übergang über die Pyrenäen

Doch wie lange würde dieser Krieg dauern? Würde die Verfolgung aufhören? Wie lange konnte es so weitergehen, ohne an der Ausbreitung des Werkes zu arbeiten? Er dachte darüber nach und beriet sich mit den jungen Leuten. Ja, sie mußten versuchen, den anderen Teil Spaniens zu erreichen, wo sie als Christen leben konnten. Der einzige Weg dorthin aber war gefährlich und mit ungewissem Ausgang. Er führte durch die Pyrenäen und Frankreich. Inzwischen war es September geworden, September 1937.

Dennoch war die Entscheidung zur Flucht für den Gründer nicht leicht. Ihn peinigte die Vorstellung, einen Teil seiner Freunde, seine Mutter und seine Geschwister in Madrid zurücklassen zu müssen, das in diesen Tagen einem Hexenkessel glich. Auf der anderen Seite drängte es ihn, sein Apostolat voranzutreiben, denn er wußte, daß dies der Wille Gottes war. Und ob es ihm gefiel oder nicht: das war nur im anderen Teil Spaniens möglich.

Mit falschen Papieren trafen sie am 10. Oktober in Barcelona ein. Dort sammelten sich die von Bergbewohnern oder Schmugglern angeführten Flüchtlingskarawanen. In Anbetracht der realen Gefahr mußte das natürlich in aller Heimlichkeit geschehen. Hungrig und ohne Geld mußten sie mehrere Tage lang warten, ehe endlich ein Kontaktmann mit ihnen Verbindung aufnahm. Erst in der zweiten Novemberhälfte konnte sich der Trupp auf den Weg machen.

Ein Fußmarsch im Winter quer durchs Gebirge, nachts unterwegs, tagsüber in irgendwelchen Verstecken, ohne jede Ausrüstung, die Erschöpfung monatelanger Entbehrungen noch in den Knochen und dazu ständig die Gefahr aufgegriffen und erschossen zu werden – ein solches Unterfangen wäre wohl niemandem leicht gefallen, erst recht nicht einer Gruppe von Menschen, die schon so lange unter dem unmenschlichen Krieg litten. Die einzelnen Etappen waren hart. Zuweilen mußten sie tagelang an ein und demselben Platz ausharren, weil die Führer es so anordneten. Der Vater hatte sich sogleich als Priester zu erkennen gegeben und feierte die Messe, sooft es ihm möglich war. Die letzte auf den Knien, im Schutz einer Höhle und mit einem Stein als Altar. Es war ein Erlebnis, das alle zutiefst erschütterte: »Nie habe ich einer Messe wie dieser beigewohnt. Ich weiß nicht, ob das an den Umständen liegt oder daran, daß der Priester ein Heiliger ist«, schrieb Jahre später einer der Anwesenden.

Mit viel Glück gelang es ihnen am 2. Dezember, die Grenze nach Andorra zu passieren. Hinter ihnen wurde geschossen. Sie waren erschöpft, aber in Sicherheit. Ein heftiger Schneesturm zwang sie, einige Tage im Fürstentum zu verweilen. Schließlich konnten sie weiterziehen. Ihr Weg führte sie nun durch Frankreich, und sie nutzten ihren kurzen Aufenthalt in Lourdes, um der Gottesmutter zu danken. Als sie in Hendaya erneut spanischen Boden betraten, stimmte der Vater das Salve Regina an.


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