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Dokumentation

Der Tempel in Jerusalem

J. Gil

Stichwörter: Glaube, Geschichte, Das Heilige Land, Spuren unseres Glaubens
Spuren unseres Glaubens
Wege durch das Heilige Land

Blick auf den Tempelberg von “Dominus Flevit” aus, dem Ort, wo der Tradition nach Jesus die Zerstörung des Tempels vorausverkündete. FOTO: LEOBARD HINFELAAR
Blick auf den Tempelberg von “Dominus Flevit” aus, dem Ort, wo der Tradition nach Jesus die Zerstörung des Tempels vorausverkündete. FOTO: LEOBARD HINFELAAR

„Als die Tage der Reinigung der Mutter nach dem Gesetz des Moses erfüllt waren, mussten sie mit dem Kind nach Jerusalem gehen, um Es dem Herrn darzustellen.“ (Der Rosenkranz, 4. freudenreiches Geheimnis)

Für jeden Christen ist die Heilige Stadt voll wunderbarer Erinnerungen an das irdische Leben des Erlösers: Jerusalem ist die Stadt, in der Jesus stirbt und von den Toten aufersteht. Sie ist die Bühne seiner Predigt und seiner Wunder. Hier verlebt er die intensiven Stunden vor dem Beginn seines Leidens, und hier setzt er in einem Akt unvorstellbarer Liebe die Eucharistie ein. Und an genau diesem Ort – im Abendmahlsaal – wird die Kirche geboren, als sie um Maria versammelt an Pfingsten den Heilige Geist empfängt.

Geschichte der Heiligen Stadt
Die Geschichte Jerusalems beginnt allerdings viel früher mit der Regierungszeit Davids in den Jahren 1010 bis 979 v. Chr. Auf Grund der geographischen Lage war die Stadt Jerusalem Jahrhunderte hindurch eine Enklave, die ausschließlich von den Jebusitern bewohnt war. Sie war für das Volk Israel bei der Eroberung des gelobten Landes uneinnehmbar. Sie liegt auf dem Gipfel einiger sie umgebender Hügel, die sich in aufsteigender Form aneinander reihen. Im Süden der höchsten Erhebung, die noch heute Ofel oder Stadt Davids genannt wird, befand sich die Festung der Jebusiter. Im Norden liegt der Berg Moria, der der jüdischen Tradition gemäß als der Ort der Opferung des Isaak angesehen wird (vgl. Gen 22, 2 und 2 Chr 3,1).
Der Bach Cedron, vom Ölberg aus gesehen.  FOTO: ALFRED DRIESSEN
Der Bach Cedron, vom Ölberg aus gesehen. FOTO: ALFRED DRIESSEN

Der Gebirgsstock, der eine mittlere Höhe von 760 m über dem Meeresspiegel hat, ist von zwei tiefen Flusstälern umgeben: auf der östlichen Seite vom Kidron, der die Stadt vom Ölberg trennt, und dem Ginon oder Gehenna im Westen und im Süden. Die beiden Flüsse münden in einen dritten Fluss Tiropeon, der die Hügel von Norden nach Süden durchfloss.

Als David Jerusalem einnahm, nahm er in der Festung seinen Wohnsitz und ließ mehrere Bauten errichten (vgl. 2 Sam 5, 6-12). Er machte es zur Hauptstadt seines Königreiches. Dorthin ließ er die Bundeslade übertragen, die das Zeichen der Anwesenheit Gottes unter seinem Volk war (2 Sam 6, 1-23). Der Entschluss, dort zu Ehren des Herrn einen Tempel zu errichten, der ihm als Aufenthaltsort dienen sollte (vgl. 2 Sam 1, 1-7, 1 Chr 22, 1-19; 28,1-21 und 29, 1-9) machte die Stadt zum religiösen Zentrum Israels. Aus biblischen Quellen geht hervor, dass sein Sohn Salomon im 4. Jahr seiner Regierung mit Bauarbeiten am Tempel begann und ihn im 11. Jahr seiner Regierung ungefähr um 960 v.Chr., einweihte (1 Kön 6, 37-38). Leider kann man keine archäologischen Funde als Beweise anführen, da in dieser Gegend Ausgrabungen kaum möglich sind. Die Errichtung der Bauten und ihre außergewöhnliche Schönheit werden jedoch in der Hl. Schrift detailliert beschrieben (vgl. 1 Kön 5,15-6,36; 7,13-8,13 und 2 Chr 2,1-5, 13).


Ein Ort der Gottesbegegnung
Der Tempel war der Ort, wo man Gott im Gebet begegnete und wo vorrangig die Opfer dargebracht wurden. Er war ein Zeichen für den göttlichen Schutz, den das Volk genoss, sowie ein Zeichen der beständigen Gegenwart des Herrn in seiner Mitte, der immer bereit war, die Bitten des Volkes zu erhören und denjenigen beizustehen, die sich in ihren Nöten an ihn wandten. Das spiegelt sich in den Worten wider, die Gott an Salomon richtet:

Ich habe dein Gebet gehört und diesen Ort als Opferstätte für mich erwählt. (...). Meine Augen sollen jetzt für das Gebet an diesem Ort offen sein und meine Ohren sollen darauf achten. Ich habe jetzt dieses Haus erwählt und geheiligt, damit mein Name hier ewig sei. Meine Augen und mein Herz werden allezeit hier weilen. Wenn du deinen Weg vor mir gehst, wie ihn dein Vater David gegangen ist und wenn du alles tust, was ich dir befohlen habe, wenn du auf meine Gesetze und Rechtsvorschriften achtest, dann werde ich deinen Königsthron bestehen lassen, wie ich es deinem Vater David zugesichert habe, zu dem ich gesagt habe: „Es soll dir nie an einem Herrscher über Israel fehlen.“ Doch wenn Ihr Euch von mir abwendet und meine Gesetze und Gebote übertretet, wenn ihr euch anschickt, andere Götter zu verehren und euch vor ihnen niederzuwerfen, dann werde ich euch aus meinem Land vertreiben, das ich euch gegeben habe. Dieses Haus, das ich meinem Namen geweiht habe, werde ich aus meinem Angesicht fortschaffen und zum Gespött und Hohn unter allen Völkern machen.Je4der, der an diesem Haus, das so erhaben war, vorübergeht. Wird sich entsetzen und fragen. Warum hat der Herr diesem Land und diesem Volk das angetan? (2 Chr 7,12-21;1 Kön 9, 1-9)
Graphik der
Graphik der "National Geographic"

Grafiken der "National Geographic": http://ngm.nationalgeographic.com

Die Geschichte der folgenden Jahrhunderte zeigt in welchem Maße sich diese Worte erfüllt haben. Nach dem Tod Salomons wurde das Reich zweigeteilt in das Nordreich mit der Hauptstadt Samaria, das 722 v. Chr. von den Assyrern erobert wurde, und das Südreich Juda mit Jerusalem als Hauptstadt, das 597 von Nebukadnezar unterworfen wurde. Sein Heer machte 587 die Stadt und den Tempel dem Erdboden gleich und deportierte den größten Teil der Bevölkerung nach Babylon.

Vor der Zerstörung Jerusalems mangelte es nicht an von Gott gesandten Propheten, die dem formalistischen Kult so wie der Götterverehrung die Schuld gaben und zu einer tiefen inneren Bekehrung aufriefen. Sie erinnerten daran, dass Gott seine Anwesenheit im Tempel an die Treue zum Bundesschluss gebunden hatte. Sie ermunterten das Volk dazu, die Hoffnung auf eine definitive Erneuerung nicht aufzugeben. Auf diese Weise wuchs die von Gott eingegebene Überzeugung, dass die Rettung durch die Treue eines Dieners Gottes kommen würde, der gehorsam die Sünden des Volkes auf sich nehmen würde.

Der zweite Tempel und die Ankunft der Römer
Schon nach wenigen Jahren erfuhren die Israeliten erneut den Schutz Gottes. Der Perserkönig Cyrus eroberte Babylon im Jahre 539 v. Chr. und befreite sie. Sie durften mit seiner Erlaubnis nach Jerusalem zurückkehren. Am gleichen Ort, wo der frühere Tempel gestanden hatte, wurde der zweite, bescheidenere Tempel erbaut, der 515 eingeweiht wurde. Der Mangel an politischer Freiheit, den sie zwei Jahrhunderte ertragen mussten, unterband nicht die Entwicklung eines intensiven religiösen Lebens. Auch nach der Invasion durch Alexander des Großen im Jahre 332 v. Chr. blieb die relative Ruhe zur Entfaltung des religiösen Lebens erhalten. Das Gleiche lässt sich von der nachfolgenden Herrschaft der Ägypter sowie der darauf folgenden der Dynastie der Ptolomäer sagen.

Graphik: J. Gil
Graphik: J. Gil
Erst 200 v. Chr. änderte sich die Situation mit der Eroberung Jerusalems durch die Seleuziden. Sie waren eine Dynastie mazedonischen Ursprungs, die sich in Syrien niedergelassen hatte. Ihre Versuche, dem jüdische Volk eine hellenistische Kultur überzustülpen, die in der Profanation des Tempels im Jahre 175 v. Chr. ihren Höhepunkt erreichten, endeten in einen Aufstand der Bewohner Palästinas. Der glückliche Ausgang des Makkabäeraufstandes im Jahre 167 erlaubte die Wiederherstellung des Tempelkultes und begünstigte darüber hinaus, dass ihre Nachfahren, die Hasmonäer, die Herrschaft in Judäa etablierten.

Im Jahre 63 v. Chr. fiel Palästina in die Hände des römischen Generals Pompejus. Damit begann eine neue Epoche: Herodes der Große ließ sich von Rom zum König über Palästina ernennen und mit einem Heer ausstatten. Nachdem er seine Herrschaft zum Teil mit brutalen Mitteln gefestigt hatte, eroberte er im Jahre 37 v.Chr. Jerusalem. Er verschönerte die Stadt, ließ neue Bauten errichten und sorgte ab dem Jahre 20 v. Chr. für die Wiederherstellung und Erweiterung des Tempels.

Der Weg der Heiligen Familie zum Tempel
Maria und Josef waren sicher schon in ihrer Kindheit zum Tempel gepilgert und hatten ihn schon kennen lernen können, bevor sie, als die Tage der Reinigung der Mutter vorüber waren, sie mit Jesus zum Tempel gingen, um ihn darzustellen. (Lk 2, 22) Es bedurfte mehrerer Stunden um zu Fuß oder auf einem Esel reitend die 10 km zwischen Bethlehem und der Heiligen Stadt zurückzulegen. Vielleicht beflügelte sie die Ungeduld, möglichst bald der Gesetzesvorschrift nachzukommen, die nur von wenigen in ihrem wahren Umfang verstanden wurde.“ Die Darstellung Jesu im Tempel zeigt ihn als den Erstgeborenen, der dem Herrn gehört“ (KKK, 529) Das Gesetz des Moses schrieb die Darstellung des Erstgeborenen im Tempel in Erinnerung an die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei vor (Ex 13, 1-2 und 11-16). Die Eltern mussten jeden Erstgeborenen mit einer Opfergabe auslösen, die in Silberlingen bestand, die den Wert von 20 Arbeitstagen darstellte. Das Gesetz legte auch für die Frau die vorgeschriebene Reinigungszeit nach einer Geburt fest (Lev 12,2-8).
Maria, die immerwährende Jungfrau, unterwarf sich der Gesetzesvorschrift in aller Natürlichkeit, obwohl sie dazu eigentlich nicht verpflichtet war.

Der Weg nach Jerusalem folgt leicht ansteigend den Windungen der Hügel. Als sie näher kamen, sahen sie vermutlich schon die Umrisse des Tempels am Horizont. Herodes hatte die Oberfläche des freien Platzes um das Doppelte vergrößern lassen und hohe Mauern, von denen einige fast viereinhalb Meter dick waren, zur Befestigung anlegen lassen. Er hatte das abfallende Terrain mit Erde anschütten oder durch eine Konstruktion unterirdischer Bögen abstützen lassen. Diese Esplanade bildete so eine rechtwinklige Fläche, deren Seitenlänge 485m im Westen, 314m im Norden, 469m im Osten und im Süden 280m betrug. In ihrer Mitte ragte der Tempel auf, der von einem weiteren eigenen Bezirk umgeben war. Der Tempel selbst bestand aus einem großen Block, der mit weißen Steinen und goldenen Platten umkleidet war. Er hatte eine Höhe von 50 Metern.

Die Pilger gelangten meist vom Südwesten her zum Tempel.  FOTO: ALFRED DRIESSEN
Die Pilger gelangten meist vom Südwesten her zum Tempel. FOTO: ALFRED DRIESSEN
Wenn man von Bethlehem kommend auf den Tempel zuging, gelangte man an das Jaffator, das am westlichen Teil der Stadtmauer gelegen war. Von hier aus führten verschiedene kleine Gassen in gerader Linie zum Tempel. Die Pilger traten normalerweise vom Süden her in den Tempelbezirk. Zu Füssen der Mauern gab es zahlreiche Basare, wo Maria und Josef die Opfergabe kaufen konnten, die für die Reinigung vorgesehen war. Für die Armen bestand sie in zwei Turteltauben oder zwei junge Tauben. Wenn man die breiten Treppen hinaufstieg, durchquerte man die sogenannte Doppelte Pforte und gelangte schließlich durch riesige unterirdische Gänge zum Tempelplatz.

Ein enger Durchgang mündete schließlich in den Vorhof der Heiden, den geräumigsten Teil des gigantischen Platzes. Er war in zwei Zonen unterteilt: zum einem der erweiterte Teil des Platzes, der von Herodes angeordnet worden war, dessen äußere Mauer große Säulenhallen aufwies. Der andere Teil des Innenhofes hatte die frühere Ausdehnung beibehalten. Meistens herrschte großer Lärm auf der Esplanade, da dieser Hof alle jene aufnahm, die gerne dort zusammenkommen wollten, egal ob Ausländer oder Israeliten, Pilger oder Bewohner von Jerusalem. Der Lärm der Menge mischte sich mit dem Krach der Handwerker, die in den noch nicht vollendeten Zonen arbeiteten, um sie fertig zu stellen.

Das Innere des Tempels und die Begegnung mit Simeon
Josef und die Maria machten dort nicht Halt. Sie durchquerten das Hulda-Tor, das den Vorhof begrenzt. Sie ließen den soreg hinter sich, die Brüstung, die den Teil begrenzte, der den Heiden unter Todesstrafe zu betreten untersagt war. Schließlich gelangten sie in den Bereich des Tempels, zu dem man von Osten her Zugang hatte. Möglicher weise war es im Hof der Frauen, wo sie auf den greisen Simeon trafen, der ihnen entgegenkam. Er war auf Eingebung des Hl. Geistes dort hingegangen in der Gewissheit, an diesem Tag den Erlöser zu sehen. So suchte er ihn in der Menge. „Vultum tuum, Domine, requiram“ wiederholte gegen Ende seines Lebens der hl. Josefmaria, um seinen Wunsch, das Antlitz des Herrn sehen zu dürfen, Ausdruck zu verleihen.
Archäologischer Ausgrabungsort im Süden des Tempelbergs. FOTO: LEOBARD HINFELAAR
Archäologischer Ausgrabungsort im Süden des Tempelbergs. FOTO: LEOBARD HINFELAAR

Ich würde lügen, wenn ich leugnete, dass mich der Wunsch das Antlitz Gottes zu betrachten, sehr bewegt. Vultum tuum, Domine, requiram. Ich möchte dein Antlitz schauen, Herr. Ich schließe die Augen und denke daran, wie es sein wird, wenn der Augenblick kommt, wann immer Gott will, und ich ihn sehen werde, nicht mehr “in rätselhaften Umrissen…, sondern von Angesicht zu Angesicht“ (1 Kor 13, 12). (Aufzeichnungen aus einem Beisammensein, 10.4.1974, veröffentlicht in „El hombre de Villa Tevere, Plaza y Janes, Barcelona, Februar 1995, Kap. 19, S. 479).

Schließlich erkannte Simeon den Messias in dem Kind, das er in den Armen hielt und lobte Gott mit den Worten: “Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das Du vor allen Völkern bereitet hast“ (Lk 2, 28-31).
Die Felsendommoschee. FOTO:ALFRED DRIESSEN
Die Felsendommoschee. FOTO:ALFRED DRIESSEN

In dieser Szene des Evangeliums enthüllt sich das Geheimnis des Sohnes der Jungfrau: Er ist der Gesandte des Vaters, der in die Welt kommt um treu seinen Willen zu erfüllen (Hebr 10, 5-7). Simeon zeigt auf ihn und verkündet mit prophetischen Worten seine vollkommene Hingabe an Gott und seinen endgültigen Sieg (Lk, 2, 32-35). Es ist die Begegnung der beiden Testamente – des Alten und des Neuen. Jesus, der der neue Tempel in seiner Person ist, betritt den alten Tempel. Er besucht sein Volk; er gehorcht dem Gesetz und führt damit die endgültige Zeit der Erlösung herbei. (Benedikt XVI., Predigt am Vorabend des Festes der Darstellung im Tempel, 2.2.2011)

Simeon segnete das junge Paar und wandte sich dann an die Muttergottes: „Sieh, dieser ist gesetzt zum Fall und zur Auferstehung vieler in Israel bestimmt; er ist ein Zeichen des Widerspruchs. Deine eigene Seele wird ein Schwert durchdringen. So werden die Gedanken vieler Herzen offenbar werden“ (Lk 2, 34-35). In dieser Atmosphäre des Lichtes und der Freude, die die Ankunft des Erlösers umgibt, vervollständigen diese Worte die Botschaft Gottes, denn sie erinnern daran, dass der Messias geboren wird, um Gott ein vollkommenes und einzigartiges Opfer darzubringen – das Opfer des Kreuzes (KKK, 529). Was Maria betrifft, „so endet ihre Rolle in der Erlösung nicht bei dem Geheimnis der Menschwerdung, sondern sie erfüllt sich ganz durch die liebevolle und schmerzhafte Teilnahme an Tod und Auferstehung ihres Sohnes. Indem sie das Kind nach Jerusalem bringt, bringt die Muttergottes Gott das wahre Lamm dar, das die Sünden der Welt hinwegnimmt.“ (Benedikt XVI., Homilie während der Messe am Fest der Darstellung des Herrn, 2.2.2006)

Die Reinigung der Muttergottes
Immer noch unter dem Eindruck der Worte des Simeon, denen die Begegnung mit der Prophetin Anna folgte, wandten sich Maria und Josef zur Pforte des Nicanor zwischen dem Hof der Frauen und dem der Israeliten. Dort stiegen sie die 15 Stufen der halbrunden Treppe hinauf, um sich dem Priester zu zeigen, der die Gaben entgegennahm und die junge Mutter mit Weihwasser besprengte. Durch diese Zeremonie war das Kind losgekauft und die Mutter gereinigt.

Graphik der
Graphik der "National Geographic"
Siehst du? Sie, die Unbefleckte, unterwirft sich dem Gesetz, als ob sie der Reinigung bedürfte. Lehrt dich dieses Beispiel nicht, mein törichtes Kind, das heilige Gesetz Gottes trotz aller persönlichen Opfer zu erfüllen?
Sich reinigen! Du und ich wir brauchen wirklich Läuterung! – Sühne, und weit mehr als nur das: die Liebe. Eine Liebe, die wie ein glühendes Eisen den Schmutz von unserer Seele wegbrennt, die wie ein Feuer unsere armseligen Herzen mit göttlichen Flammen entzündet.“
(4. Geheimnis des freudenreichen Rosenkranzes)

Die Kirche fasst alle Teile dieses Geheimnisses im Tagesgebet des Festtages zusammen: „Allmächtiger, ewiger Gott, dein eingeborener Sohn hat unsere menschliche Natur angenommen und wurde am heutigen Tag im Tempel dargestellt. Läutere unser Leben und Denken, damit wir mit reinem Herzen vor dein Antlitz treten.“(Röm. Messbuch, Tagesgebet am Fest der Darstellung des Herrn.)

Die Zerstörung des Tempels
Jesus Christus hatte vorausgesagt, dass vom Tempel kein Stein auf dem anderen bleiben werde (Mt 24, 2; Mk 13, 2, Lk 19, 44 und 21, 6). Diese Worte erfüllten sich im Jahre 70 n. Chr., bei der Belagerung durch die römischen Truppen. 50 Jahre später, nach der Niederschlagung des zweiten jüdischen Aufstands durch die Römer, wurden die Juden schließlich unter Androhung der Todesstrafe aus Jerusalem vertrieben. Kaiser Hadrian ließ eine neue Stadt, die er sie Aelia Capitolina nannte, auf den Überresten der alten erbauen. Auf den Tempelruinen wurden Heiligtümer des Jupiter und des Kaisers selbst aufgerichtet.

Modell des Tempels des Herodes, das sich im israelischen Museum befindet. FOTO: ALBERTO PERAL- ISRAEL TOURISM.
Modell des Tempels des Herodes, das sich im israelischen Museum befindet. FOTO: ALBERTO PERAL- ISRAEL TOURISM.
Im 4. Jahrhundert, als Jerusalem eine christliche Stadt wurde, errichtete man zahlreiche Kirchen und Basiliken über den heiligen Stätten. Der Tempelberg aber blieb verlassen, obwohl man den Juden einmal jährlich gestattete an der westlichen Mauer, die heute noch als Klagemauer bekannt ist, zu beten.

Die Ausdehnung des Islam, der 638 n. Chr., schon 6 Jahre nach dem Tod Mohammeds, nach Jerusalem kam, brachte eine totale Veränderung mit sich. Die ersten Herrscher konzentrierten ihre Aufmerksamkeit besonders auf den Tempelplatz, denn der Tradition gemäß ist Mohammed an dieser Stelle in den Himmel aufgefahren. Sehr bald wurden dort zwei Moscheen gebaut: im Zentrum, über dem Ort, den früher das Allerheiligste eingenommen hatte, der Felsendom, der im Jahre 691 n. Chr. fertiggestellt wurde. Er ist noch in seiner ursprünglichen Architektur erhalten. Im Süden, wo in der Zeit des Herodes die größte Säulenhalle stand, entstand die Al-Aqsa-Moschee. Sie wurde 715 n. Chr. beendet, aber im Laufe der Zeit mehrmals renoviert.

Seit damals, die kurzen Phasen der Herrschaft der Kreuzritter im 12. und 13. Jahrhundert ausgenommen, haben die Moslems immer das Recht über diesen Ort gewahrt, dem sie den Namen Haram-al-Shafir – das edle Heiligtum – gaben. Sie betrachten es nach Mekka und Medina als das drittwichtigste Heiligtum des Islam.

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Die Apostelgeschichte hat uns zahlreiche Zeugnisse hinterlassen, wie die zwölf Apostel und die ersten Christen für das Gebet zum Tempel gingen und dabei Zeugnis von der Auferstehung Christi gaben (Apg 2, 42, 3; 1, 5; 12, 20-25). Zur gleichen Zeit versammelten sie sich in den Häusern zum Brechen des Brotes (Apg 2, 42 und 46), zur Eucharistiefeier. Von Anfang an war damit klar, dass „die Zeit des Tempels vorbei war. Es gab nun einen neuen Kult in einem nicht von Menschen erbauten Tempel. Dieser Tempel war sein Leib. Der Auferstandene, der die Völker sammelt, und sie im Sakrament seines Leibes und Blutes vereint“ (Joseph Ratzinger/Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung S.33-34).