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Fragen und Antworten zum Glauben

Warum wurde Jesus zum Tode verurteilt?

Francisco Varo

Stichwörter: Lehre, Karwoche
Jesus von Nazaret wurde im Laufe seines öffentlichen Auftretens zu einer immer umstritteneren Gestalt. Die religiösen Führer in Jerusalem waren über die Volksbewegung, die die Ankunft dieses Rabbi aus Galiläa zum Paschafest ausgelöst hatte, ziemlich beunruhigt.

Auch die römischen Machthaber waren alarmiert, denn zu dieser Zeit gab es immer wieder kleine Aufstände gegen die römische Besatzung, angeführt von Aufrührern aus der jeweiligen Gegend, die an das Identitätsbewusstsein des jüdischen Volkes appellierten. Die Neuigkeiten, die ihnen hinsichtlich dieses neuen Lehrers zu Ohren gekommen waren, der davon sprach, das „Reich Gottes“ vorzubereiten, war für sie äußerst Besorgnis erregend.

So war also Jesus beiden Gruppen verdächtig, wenn auch aus anderen Gründen. Jesus wurde verhaftet und sein Fall wurde vor dem Sanhedrin verhandelt. Es war keine formelle Verhandlung, wie sie nach den später hinzugefügten Forderungen der Mischnah (Sanhedrin IV, 1) vorgesehen war, wonach auch die Regel galt, dass Prozesse tagsüber geführt werden sollten. Stattdessen gab es ein Verhör, das in Privathäusern stattfand, um die eingegangenen Anklagen oder die nur gefühlsmäßigen Verdächtigungen hinsichtlich seiner Lehre zu untersuchen. Das Verhör drehte sich im besonderen um seine kritische Haltung gegenüber dem Tempel, seinen Ruf als Messias, der ihm aufgrund seiner Worte und Taten vorausging, und allem voran um die von ihm berichtete Behauptung, Gott gleich zu sein. Mehr als wegen der lehrmäßigen Fragen selbst waren die religiösen Führer vermutlich in Unruhe bezüglich der Revolte, die aufgrund all dieser Fakten gegen die etablierten Autoritäten angezettelt werden konnte. Das wiederum konnte einen allgemeinen Volksaufstand hervorrufen, der von den Römern nicht toleriert werden würde, und der die aktuelle politische Lage noch verschlimmern würde.

Zu diesem Zeitpunkt des Verhörs gaben sie den Fall an Pilatus weiter, und so wurde die Diskussion über Jesus vor die römische Autorität gebracht. In Gegenwart des Prokurators brachten die religiösen Führer der Juden als Argument ihre Befürchtung vor, jemand, der von einem „Königreich“ spräche, könne eine Gefahr für Rom bedeuten. Pilatus hatte zwei mögliche Verfahrensweisen, um auf diese Situation zu reagieren. Eine war die coercitio („Strafe, Gewaltmaßnahmen“), zu der er befugt war, um die nötigen Schritte zur Wahrung der öffentlichen Ordnung zu unternehmen. Er konnte diesen Umstand als Berechtigung für eine exemplarische Strafe Jesu anführen oder ihn sogar als Warnung für andere zum Tode verurteilen. Oder er konnte eine cognitio („Untersuchung“) anberaumen, einen formalen Prozess, in dem eine Anklage formuliert, ein Verhör angestellt und ein Urteil in Übereinstimmung mit dem Gesetz gefällt wurde.

Anscheinend zögerte Pilatus hinsichtlich der zu ergreifenden Maßnahme, jedenfalls entschied er sich am Ende für die in den römischen Provinzen gebräuchlichste, die als cognitio extra ordinem bekannt ist, d.h. ein Vorgehen, in dem der Präfekt selbst die Regeln bestimmte und das Urteil fällte. Das kann man aus scheinbar nebensächlichen Kleinigkeiten entnehmen, die in den uns bekannten Berichten erscheinen: Pilatus nahm selbst die Anklagen entgegen, er führte das Verhör, er setzte sich auf den Richterstuhl, um das Urteil zu verkünden (Joh 19, 13; Mt 27, 19) und verurteilte Jesus wegen eines formalen Verbrechens zum Tode. Urteil und Strafe bezogen sich auf ihn als „König der Juden“, wie auf dem titulus crucis, dem Schild auf seinem Kreuz zu lesen war.

Historische Bewertungen von Jesu Prozess und Verurteilung müssen sehr vorsichtig ausgesprochen werden, um nicht in voreilige Verallgemeinerungen zu verfallen und so ungerechte Schlüsse nahe zu legen. Ganz besonders wichtig ist immer der Hinweis auf den im Grunde offensichtlichen Tatbestand, dass die Juden nicht kollektiv verantwortlich für den Tod Jesu sind.

„Da sich die Kirche bewusst ist, dass unsere Sünden Christus selbst treffen (vgl. Mt 25, 45; Apg 9, 4-5), zögert sie nicht, den Christen schwerste Verantwortung für die Qualen Christi zuzuschreiben – während diese die Verantwortung allzu oft einzig den Juden angelastet haben.“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 598)


BIBLIOGRAPHIE
- Simon Legasse, The Trial of Jesus, SCM Press, 1997.
- Papst Benedikt XVI., Jesus of Nazareth Teil 2, Herder, 2011.