Heiliger Josefmaria Escrivá. Gründer des Opus Dei
 

Als er die Stadt erblickte, weinte er über sie

Spuren unseres Glaubens
Wege durch das Heilige Land


Der Leidensweg Christi ist ein unausschöpfbarer Quell des Lebens.
Manchmal erleben wir von neuem den freudigen Drang, der den Herrn nach Jerusalem ziehen lässt. Ein andermal die quälende Todesangst, die erst auf Golgota sich vollendet...Dann wieder die Glorie seines Triumphes über Sünde und Tod. Immer aber, ob in der Gestalt der Freude, des Schmerzes oder der Glorie, erleben wir die Liebe des Herzens Christi. (Der Kreuzweg, 14. Station, Punkt 3)

Wir sind Zeuge der unerschöpflichen Liebe Christi von den ersten Takten des österlichen Geheimnisses an, als er sich auf macht, um in die Davidsstadt einzuziehen und den Weg über Bethanien und Betfage nimmt. Die Evangelien berichten, dass er zwei seiner Jünger vorausschickte mit der Bitte, ihm einen Esel zu holen, damit er auf ihm in die Stadt einreiten könne. Und während er den Abhang des Ölberges herunter ritt – begleitet vom Jubelgeschrei der Menge –, war er innerlich tief bewegt beim Anblick der Stadt. Er weinte über sie und sagte:

“Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was Dir Frieden bringt. Jetzt aber bleibt es vor deinen Augen verborgen. Es wird eine Zeit für Dich kommen, in der deine Feinde rings um dich einen Wall aufwerfen, dich einschließen und von allen Seiten bedrängen. Sie werden dich und deine Kinder zerschmettern und keinen Stein auf dem anderen lassen; denn du hast die Zeit der Gnade nicht erkannt." (Lk 19, 41-44)

Dominus Flevit
Die Kirche Dominus Flevit, die am Westabhang des Ölbergs gelegen ist, erinnert an jenes Weinen Christi beim Anblick der Stadt Jerusalem. Es handelt sich um eine kleine Kapelle, die 1955 vom Verein des Heiligen Landes auf einem Gelände errichtet wurde, das einer benediktinischen Gemeinschaft gehört, die ihren eigentlichen Konvent auf dem Gipfel hat. Obwohl die Tradition keinen sicheren Ort ausmachen kann, die dieser Aussage der Hl. Schrift zugeordnet werden könnte, da im Laufe der Zeit mehrfach wechselnde Angaben über dieses Geschehen gemacht wurden,- so weist der jetzige Ort doch Spuren christlicher Präsenz seit den ersten Jahrhunderten auf. Archäologische Ausgrabungen zwischen 1953 und 1955 stießen auf eine Nekropolis mit etwa hundert Gräbern, die von der Bronzezeit bis zur Zeit der Römer reichen. Sie beherbergen ebenso Gräber aus der herodianischen Zeit und solche, die byzantinischen Ursprungs sind. Bei Ausgrabungen wurden darüber hinaus die Überreste einer Kapelle und eines Klosters gefunden. Aufgrund der Mosaike, die im Boden eingelassen sind, wurden sie als aus dem 7. Jahrhundert stammend datiert.

Man gelangt zur der Kirche Dominus Flevit auf einer steilen Straße, die Getsemani mit dem Gipfel des Ölbergs verbindet. Der größte Teil des Abhangs nimmt das Tal des Josafat ein, das in Josua 4, 2 -12 beschrieben ist und heute verschiedene jüdische Friedhöfe beherbergt. Sobald man das Gebiet betritt, das den Franziskanern gehört, ist der Weg zur Kirche gesäumt von Zypressen, Ölbäumen und Palmen. In der Umgebung entdeckt man mehrere archäologische Ausgrabungen. Das Kirchengebäude besitzt ein griechisches Kreuz als Grundriss, das nach oben in ein Kreuzrippengewölbe übergeht. Es ist nach Westen ausgerichtet und besitzt ein großes Fenster in der Apsis, das den Blick auf die Stadt freigibt. Sie bietet dem Betrachter den gleichen Blick, den Jesus hatte, als er auf dem Weg von Betfage nach Jerusalem unterwegs war. An den Wänden werden in vier Reliefs Szenen vom Einzug Jesu in die Stadt Jerusalem dargestellt. Die Frontansicht des Altars ruft eine andere Szene des Evangeliums in Erinnerung.

„Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt. Darum wird euer Haus von Gott verlassen. Und ich sage euch von jetzt an werdet ihr mich nicht mehr sehen, bis ihr ruft: Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn.“ (Mt 23, 37-39; Lk 13, 34-35)

Vom äußersten Gipfel der gesamten Anlage hat man einen wunderbaren Blick auf die Altstadt. Besonders in den Morgenstunden, wenn die Sonne auf die Steine der Gebäude strahlt, ist der Anblick überwältigend: Unten liegt der Zedron, der Jerusalem vom Ölgarten trennt; am Ostabhang liegen die jüdischen Friedhöfe, und im Westen, in der Nähe der Mauer, die Friedhöfe der Moslems. Gegenüber erhebt sich die Esplanade des alten Tempels, auf der heute die Moscheen stehen; man sieht die vergoldete Kuppel des Felsendoms und die Al-Aqsa-Moschee zur Linken. Dahinter erblickt man die Grabeskirche und ein wenig weiter entfernt zur Rechten den hochaufgeschossenen Turm des Franziskanerklosters San Salvador, Sitz der Kustodie des Heiligen Landes. Am südlichen Teil der Mauer erkennt man die archäologischen Ausgrabungen auf dem Hügel des Ophel und die alte Davidstadt; noch weiter entfernt liegt zwischen Bäumen die Kirche Sankt Peter in Gallicantu und am Horizont erkennt man die Basilika der Dormitio-Abtei der Benediktiner auf dem Berg Sion.

Nachdem Don Alvaro in der Grabeskirche die hl. Messe gefeiert hatte, betete er am 18. März 1994 in dem Heiligtum Dominus Flevit .

Jesus weinte
“Der Einzug Jesu in Jerusalem bezeugt das Kommen des Gottesreiches. Der Messias-König, von den Kindern und den demütig gesinnten Menschen in seiner Stadt empfangen, wird es durch das Pascha seines Todes und seiner Auferstehung herbeiführen.“( Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 570)
Als die Jünger die Erfüllung der prophetischen Vorhersagen vor sich sahen und das Kommen des Reiches nahe zu sein schien, begleiteten sie Christus mit Freude. „Menschenmenge, Fest, Lobpreis, Frieden – ein Klima der Freude liegt in der Luft. Jesus hat in den Herzen viele Hoffnungen geweckt, vor allem bei den bescheidenen, einfachen, armen, vergessenen Menschen, bei denen, die in den Augen der Welt nicht zählen. Er war imstande, das menschliche Elend nachzuempfinden, hat das Gesicht der Barmherzigkeit Gottes gezeigt, hat sich niedergebeugt, um Leib und Seele zu heilen.
So ist Jesus! So ist sein Herz, das auf uns alle schaut, das auf unsere Krankheiten, auf unsere Sünden schaut. Groß ist die Liebe Jesu! Und so zieht er in Jerusalem ein: mit dieser Liebe. Und schaut uns alle an. Es ist eine schöne Szene: voller Licht – Licht der Liebe Jesu, Licht seines Herzens – Freude, Feststimmung.“ (Franziskus, Predigt, 24.03.2013)

Trotz dieser Jubelrufe von Seiten der Umstehenden ist der Herr traurig. Sein Einzug nach Jerusalem auf dem Rücken eines Esels ist die letzte Aufforderung an das Volk: „Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes, wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes und unsere Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens.“ (Lk, 1,78-79). Jerusalem aber, das so viele Zeichen des Meisters gesehen hatte, ist unfähig, den Messias und Erlöser zu erkennen. Der hl. Josefmaria zeichnet mit kräftigen Zügen den Kontrast zwischen der absoluten Hingabe Gottes und der Zurückweisung durch die Menschen:

„Er kam, um die Welt zu retten - die Seinen verleugnen Ihn vor Pilatus.
Er lehrte uns die Wege des Guten - sie führen Ihn auf den Weg des Kreuzes.
Er ist Vorbild gewesen in allem - sie entscheiden sich für einen Räuber und Mörder.
Er wurde geboren, um zu vergeben - sie verurteilen Ihn grundlos zum Martertod.
Er kam auf den Pfaden des Friedens - sie erklären Ihm den Krieg.
Er war das Licht - sie überliefern Ihn der Macht der Finsternis.
Er brachte die Liebe - sie zahlen es Ihm heim mit Hass.
Er kam, um seine Königsherrschaft aufzurichten - sie krönen Ihn mit Dornen.
Er wurde zum Knecht, um uns von der Sünde zu befreien - sie nageln Ihn ans Kreuz.
Er nahm Fleisch an, um uns das Leben zu geben - wir vergelten es Ihm mit dem Tod.“
(Der Kreuzweg, 13. Station, Punkt 1)

Bedenken wir, dass der Herr auch heute sein Volk aufsucht, jeden einzelnen, denn er ist ja unser Erlöser. Er unterweist uns durch die Lehre der Kirche, er schenkt uns seine Verzeihung und seine Gnade durch die Sakramente. Sollten wir uns dann nicht fragen, wie es um unsere Antwort bestellt ist?

“Du willst wissen, wie du dem Herrn danken kannst für alles, was Er für uns getan hat?... Mit Liebe! Einen anderen Weg gibt es nicht.
Liebe vergilt man mit Liebe. Aber die Gewissheit, von Herzen zu lieben, erhältst du nur durch das Opfer. Also Mut! Verleugne dich selbst und nimm Sein Kreuz auf dich. Dann darfst du sicher sein, dass du Seine Liebe mit Liebe erwiderst.“ (Der Kreuzweg, 5. Station, Punkt 1)




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