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Dokumentation

Schmerz und Leid in der Botschaft des seligen [heiligen] Josemaría Escrivá

Jutta Kahlen

Stichwörter: Liebe zu Gott, Lehre, Schmerz, Krankheit, Spuren im Schnee
Als Josemaría im Alter von 15 Jahren an einem kalten Wintertag im Schnee die Fußspuren eines unbeschuhten Karmeliters ausmachte, war ihm eines sofort klar: hier ist eine große Liebe zu Gott im Spiel. Dieser Fußabdruck und die zugehörige Assoziation hinterließen eine tiefe Prägung in seinem jungen Herzen. Man könnte sie als Ausgangspunkt seiner eigenen Lebensspur ansehen, die von da an über fast sechs Jahrzehnte kraft einer alles überwindenden Liebe zu Gott vor Unannehmlichkeiten nicht zurückwich.

Geschult durch ein christliches Elternhaus, wo er am Beispiel seiner Eltern erlebt hatte, wie man aus Liebe zu Gott Schmerz und Leid annimmt, ohne zu verbittern oder zu verzweifeln, machte ihm dieses Erlebnis eindringlich klar, daß ein Leben in der Nachfolge Christi eine ausdauernde Kreuzesnähe verlangt. Gut zehn Jahre später erfuhr er die besondere Erwählung, Gründer des Opus Dei zu sein. Dieser ganz persönlich und ausschließlich an ihn ergangene Ruf Gottes forderte von ihm während seines ganzen Lebens eine oft heroische Leidensbereitschaft. Die nach seinem Tode herausgegebenen Biographien, die auf Zeitzeugenberichten sowie Veröffentlichungen seiner persönlichen Aufzeichnungen basieren, berichten in eindrucksvoller Weise davon. Sein ganz besonderes Verdienst ist es jedoch, sozusagen den »gewöhnlichen Christen auf der Straße« den erlösenden Wert ihrer kleinen und großen Alltagsnöte neu erschlossen zu haben; eine Weisheit aus dem Schatz der Kirche, die Gott im zwanzigsten Jahrhundert besonders durch das Opus Dei den Menschen wieder besser zugänglich machen wollte. Erweist sich doch die Gottesnähe im Lebensalltag eher selten in einer Beglückung wie auf dem Berg Tabor, als tagtäglich im Angebot der Kreuzesnähe.

Die Dimension der Miterlösung
Escrivá war es gegeben, besonders tief zu verstehen, daß die Menschen die erlösende Kraft des Kreuzes Christi vor allem in der liebevollen Annahme der Widerwärtigkeiten ihres jeweiligen Alltags erfahren können. So erhält jede menschliche Not eine miterlösende Dimension. Schmerz und Hoffnungslosigkeit verwandeln sich in das Fundament einer tiefen Freude und Heilszuversicht.

Es ist eine allgemeine Erfahrung, daß der Mensch im Rahmen seiner beruflichen Arbeit sowie innerhalb der Rolle, die er in Familie und Gesellschaft zu übernehmen hat, neben Erfüllung und Anerkennung auch Mißerfolg, Enttäuschung und Schmerz erlebt. Ganz auf der Negativseite des Erlebens liegen Krankheit und Tod.

Viele persönliche Zeugnisse berichten davon, wie Escrivá von Leid Getroffenen neue Horizonte eröffnete und ihnen half, durch den Blick auf die übernatürliche Dimension den eigentlichen und tiefsten Sinn einer schweren Situation zu erfassen.

Eltern eines behinderten Kindes zum Beispiel oder erwachsenen Behinderten selbst machte er klar, daß der Wert und die Würde eines Menschen nicht in seiner äußeren Ansehnlichkeit oder seiner Geschicklichkeit und Intelligenz liegen, sondern in der Gottesebenbildlichkeit, die der oberflächlichen Einschätzung des allzu menschlichen Blicks verborgen bleibt. Geradezu als erfrischend empfindet man seinen in einem Video aufgezeichneten Dialog mit einer an den Rollstuhl gefesselten Argentinierin, der er klarmacht, daß sie in einem übernatürlichen Sinn gar nicht gelähmt ist, sondern durch ihr Gott liebendes Herz einen weltweiten Aktionsradius hat, ob sie nun ihre äußerste Hilfsbedürftigkeit Gott aufopfert oder für die Früchte seines priesterlichen Wirkens auf einem anderen Kontinent betet.

Nicht von ungefähr war María Ignacia García Escobar – die erste Frau, die Escrivá als Mitglied in das Opus Dei aufnahm – eine Schwerstkranke, die an einer unheilbaren Darmtuberkulose in fortgeschrittenem Stadium litt. Die Heiligung durch die berufliche Arbeit, um die die Mitglieder des Opus Dei sich tagtäglich bemühen, war für sie die Annahme der Krankheit mit ihrer aussichtslosen Prognose und den unangenehmsten körperlichen Beschwerden. Diese konnten damals mit den zur Verfügung stehenden medizinischen Mitteln allenfalls geringfügig gelindert werden.

Dank der geistlichen Ratschläge des seligen Josemaría gelang es dieser jungen Frau in zunehmendem Maße, ihre Qualen Gott zu schenken und sie als Opferpreis für weitreichendes apostolisches Wirken anderer zu schätzen. Dies wiederum schenkte ihr einen tiefen Frieden, denn es machte ihr elendes Krankenlager gleichsam zur Bohrinsel geistlicher Energien für das gerade erst entstandene Opus Dei.

Kurz vor ihrem Tode am Vorabend des Festes Kreuzerhöhung 1933 schrieb sie über sich selbst ins Tagebuch, daß sie »trunken ist vor Glück«. Und Escrivá faßt in seinem Aphorismenband »Im Feuer der Schmiede« ihren Reifungsprozeß durch das schwere Leid wie folgt zusammen: »Die Kranke, der ich geistlichen Beistand leistete – wie groß war ihre Liebe zum Willen Gottes! Sie sah ihre lange, schmerzhafte Krankheit – eine weitverzweigte Krankheit: nichts an ihr war heil – als Segen Gottes und als Zeichen der Auserwählung. In ihrer Demut meinte sie, sie habe nur Strafe verdient; jedoch waren die schrecklichen Schmerzen im ganzen Körper keine Strafe, sondern Zeichen der Barmherzigkeit. Wir unterhielten uns über den Tod und über den Himmel. Auch darüber, was sie Jesus und der Muttergottes sagen würde … und wie sie von dort aus besser ›arbeiten‹ könnte als hier auf Erden … Sie hatte den Zeitpunkt ihres Todes Gott überlassen … sagte aber fröhlich: wie schön, wenn es noch heute wäre! Sie betrachtete den Tod mit der Freude eines Menschen, der weiß, daß Sterben Heimgang zum Vater ist.«1

Niemand weiß, wie vielen Kranken der selige Josemaría auf ähnliche Weise half, Verlassenheit und Verzweiflung des Ausgeliefertseins an eine unheilbare und qualvolle Krankheit in die Freude der bevorstehenden Gottesschau zu verwandeln und nach einer reuevollen Lebensbeichte die krankheitsbedingten Schmerzen als Gelegenheit zur Sühne dankbar anzunehmen.

Seine langjährigen durch den schweren Diabetes mellitus bedingten körperlichen Beschwerden (Sehstörung, Kopfschmerzen, kaum heilende Wunden, Hunger und Durst zur Unzeit) bejahte er als »Gebet des Fleisches«, das seinen kühnen apostolischen Plänen ein sicheres Fundament gab. So versetzte er seine Zahnärzte in Erstaunen, wenn er sie bei der Durchführung der üblichen Torturen in seinem Mund auch nach geraumer Zeit nicht abwies, oder seine engsten Mitarbeiter, wenn diese eher zufällig bei ihm sehr schmerzhafte Wunden entdeckten, die Grund genug gewesen wären, seine intensive Arbeit für einige Tage zu unterbrechen.

Die Tapferkeit im Aushalten von krankheitsbedingten Beschwerden war nicht notgedrungene Folge eines Fatalismus oder gar Mißtrauens in die Wirksamkeit der Medizin. Jeder chronisch Kranke kennt das mit den Jahren zunehmende Maß an Beschwerden, die nicht mehr anhaltend und vollständig gelindert werden können. Es besteht dann die Versuchung, eine verzweifelte Odyssee durch die Heilmethoden der Medizin anzutreten und mit jedem neuen Mißerfolg zum Leidwesen seiner ratlosen Angehörigen eine immer noch vorwurfsvollere Leidensmiene aufzusetzen.

Wie wohltuend ist es dagegen, einem Menschen mit chronischem Leiden – wie es für fast alle älteren Menschen in irgendeiner Form zutrifft – zu begegnen, der seinen unvermeidbaren Schmerz sozusagen übernatürlich verinnerlicht, eben Gott geschenkt hat. Er weiß dann um seine Kostbarkeit als Miterlöser, und sein tiefes Glück ist manchmal auf seinem Gesicht abzulesen.

Die Kranken sind »ER«
Es kommt immer wieder vor, daß selbst engste Angehörige und auch von Berufs wegen Pflegende angesichts eines Schwerkranken Hilflosigkeit oder gar Abscheu befällt. Hier lohnt es sich, einmal Escrivás Eifer, ja geradezu Sehnsucht nach Umgang mit Schwerstkranken zu betrachten. Sie war so groß, daß er sogar in den Jahren vor Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges, als es für einen Priester immer schwieriger und gefährlicher wurde, öffentlich bekannt als Seelsorger tätig zu sein, kein Risiko scheute (Ansteckung, Beschimpfung, Lebensbedrohung) und keinen Einsatz (große Entfernung, Zeitmangel), um immer wieder neue Möglichkeiten zu finden, Schwerkranken an Leib und Seele zu dienen.

Diese Sehnsucht nach Umgang mit den Kranken, Verlassenen und Ärmsten hatte bei ihm drei Wurzeln:

Zum einen bedeutete es für ihn eine direkte Nachahmung des liebevollen Umgangs Christi mit den Kranken, die ihm bei seinem öffentlichen Wirken begegneten, also intensivste Nächstenliebe nach dem Vorbild des Herrn. Jahre später schrieb er: »Du sagtest mir, im Leben Jesu gebe es Szenen, die dich besonders ergreifen: so wenn Er mit leidenden Menschen zusammentrifft … Wenn Er den an Leib und Seele Geschundenen Frieden und Genesung bringt … Es sei ergreifend zu sehen, wie Er den Aussatz heilt, das Augenlicht wiederschenkt, den Gelähmten am Teich gesund macht, den armen Teufel, den alle vergessen haben … Er erscheint dir dann so ganz und gar menschlich, so nah! Ja, Er ist es, denn Er bleibt immer derselbe wie damals.«2

Zum zweiten sah Escrivá in den Kranken Christus selbst, der unsagbar leidet. »Für einen in Ihn verliebten Menschen sind die Kinder und die Kranken wirklich Er.«3 Dadurch wurde seine Nächstenliebe jedoch nicht etwa aufgehoben, sondern gleichsam »verdoppelt« in Gottes- und Nächstenliebe zugleich. Wo andere sich vielleicht voll Ekel oder aus Gleichgültigkeit abwenden, sah er beim leidenden Menschen – Kraft seiner Beschaulichkeit – in das Antlitz seines geliebten Herrn. So fiel es ihm nicht schwer, sich zu den niedrigsten Diensten zu überwinden, und fühlte sich seinerseits durch die Beglückung der Gottesnähe von den Kranken reich beschenkt. Er erfuhr hierdurch dankbar eine Stärkung und Erbauung seines inneren Lebens, wie er es für die Erfüllung der großen Aufgaben, die Gott ihm mit der Gründung des Opus Dei aufgetragen hatte, dringend brauchte.

Die dritte Wurzel seiner Sehnsucht nach Umgang mit Kranken und Leidenden war sein Wissen um die übernatürlichen Früchte eines aus Liebe zu Gott angenommenen Leidens für den Leidenden selbst und für alle Anliegen, die dieser zu den seinen macht. Diese Sicht des Schmerzes wurde für viele, die sich seiner geistlichen Führung anvertrauten, bei aller menschlichen Not zur Quelle eines tiefen inneren Friedens. Ja es waren nicht etwa leere Phrasen, sondern gehaltvollster Trost, wenn er einigen Kranken angesichts einer Verschlimmerung ihrer Leiden diese Zusammenfassung seiner priesterlichen Erkenntnisse im Umgang mit Leidenden quasi als Gebet vorsprach: »Gesegnet sei der Schmerz. – Geliebt sei der Schmerz. – Geheiligt sei der Schmerz … Verherrlicht sei der Schmerz!«4 Er konnte Menschen zu diesem Grad der inneren Reife führen, weil er selbst darin geübt war, so mit Leid umzugehen.

Gott lohnt reichlicher als wir es uns vorstellen können.
Bis zu seinem zwölften Geburtstag waren seine drei jüngeren Schwestern bereits gestorben. Ein Jahr später machte das Geschäft seines Vaters bankrott und litt die Familie alle Schmach und Entbehrungen eines gravierenden sozialen Abstiegs. Wenige Monate vor seiner Priesterweihe starb unerwartet sein Vater. Neben dem schmerzlichen Verlust sah sich der selige Josemaría nun auch vor der Pflicht, zusätzlich zu seinen kargen Einkünften aus seiner priesterlichen Tätigkeit über Jahre noch mehr Geld zu verdienen, um seine Mutter und die anderen beiden Geschwister finanziell über Wasser zu halten.

Rückblickend bezeichnete er diese Leiden seiner Kindheit und Jugend als Vorbereitung auf seine spätere Lebensaufgabe. »Um meinetwillen haben die, die um mich waren, viel leiden müssen. Katastrophen habe ich nicht verursacht, aber um mich, den Nagel, zu schmieden, schlug der Herr – verzeihe mir, Herr – einmal auf ihn und hundertmal auf das Hufeisen. So habe ich meinen Vater gleich einem Hiob leiden sehen, und doch war er dabei innerlich froh und zeigte seinen Schmerz niemals nach außen. Der Starkmut, den ich da sah, ist für mich eine Schule gewesen, denn später sollte ich selbst erleben, wie der Boden unter mir wankte und der Himmel über mir zusammenstürzte, als würde ich zwischen zwei Eisenplatten zerdrückt.«5

Die Erkenntnis, daß seine Eltern und Geschwister – in späteren Jahren auch weiterhin – seinetwegen viel zu leiden hatten, war für ihn sehr schmerzlich. Er erging sich aber nicht in Selbstvorwürfen, ihnen dieses mit seinen menschlichen Mitteln in keiner Weise vergelten zu können. Er traute ihnen vielmehr die Größe zu, ebenfalls aus Liebe zu Gott viel leiden zu können, und vertraute fest darauf, daß Gott selbst es ihnen reichlich lohnen werde. So konnte er sie immer wieder um Hilfe bitten oder für seine Angehörigen eher unangenehme Entscheidungen treffen, wenn zum Beispiel die Entwicklung des Opus Dei dies erforderlich machte.

Ein tapferes Kind
»Du willst es Herr? Dann will ich es auch!«6 war sein schlichtes Gebet bei Widerwärtigkeiten aller Art. Oft kam es ihm spontan über die Lippen, weil er es gewohnt war, den Herrn an seiner Seite zu wissen, der wie ein guter Vater für sein Kind zwar unangenehmes, nie aber schädliches zuläßt.

Gelegentlich mußte er sich zu diesem »fiat« mit aller Kraft durchringen, wie etwa, wenn er den Tod eines geliebten Menschen beweinte oder wenn er verleumdet oder nicht verstanden wurde. Menschlich wie vernichtet vor Enttäuschung nahm er stets Zuflucht zum Herrn im Tabernakel. »Herr, wenn du meine Ehre nicht brauchst, wozu will ich sie dann haben?«7 betete er einmal in einem Moment drohender Verzweiflung. Und bestärkt im Bewußtsein, daß die Liebe und Zuneigung seines Vaters Gott ihm nie fehlen werden und kostbarer sind als alle Wertschätzung von Menschen, konnte er sich wieder froh auf seine Arbeit konzentrieren und seinen Widersachern ohne Vorbehalt begegnen.

Die innere Einsamkeit mitten unter Familienangehörigen ist heute ein verbreitetes Leidensphänomen. Egoismen in Form von Profitgier, Gleichgültigkeit und Genußsucht bauen psychische Barrieren auf, die eine personale Begegnung nicht mehr zulassen. Unverständnis und Ablehnung bei der kleinsten Schwierigkeit sind oft die Folge. Im Berufs- und Gesellschaftsleben können sogar Weitsicht und Tüchtigkeit eines Menschen zu seiner Isolierung führen, wenn Kleinmut und Mißgunst seine Mitarbeiter gefangenhalten. Wem dann Gott ein Du ist, mit dem er in einem lebendigen Dialog steht, der ist nie wirklich einsam. Er lernt Christus auch hier nachzuahmen, zu dessen Erlösungsvollzug auch die bittere Einsamkeit von Golgotha gehörte.

Viele Menschen, die Escrivás Gottesnähe spürten, baten ihn in einer schweren Lebenssituation um tröstenden Rat. So zum Beispiel die Eltern eines Kleinkindes, das unerwartet gestorben war, oder ein Mann, der seine Angehörigen bei einem Autounfall verloren hatte. Escrivás Antworten gaben wirklich Trost und Perspektive, weil er nicht – wie oft üblich – mit billigen Ersatzangeboten vom Schmerz ablenkte, sondern seine eigene erprobte Tapferkeit in ähnlichen Situationen, seine Liebe zur betroffenen Person und sein unerschütterliches Gottvertrauen in seinen Worten spürbar wurden. »Gott ist nicht wie ein Jäger, der auf ein Stück Wild ansitzt, um es bei der geringsten Unachtsamkeit zur Strecke zu bringen. Gott ist wie ein Gärtner, der die Blumen pflegt, sie begießt, sie beschützt, und Er pflückt sie erst dann, wenn sie am schönsten sind, kräftig und üppig. Gott nimmt die Seelen zu sich, wenn sie reif sind.«8

Schmerz und Leid sind keine Strafe Gottes, sondern eine Einladung, auf intensivere Weise mit ihm verbunden zu sein. »Wenn du einmal das Kreuz ganz nahe spürst, erschrick nicht und gib nicht auf: es ist eine Liebkosung des Herrn. Merkst du nicht, wie im zwischenmenschlichen Bereich dasselbe passiert? Wenn zwei Menschen sich lieben, sind die Freuden und Leiden des einen auch die des anderen. Genauso wird ohne Zweifel Christus dir sehr nahe sein, wenn du das Kreuz wirklich auf dich nimmst.«9

Die Mannesreife der Gotteskindschaft
Die unerschütterliche Überzeugung, daß Gott ein gütiger Vater ist, der nie enttäuscht, wurzelte bei ihm jedoch nicht in rein theoretischen, geschweige denn süßlichen Überlegungen über das Jesuskind. Sie wurde ihm vielmehr zusammen mit dem Gründungscharisma des Opus Dei ins Herz gegeben, als Fundament von dessen Spiritualität. Gefestigt wurde dieses Bewußtsein der Gotteskindschaft gerade in einer Zeit größter Widerwärtigkeiten und innerster Not. Im April 1963 äußerte er sich hierzu in einer Betrachtung. »Als der Herr mir jene Schläge versetzte, damals im Jahr 1931 etwa, da verstand ich es nicht. Und plötzlich inmitten jener übergroßen Bitternis, diese Worte: Du bist mein Sohn (Ps 2,7), du bist Christus. Und ich konnte nur antworten: Abba, Pater!; Abba, Pater!; Abba!, Abba!, Abba! … Du hast bewirkt, Herr, daß ich verstehe, daß das Kreuz besitzen bedeutet, das Glück zu finden, die Freude. Und der Grund – ich sehe es deutlicher denn je – ist dieser: das Kreuz besitzen heißt einswerden mit Christus, heißt Christus sein und deshalb Sohn Gottes.«10

Escrivá sieht die christliche Identität in dem Bewußtsein, ein reifer Sohn Gottes zu sein, der sich in seinem jeweiligen Lebensumfeld daranmacht, wie Christus zu handeln. Das führt zwangsläufig zur Begegnung mit dem Kreuz. Vielleicht gereift durch jahrelanges Bemühen um opferwillige Annahme äußerer Widerwärtigkeiten, wird ein Mensch schließlich fähig, das Kreuz auch in seinem Innersten zuzulassen, ja wirklich zu umarmen. Dies betrifft vor allem die Konfrontation mit den Schwächen und Grenzen der eigenen Person, wie auch die Erkenntnis der Notwendigkeit, sich in dem einen oder anderen Punkt seiner eigensten Wesensart grundlegend zu ändern.

Der Lebensentwurf eines jungen Menschen ist üblicherweise geprägt von den zu erwartenden Erfolgen: eine steile berufliche Karriere, deren erste Stufen oft auch fast mühelos erklommen werden; vielleicht auch eine glückliche Ehe mit dem sorgfältig ausgesuchten idealen Partner sowie einer angemessenen Zahl von »Musterkindern« zum vorgesehenen Termin; alles eingebettet in materielle Sicherheit und nie endende Gesundheit. Wie oft bleibt diese Planung jäh stecken, weil die eigenen Fähigkeiten für die angestrebte Karriere doch nicht reichen und andere eben besser sind; wird die Ehe zum Problem, weil die eigene Anpassungsfähigkeit doch enge Grenzen hat und die blankliegenden Nerven den Rausch der ersten Verliebtheit längst ersetzt haben; fühlt man sich durch die aufmüpfigen Kinder eher blamiert und erbarmungslos kritisiert als geehrt. Bei mit zunehmendem Alter nachlassenden Kräften und Chancen sieht man sich wie in einer Sackgasse des Lebens: raus geht es nur mit dem Rückwärtsgang der Demut, die alleine einem hilft, die eigenen Unzulänglichkeiten einzugestehen und sie als Kreuz zu erkennen und zu bejahen. Mit dem so neu gewonnenen inneren Frieden erwächst die Kraft zu einem noch weitergehenderen Schritt der Annäherung an das Kreuz: der Bereitschaft und dem geduldigen Versuch, sich grundlegend zu ändern, sich »entkernen« zu lassen. Was uns selbst vielleicht jahrzehntelang geliebte und selbstverständliche Lebensart gewesen ist, wird nun – da als störend oder falsch erkannt – umgekrempelt, ausgerissen wie der Inhalt eines renovierungsbedürftigen Altbaus. »Wie deutlich wird es doch zu bestimmten Zeiten, daß der Herr mehr von mir erbittet.«11

Und in der Tat: es hilft keine Fassadenrenovierung, wenn ein marodes Haus wieder wirklich brauchbar sein soll. Bei einer so grundlegenden Renovierung hat man zeitweise den Eindruck, daß nun alles kaputt ist, gar nichts mehr trägt. Ein Mensch in dieser Phase der inneren Erneuerung kann sich völlig haltlos, wie vernichtet fühlen, wenn er nicht Freunde oder Angehörige hat, die durch ihre Zuneigung die nötige Wärme vermitteln, die hilft, die Angst zu überwinden. Es ist aber auch die Chance, in dieser äußersten Nacktheit das Kreuz Christ zu umarmen und dem Herrn den Ausgang der Renovierung ganz zu überlassen. »Ich tauge nichts, ich habe nichts, ich bin nichts … Du aber hast das Kreuz bestiegen, damit ich mir deine unendlichen Verdienste zu eigen machen kann … Dann werfe ich einen scheuen Blick auf mein Leben und sage: O Gott, dies ist eine dunkle Nacht! Nur dann und wann ein Licht. Weil deine Barmherzigkeit groß ist und meine Antwort so jämmerlich … Das alles bringe ich dir dar, Herr, denn etwas anderes habe ich nicht.«12

Frohen Herzens kein Tag ohne Kreuz
Viele Jahre lang schrieb der selige Josemaría zu Beginn eines neuen Jahres sozusagen als Leitmotiv in sein Direktorium: »In laetitia nulla dies sine cruce!« Frohen Herzens kein Tag ohne Kreuz! Das war kein krampfhafter Vorsatz, sondern eine Grundhaltung, die immer wieder zum Tragen kam. Die Aufforderung Christi, sich selbst zu verleugnen und täglich sein Kreuz auf sich zu nehmen (Lk 9,23), ist keine Aufforderung zu Bedrückung und Traurigkeit. Es ist eine Einladung, das Abenteuer des eigenen Lebens bewußt mit Gott an seiner Seite zu wagen, und so die unvermeidlichen Schwierigkeiten als das Kreuz auf sich zu nehmen, das zur Freude der Auferstehung führt. Wer aus dem Wunsch der Christusnachfolge heraus Art und Ausmaß seiner Widerwärtigkeiten Gott ganz überläßt, lebt unverkrampft; er ist nicht trotz seiner Leiden froh, sondern in ihnen. »Sich dem Willen Gottes ohne Vorbehalte anheimgeben, bringt zwangsläufig Frieden und Freude, das Glück des Kreuzes. Dann stellt man fest, daß das Joch Christi sanft und seine Bürde leicht ist.«13 Je größer die Schwierigkeiten, desto mehr wird Gott helfen, und je tiefer der Schmerz, desto größer die Empfänglichkeit eines Menschen für die innigste Vertrautheit mit Gott. »Wenn wir die Widerwärtigkeiten und den physischen oder seelischen Schmerz nicht bloß erdulden, sondern lieben und als Sühne für unsere eigenen Sünden und für die Sünden aller Menschen Gott darbringen, dann – ich versichere es euch – bedrücken uns die Schmerzen nicht mehr … Freiwillig das zu sein, was Simon von Cyrene war, dem zerschundenen Leib des Schmerzensmannes nahe – das ist für eine Seele, die liebt, kein Unglück, denn das gibt uns die Gewißheit, daß Gott nahe ist und uns mit dieser Auserwählung segnet.«14

Ein frohes Herz bleibt trotz eigener Bedrängnis offen und frei für die Probleme der Mitmenschen. Wie traurig, wenn jemand an seinem Leid offensichtlich zu zerbrechen droht; er ist wie gefesselt und kann nur noch um sich selbst kreisen. Er ist auch nicht mehr belastbar für die eigentlichen Aufgaben seines Lebens, ganz zu schweigen von der Hilfe, die seine Freunde und Angehörigen eigentlich auch in ihren Nöten von ihm erwarten dürften.

Eine angenehme Frucht der Gottesnähe in den Widerwärtigkeiten ist der Humor. Er nimmt Leid und Entbehrungen Bitterkeit und Schwere und macht sie so auch für unsere mitleidenden Freunde erträglicher. Wer etwa eine Behinderung oder einen Verlust wirklich Gott geschenkt hat, der kann selbst herzhaft über die möglichen Folgen lachen und so seinen Mitmenschen einiges an Bedrückung und Peinlichkeit ersparen. In einer Zeit besonderer Erschöpfung auf Grund der vielen Arbeit nahm der selige Josemaría – statt sich zu bedauern – sich selbst auf den Arm, indem er sich immer wieder mehr Schlaf versprach, den er dann aber doch nicht bekam. »Wißt ihr, was ich eine Zeitlang tat, als ich so erschöpft war, daß ich kaum einschlafen konnte? Morgens, beim Aufstehen, sagte ich zu mir, vor dem Essen wirst du dich etwas hinlegen. Und wenn ich aus dem Haus ging, mein Arbeitsprogramm für den Tag vor Augen, fügte ich hinzu: Josemaría, ich habe dich wieder einmal betrogen.«15

Das Training der kleinen Kreuze des Alltags
Zum Glück ereilt uns nicht täglich ein Schicksalsschlag, und es wird auch nicht von uns erwartet, daß wir unseren Charakter im Hauruck-Verfahren bessern. Aber um ein einschneidendes Ereignis im gegebenen Augenblick als Kreuz annehmen zu können, bedarf es eines langjährigen Trainings im Kleinen. Wir haben einen Hang zum Angenehmen, alle Sinne rufen nach Befriedigung; »Genuß sofort« ist die Maxime des Zeitgeistes. Nicht selten prallen wir auf die Ansprüche unserer Mitmenschen und geraten wegen einer Kleinigkeit mit ihnen in einen trennenden Konflikt. Die Enttäuschung über unerfüllte Erwartungen führt zu Beleidigtsein und Rückzug, ja auch versteckter Rache. »Wir Christen sollten uns ein für allemal vor Augen halten: wir sind Christus nicht nah, wenn wir es nicht fertigbringen, auf dieses ganze Knäuel unserer Launen, unserer Eitelkeit, unseres Wohlergehens, unserer Interessen spontan zu verzichten … Doch gib nicht der Vorstellung in dir Raum, du wärest dann zu einem glücklosen Dasein verurteilt; denn dein Glück wird recht armselig sein, wenn du nicht Selbstüberwindung lernst und dich von deinen Leidenschaften und Launen tyrannisieren läßt, statt aufrecht das Kreuz zu tragen.«16

Wie wohltuend ist das Zusammenleben mit einem Menschen, der es versteht, die kleinen Widerwärtigkeiten und unerfüllten Wünsche Gott zu schenken, statt schlecht gelaunt mit Sticheleien und Vorwürfen seinen Mitmenschen das Leben schwer zu machen. »Die treffende Bemerkung und der Witz, die du dir verkneifst; das freundliche Lächeln für einen, der dich stört; das Schweigen gegenüber ungerechten Vorwürfen; wohlwollendes Verhalten gegenüber zudringlichen Menschen und solchen, die ungelegen kommen; Nachsicht mit den lästigen Angewohnheiten derjenigen, mit denen du täglich zu tun hast und die dir auf die Nerven fallen …«17

Zu besonderer Empfindlichkeit neigen wir, wenn wir auch nur leicht erkrankt sind: wir suchen Mitleid und Zuwendung, erwarten Ausnahmeregelungen oder verweigern die Arbeit. Dadurch überfordern wir oft unsere Angehörigen und Kollegen und verpassen eine Gelegenheit, das Kreuz im Kleinen zu tragen. »Wenn du ein armes Holzkreuz siehst, einsam, erbärmlich, wertlos und ohne Gekreuzigten, dann wisse, daß dieses Kreuz dein Kreuz ist: das Kreuz jeden Tages, verborgen, ohne Glanz und ohne Trost. Es wartet auf seinen Gekreuzigten. Dieser Gekreuzigte mußt du sein.«18

Der selige Josemaría warnte vor »falschen« Kreuzen, das heißt rein subjektiven Sorgen und Problemen, die manchmal unser Egoismus konstruiert und von denen wir im Grunde gar nicht loskommen wollen. »Im Alltagsleben müssen wir viel von uns fordern, damit wir uns nicht bei falschen Sorgen und künstlichen Bedürfnissen aufhalten, die wir selbst erfinden; sie stammen meist aus Einbildung, Launenhaftigkeit, Bequemlichkeit und aus der Trägheit des Geistes.«19

Die Seligkeit zu lieben
»Es ist seliger zu leiden, als nicht zu lieben«, heißt es im Traktat von Josef Pieper über die Liebe. Diese Art von Seligkeit ist dem oberflächlich nach Glück suchenden Menschen nicht zugänglich; deshalb ist er ständig auf der Flucht vor dem Leid, das ihn jedoch immer wieder einholt. Wer wirklich liebt, leidet, aber ohne zu verzweifeln. »Gelegentlich spricht man von der Liebe, als ob sie nur ein Drang zur Befriedigung oder ein bloßes Mittel zur egoistischen Ergänzung des eigenen Ichs wäre; aber das ist falsch. Wahre Liebe ist ein Herausgehen aus sich selbst, ist Hingabe seiner selbst. Liebe bringt Freude, eine Freude aber, deren Wurzeln die Form des Kreuzes haben.«20 Das gilt für die Liebe zu einem Menschen genauso wie für die Liebe zu Gott. »Auf dieser Erde sind Leid und Liebe untrennbar; in diesem Leben muß man mit dem Kreuz rechnen. Wer nicht mit dem Kreuz rechnet, ist kein Christ. Wer nicht mit dem Kreuz rechnet, wird ihm trotzdem begegnen und wird außerdem im Kreuz die Verzweiflung finden. Wenn ihr mit dem Kreuz rechnet, mit Jesus Christus am Kreuz, könnt ihr sicher sein, daß ihr in den härtesten Situationen, die kommen können, nicht allein seid, daß ihr glücklich, sicher und stark sein werdet … Den Leuten erscheint alles übermäßig schwer, wenn Dinge kommen, die nicht gut sind. Für uns, die wir mit Jesus Christus vertraut sind, unserem Herrn und unserer Liebe, gibt es keine Widerwärtigkeiten und keine schlechten Ereignisse: omnia in bonum!«21 Denen, die Gott lieben, gereicht alles zum Guten. Die Erlösung durch Christus findet ihre Vollendung am Kreuz. Wer sein ganzes Leben lang versucht, sein Alltagsleiden mit dem Leiden Christi zu verbinden, kann ohne Furcht sterben, denn er hat Gott – so gut er konnte – immer geliebt.

Kaum jemand wurde bei seinem Tod weltweit von so vielen Menschen aufrichtig beweint wie der selige Josemaría. Es war der Schmerz der Dankbarkeit, von ihm die tiefste Dimension der Liebe gelernt zu haben.

Anmerkungen
1 Im Feuer der Schmiede, 1034.
2 Die Spur des Sämanns, 233.
3 Der Weg, 419.
4 Der Weg, 208.
5 Zit. bei Salvador Bernal, Msgr. Josemaría Escrivá de Balaguer. Aufzeichnungen über den Gründer des Opus Dei, Köln 1978, S. 32.
6 Der Weg , 762.
7 Zit. bei S. Bernal, a.a.O., S. 269.
8 Informationsblatt Nr. 1, S. 5.
9 Zit. bei Javier Echevarría, Memoria del beato Josemaría Escrivá, Madrid 2000, S. 216.
10 Betrachtung, April 1963
11 Im Feuer der Schmiede, 288.
12 Der Kreuzweg , 13. Station, Betrachtungspunkt 5.
13 Der Weg, 758.
14 Freunde Gottes, 132.
15 Zit. bei S. Bernal, a.a.O., S.120.
16 Freunde Gottes, 129.
17 Der Weg, 173.
18 Der Weg, 178.
19 Freunde Gottes, 125.
20 Christus begegnen, 43.
21 Betrachtung, Dezember 1969.


Artikel aus dem Band "Josemaría Escrivá - Profile einer Gründergestalt" (Hrsg. César Ortiz), Köln, Adamas 2002