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Persönliche Zeugnisse

Seit mehr als 20 Jahren bin ich querschnittsgelähmt

Guillermo Juez, Biologe, Philosoph, Priester, Spanien

Spanien, 1 Januar 2002

Stichwörter: Gute Laune, Kreuz, Krankheit, Gotteskindschaft, Jesus Christus
Ich möchte darüber sprechen, wie mir das Beispiel und die Botschaft des heiligen Josefmaria bei dem Versuch geholfen haben, meine Krankheit zu heiligen und in ihr Christus zu finden.

Doch noch ein paar erklärende Worte vorab. Während dieser Jahre habe ich manchmal mit Kranken besprochen, von denen einige mehr Erfahrung mit Schmerzen hatten als ich. Und ich habe den Eindruck gewonnen, dass uns Kranken oder Behinderten natürlich die fehlende Gesundheit gemein ist, dass wir aber sonst in jeder Hinsicht verschieden sind. Das spiegelte sich für mich in der Tatsache wider, dass es einen gemeinsamen Kern im Geist des heiligen Josefmaria gibt, auf den wir alle – die Kranken, mit denen ich gesprochen habe und ich selbst – uns fixieren; dann jedoch achten wir je nach Verletzungstyp und persönlicher Wesensart auf unterschiedliche Aspekte seines Lebens und seiner Schriften.

Als ich zum Beispiel vor einiger Zeit in Pamplona mit einem Blinden sprach, der zudem noch an zunehmender Taubheit leidet, konzentrierte er sich auf andere Punkte als ich, der ich querschnittsgelähmt bin. Das hat mich dazu geführt, den Reichtum der Botschaft des heiligen Josefmaria noch mehr zu bewundern. Ich spreche also im Folgenden über einige der Aspekte, die sie enthält, jedoch bleibt noch Vieles ungesagt.

Was genau hat mir nun geholfen, Christus in der Krankheit zu begegnen und der Behinderung selbst einen Sinn zu geben? Als ich vor Jahren nach dem Unfall aus der Klinik kam, wurde ich Mitglied einer Vereinigung von Behinderten. Dort erläuterte man mir die Ziele, die diese Gruppe erreichen wollte: barrierefreies Wohnen, Subventionen u.a. Ich bekam praktische Ratschläge für die Handhabung des Rollstuhls. Ich lernte, ohne Hilfe ins Auto ein- und auszusteigen. Das ist sehr nützlich, aber es berührt nicht das eigentliche Problem, dessen Schlüssel die Sinnfindung ist: Was kann diese Behinderung, dieses Leiden für mich bedeuten?

Der Gedanke des heiligen Josefmaria, der mir in dieser Hinsicht vom Moment des Unfalls an geholfen hat, ist: „Wir tragen immer das Kreuz. Aber es ist das Kreuz des Sieges, das Unterpfand wahrer Gotteskindschaft.“ (Die Spur des Sämanns, 70). Der heilige Josefmaria verbindet das Kreuz Christi mit der Freude, Kind Gottes zu sein. Jesus Christus, der Sohn Gottes, hat durch seinen Tod am Kreuz die ganze Menschheit erlöst und so dem Schmerz Sinn und Wert verliehen. Wenn wir also an unserem Kreuz hängen, wenn wir leiden, dann können wir christusförmiger und daher noch mehr Kind Gottes und von Gott Vater geliebt sein. Wir sind glücklicher und auch wirksamer, weil wir bei der Erlösung der Welt mithelfen.

Wenn es Gottes Wille ist, dass der Rollstuhl und alles, was er mit sich bringt, mir helfen soll, christusförmiger, wirksamer und mehr von Gott geliebt zu sein, dann hat die Krankheit einen Sinn, dann lohnt sie sich. Man ist nicht mehr trotz des Rollstuhls glücklich, sondern weil man im Rollstuhl sitzt. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Und die Schlussfolgerung ist ganz einfach: Gott danken, weil ich im Rollstuhl sitze.

Meine weiteren Überlegungen basieren auf einer Geschichte, die 1974 in Ecuador passiert ist, und die mir einmal erzählt wurde. Seither habe ich in meinem Gebet oft darüber nachgedacht. Der heilige Josefmaria hatte damals bereits mehrere Wochen seiner aufreibenden katechetischen Reise durch verschiedene Länder Südamerikas hinter sich. In Quito hatte er die Höhenkrankheit bekommen und war ernsthaft krank. Als jemand ihm gegenüber erwähnte, dass ihm diese seine Lage leid tat, antwortete er mit diesen oder ähnlichen Worten: „Aber es geht mir doch blendend in Quito! Ich bin sehr zufrieden. Jesus, ich sage ja dazu, so eingeschränkt zu sein in diesen Tagen, mein ganzes Leben lang, wann immer du willst. Du wirst mir die Gnade, die Freude und die gute Laune geben, um viel Spaß zu haben, um dir zu dienen und aus der Annahme dieser Kleinigkeit ein Gebet voller Liebe zu machen.“

Aus dieser Geschichte, so glaube ich, kann man wenigstens vier Schlussfolgerungen ziehen: es gilt, den Willen Gottes anzunehmen und zu entdecken, dass er uns die Gnade entsprechend unserer Schwierigkeiten gibt; dass er uns auffordert, diese froh zu ertragen; dass er uns erkennen lässt, dass es sich im Grunde nur um Kleinigkeiten handelt. Ich gehe noch etwas näher auf diese Gedankengänge ein:

Ich bin einverstanden, mit Grenzen zu leben. Ich erinnere mich, wie ich nach der Entlassung aus der Intensivstation – nach dem Unfall – mit der Reha begann. Es schien absehbar, dass ich gelähmt bleiben würde, aber es war nicht sicher. Unter denen, die eine Reha machten, sprach man viel über diese Sorge, die jeder hinsichtlich dieser Zeit der Wiederherstellung und der möglichen Folgen hatte. Mir half es, diesen Satz zu wiederholen: „Ich sage ja dazu, so eingeschränkt zu sein in diesen Tagen, mein ganzes Leben lang, wann immer du willst.“ So konnte ich die Therapie mit mehr Ruhe durchziehen. Man setzt alle Mittel ein, aber man weiß, dass man in dem Maß gesund wird, wie es dem Willen Gottes entspricht, weder eine Minute früher, noch eine Minute später, noch einen Millimeter mehr, noch einem Millimeter weniger. Und dass das Ergebnis für mich das Beste sein wird. Ich wiederhole gerne zwei Stossgebete, die ich vom heilige Josefmaria gelernt habe: „Alles gereicht zum Guten.“ Und „Herr, mach mit mir, was du willst.“

„Du wirst mir die Gnade, die Freude und die gute Laune geben.“ Zu jeder Krankheit gibt es eine entsprechende Gnade. Wird das Schicksal härter, gibt es auch mehr Hilfe Gottes. Wenn man mir vor dem Unfall gesagt hätte, dass ich mit 29 Jahren gelähmt sein würde, wäre mir das äußerst hart erschienen. Heute sehe ich, dass es viel einfacher ist, als es schien, weil Gott mir genügend Gnade gibt.

Der Gründer des Opus Dei fügt hinzu: „Um viel Spaß zu haben.“ Das war für mich überraschend. Er bittet um Freude und gute Laune, um in seiner Krankheit noch vergnügt zu sein. Das ist meiner Meinung nach ein ganz wichtiger Punkt. Es geht nicht darum, das Kreuz nur zu ertragen, sondern es zu lieben. Das Bemühen darum, den positiven und „sympathischen“ Aspekt der eigenen Begrenzungen und Leiden zu finden, das scheint mir eine geistlich und menschlich sehr heilsame Übung zu sein. Der Rollstuhl gibt dazu viele Gelegenheiten. Und es ist leichter zu verwirklichen, wenn man erkannt hat, dass man im Leiden Christus sein kann. Der Versuch, sich froh mit Christus am Kreuz zu verbinden, scheint mir ein anziehender Tip des heiligen Josefmaria. Christus hat auch am Kreuz gelitten, um uns Leiden zu ersparen.

Die Annahme dieser Kleinigkeiten soll Gebet sein. Er besteht auf dem Gedanken der Kleinigkeiten. Ich übersetze das für mich so: „Beklag dich nicht, so schlimm ist es nun wirklich nicht.“ Nicht nur, weil es Menschen gibt, die mehr zu leiden haben, sondern vor allem, weil Christus das Leiden besiegt hat.

Wie lebt man mit der Behinderung im Alltag? Es geht darum das eben Gesagte jeden Tag in die Tat umzusetzen. Ich liste hier einige Punkte auf, die ich vom heiligen Josefmaria gelernt habe.

Der Empfang der Sakramente (Kommunion und Beichte) und das Gebet. In der Tat bekommt man durch die Sakramente und das Gebet die Kraft, ein wirklich christliches Leben zu führen und konkret die Krankheit übernatürlich zu sehen. Es ist mir eine große Hilfe, das Evangelium zu betrachten (das ganze Leben Christi und besonders sein Leiden und seine Anteilnahme an fremdem Schmerz) wie auch die Schriften des heiligen Josefmaria und viele andere Texte, die helfen, dem Schmerz einen erlösenden Sinn zu geben. Dazu gehört vor allem der Brief „Salvifici doloris“ von Johannes Paul II. vom 11. Februar 1984.

Immer wieder neu beginnen, ohne mutlos zu werden. Im Wissen darum, dass die Dinge niemals auf Anhieb klappen – jedenfalls bei mir nicht. Mal schaffst du es besser, mal weniger gut.

Einig werden sich an ein kurzes Gespräch des Gründers des Opus Dei mit einer gelähmten Frau bei einem Treffen in Argentinien erinnern, das gefilmt wurde. Zuerst gibt er ihr den Rat, die Krankheit aufzuopfern, dann gibt er ihr einen sehr vernünftigen und gleichzeitig übernatürlichen Hinweis: Wenn du etwas brauchst, sag es. Die Demut haben, um körperliche und geistliche Hilfe zu beanspruchen. Das Gefühl überwinden, nicht stören zu wollen. Aber auch um Hilfe bitten, um gegen Ticks und Manien anzugehen; oder gegen egoistische Verhaltensweisen, Faulheit und launenhaftes Benehmen – all das kann sich mit der Entschuldigung einer chronischen Krankheit leicht einschleichen. In diesem Zusammenhang ist die Unterstützung durch die nächsten Angehörigen (außer der ärztlichen Hilfe) von großer Bedeutung. Hier möchte ich dem Opus Dei danken – das meine Familie ist – für alle Pflege und allen Einsatz in diesen Jahren, so wesentlich, um die Krankheit gut zu tragen. Auch das ist ein Erbe des heiligen Josefmaria. Ich bin auch dankbar für die feinfühlige und respektvolle Behandlung, die ich in der Klinik der Universität von Navarra erfahren habe. Dort hat man vom heiligen Josefmaria gelernt, im Kranken Christus zu sehen.

Während der ersten Monate nach dem Unfall reduziert sich die äußere Tätigkeit auf ein Minimum. Und man hat den Eindruck, das würde immer so bleiben. Später sieht man, dass es so schlimm doch nicht ist, denn die Jahre vergehen und hier bin ich zu meiner Überraschung bei einem internationalen Kongress in Rom. Aber damals konnte ich mir so etwas nicht vorstellen. Immer wenn ich dachte, dass meine tägliche Aktivität sehr spärlich sein würde, half mir die Erinnerung an den Satz: „In den Augen Gottes ist keine Arbeit, für sich genommen, ‚groß’ oder ‚klein’. Allein die Liebe, mit der sie getan wird, bestimmt ihren Wert.“ (Die Spur des Sämanns, 487)

Die Krankheit als berufliche Arbeit. Man muss ein guter Kranker sein. In meinem Fall ein guter Querschnittsgelähmter. Das bedeutet unter anderem, den Ärzten zu gehorchen und alle Fähigkeiten, die man hat, voll auszunutzen. Wenn man Auto fahren kann, muss man die anfängliche Angst wegen des Unfalls überwinden und es wieder tun; wenn es möglich ist, eine gewisse Unabhängigkeit im normalen Alltag zu erwerben, muss man das erreichen; die Hindernisse in den Wohnungen etc. überwinden so gut es geht. Und so mit allem.

Manchmal wurde ich gefragt: Bist du ein bisschen böse auf den heiligen Josefmaria, weil er von Gott nicht deine Heilung erreicht hat? Oder: Wie kann es sein, dass er keine Fürsprache eingelegt hat, damit du geheilt wirst? Nach allem Gesagten ist die Antwort klar: Der Rollstuhl ist für mich. Die Querschnittslähmung (oder jedwede Krankheit) ist die Möglichkeit, die Gott uns gibt, damit wir eine Reihe von übernatürlichen und menschlichen Tugenden erwerben, die wir auf andere Art nicht erworben hätten. Sie erlaubt uns – ich sage nicht, dass es leicht ist –, verschiedene Tugenden zu entfalten: Geduld, übernatürliche Sicht, Opferbereitschaft, Dankbarkeit für Hilfen, Demut, Ausdauer usw. Und auch – das ist nicht wenig –, von den eigenen Fehlern gereinigt zu werden und Verdienste für den Himmel zu erwerben. Das ist der Gnadenerweis, den der heilige Josefmaria mir erwirkt hat. Physisch habe ich sehr wenig verloren und er hat mir geholfen, geistlich reicher zu werden.

Außerdem pflegt Gott, wenn er gewisse Dinge nicht gewährt, hinzuzufügen: „Meine Gnade genügt dir“ (2 Kor 12, 9).