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Dokumentation

Priesterliche Brüderlichkeit und der Gründer des Opus Dei

Kard. Antonio María Rouco

Stichwörter: Priestertum, Priestergesellschaft vom Heiligen Kreuz, Zweites Vatikanum
Die priesterliche Brüderlichkeit bedeutete für den heiligen Josemaría Escrivá de Balaguer eines seiner wichtigsten apostolischen Anliegen. Aus Sorge um die Heiligkeit der Priester gründete er nach göttlichem Ratschluss die Priesterliche Gesellschaft vom Heiligen Kreuz als Vereinigung, die den ihr angehörenden Diözesanpriestern für ihre Heiligung geistliche Bildung gemäss dem Geist und der Askese des Opus Dei bietet.

In dieser Priestergesellschaft wird deutlich, was Msgr. Javier Echevarría, derzeitiger Prälat des Opus Dei, als herausragendes Merkmal des Geistes des Gründers vorstellt: „Das beständige und wachsende Bemühen, mit dem er seit den ersten Jahren seines Priestertumes den Sinn für die priesterliche Brüderlichkeit in ihrer ganzen Tiefe lebte und leben liess. Das ist unsere große Aufgabe, wiederholte er den Priestern, die bei ihm Rat suchten: unsere Brüder, die Priester, zu lieben. Wir müssen die Genugtuung spüren, Diener aller Seelen zu sein, aber in erster Linie Diener der Priester, die unsere Brüder sind.“ Dieser Aspekt, den der heilige Gründer des Opus Dei auf wunderbare Weise zu leben und zu fördern wusste, ist auch in unseren Tagen eine Herausforderung.

Die priesterliche Brüderlichkeit ist Zeichen der Gemeinschaft, die der Geist in denen bewirkt, die in das einzigartige Priestertum Christi eingegliedert worden sind: “Alle sind miteinander vereint durch die innige Brüderlichkeit des Sakramentes”. Johannes Paul II. verweist in der Apostolischen Exhortation Pastores dabo vobis, n. 31, mit folgenden Worten auf die Grundzüge der Spiritualität des Priesters: “Aus dieser Sicht muss die Zugehörigkeit des Priesters zur Teilkirche und sein hingebungsvoller Einsatz für sie als geistlicher Wert in seinem Leben angesehen werden. Diese Zugehörigkeit und Hingabe lassen sich ja in der Tat nicht durch organisatorische und disziplinäre Ursachen begründen. Im Gegenteil, die Beziehung zum Bischof in dem einen Presbyterium, die Teilnahme an seinem Bemühen um die Kirche, die Hingabe an die am Evangelium orientierte Sorge um das Volk Gottes unter den konkreten Bedingungen von Geschichte und Umwelt einer Teilkirche sind Elemente, von denen man nicht absehen kann, wenn man die eigentliche Gestalt des Priesters und seines geistlichen Lebens beschreibt”.

Der heilige Josemaría Escrivá hatte stets den grossen Wunsch, die Brüderlichkeit unter den Priestern zu stärken. Er erinnerte sich lebhaft an das Gespräch mit einem älteren Priester während Besinnungstagen für den Klerus nach dem spanischen Bürgerkrieg. Jener Priester hatte sehr unter Verleumdungen zu leiden. Don Josemaría fragte ihn: „Und unsere Brüder, die Ihnen nahe sind, unterstützen Sie nicht?“ Die Antwort erfüllte ihn mit Schmerz: ‘Ich versammle mich alleine’. Niemals vergass er diese Bemerkung, und um dieser Situation Abhilfe zu schaffen, war er vor Gott sogar in heroischem Grade bereit, das Opus Dei zu verlassen und eine neue Gründung für Diözesanpriester ins Leben zu rufen. Aber Gott liess ihn sehen, dass dies nicht nötig war: die Priestergesellschaft vom Heiligen Kreuz sollte untrennbar mit dem Opus Dei verbunden sein.

Ein Priester braucht, wie jeder gläubige Christ, geistige Hilfen, um der Gnade seines Amtes in Treue zu entsprechen. Im Dekret Presbyterorum Ordinis, n. 8, heißt es: “Hochzuschätzen und achtsam zu unterstützen sind auch Vereinigungen, die nach Prüfung ihrer Satzungen von der zuständigen kirchlichen Autorität durch eine geeignete und entsprechend bewährte Lebensordnung sowie durch brüderliche Hilfe die Heiligkeit der Priester in der Ausübung ihres Dienstes fördern und auf diese Weise dem ganzen Priesterstand dienen möchten”.

Die Notwendigkeit des Priesters, im täglichen Leben die angenommenen Verpflichtungen zu erfüllen; Rat und Hilfe angesichts persönlicher und pastoraler Schwierigkeiten zu suchen; die Bande der Freundschaft und Gemeinschaft mit anderen Priestern zu fördern, rechtfertigen durchaus die Entstehung derartiger Vereinigungen. Diese schmälern weder die Verantwortung des Bischofs für alles, was das Leben und das Amt des Priesters betrifft, noch legen sie in den Priestern andere geistige Fundamente als diejenigen, die sich aus der Priesterweihe ergeben.

Der heilige Josemaría Escrivá war direkter Vorreiter dieser Konzilslehre. Als Weltpriester, dessen Spiritualität sich von der Theologie über die Priesterweihe nährte, bezeichnete er die Priestergesellschaft vom Heiligen Kreuz als „aszetische Weiterhilfe für Priester, mit säkularem und diözesanem Geist, unabhängig von persönlichen Veränderungen und Umständen, die es in der Leitung der jeweiligen Ortskirche geben kann. Der kollektiven geistlichen Leitung, die der Bischof in seiner Predigt, seinen Pastoralschreiben, Gesprächen, disziplinären Instruktionen, usw. erteilt, wird so eine solide persönliche geistliche Leitung hinzugefügt, wo immer sich diese Priester auch befinden. Diese persönliche Leitung vervollständigt die allgemeine Leitung durch den Bischof, wobei sie letztere stets zu respektieren verpflichtet ist.“

In Zeiten kirchlicher Erneuerung hat der Herr stets im Herzen des Klerus geistliche Quellen entspringen lassen, die sich durch die Stärkung der übernatürlichen Bande gekennzeichnet haben, sowohl um das Priestertum wiederzubeleben, als auch um apostolische und missionarische Werke zu fördern. In diesem Sinne bedeutet das geistliche Werk, das der heilige Josemaría Escrivá mit der Priestergesellschaft vom Heiligen Kreuz entwickelt hat, eine ganz besondere Gnade Gottes aufgrund der Wohltaten, die es für die Heiligkeit der Kirche in jeder Diözese erbringt.


Erschienen in der Tageszeitung Il Tempo anlässlich der Heiligsprechung 2002