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Der hl. Josefmaria Escrivá, Bürgerkrieg und Vergebung

26 Januar 2011

Stichwörter: Bürgerkrieg, Vergebung
Von Jesús Colina ROME, 1. JAN. 2011 (www.zenit.org)

Neuer offizieller Trailer

Im Frühjahr 2011 wird ein Film in die Kinos kommen, in dem der hl. Josefmaria Escrivá, den Gründer des Opus Dei, einer der Protagonisten ist. ZENIT hat mit Roland Joffé, dem Regisseur des neuen Films "There be Dragons" („Du wirst auf Drachen treffen“) gesprochen, der auch die Filme "The Mission" und "The Killing Fields" gedreht hat.
Der Film spielt während des spanischen Bürgerkrieges. Themen wie Heiligkeit und Verrat, Liebe und Hass, Vergebung und Gewalttätigkeit stehen im Vordergrund, ein weiteres Thema ist die Sinnfindung im täglichen Leben.

ZENIT hat dieses Interview mit Joffé zu Beginn dieses Jahres geführt, in dem es 75 Jahre her ist, dass der spanische Bürgerkrieg ausgebrochen ist. Der Regisseur äußert sich über die Hintergrundsgeschichte des Films und die Höhepunkte, die auf den Zuschauer warten.
Roland Joffe und Geraldine Chaplin
Roland Joffe und Geraldine Chaplin

ZENIT: Worauf bezieht sich der Titel: "There Be Dragons?"
Joffé: Mittelalterliche Landkarten nannten unerforschtes Gebiet "Hic sunt dragones" – "Hier sind Drachen". Da ich nicht genau wusste, was jeweils als nächstes kommen würde, als ich angefangen habe, mich mit dem Thema zu beschäftigen und das Drehbuch zu schreiben, und ich auch nicht wusste, wie es enden würde, schien mir "There Be Dragons" ein sehr geeigneter Titel – ich habe mich etwas in mir unbekannte Gefilde davontragen lassen mit Themen wie: Was könnte wohl Heiligkeit sein; und dann Religion und Politik im 20. Jahrhundert und die Vergangenheit eines anderen Landes. Ich wurde vom Grundsatz des hl. Josefmaria aufgerüttelt, dass Gott im „Alltagsleben“ gefunden wird, und dass in seinem Fall das Alltagsleben der Spanische Bürgerkrieg war. Ich habe mich gewundert: Wie kann einer das Göttliche im Krieg finden? Aber dann können wir die gleiche Frage an alle grundsätzlichen Herausforderungen des Lebens und unseren Umgang damit stellen: Wie reagieren wir auf Hass und Ablehnung oder den Wunsch nach Rache und Gerechtigkeit – alle diese problematischen Momente erhöhen sich in Kriegszeiten. Diese schwierigen Entscheidungssituationen sind, sinnbildlich gesprochen, die Drachen des Films – Wendepunkte unseres Lebens, an denen unsere Entscheidungen unsere gesamte Zukunft prägen. In "There Be Dragons" geht es um die verschiedenen Wahlmöglichkeiten, die Menschen an den Wendepunkten haben – Versuchungen, wenn Sie so wollen –, und wie schwer es ist und doch auch wie notwendig, angesammeltem Hass und Ressentiments und Gewalt zu entrinnen.

ZENIT: Der Film spielt im Zusammenhang mit dem spanischen Bürgerkrieg, der in gewisser Weise ein Beispiel dafür ist, wie Gewalt – dazu sinnlose Gewalt – zu noch mehr Gewalt führt; angesichts dieses Schauplatz von Brudermord, gibt es da überhaupt noch Raum für Hoffnung?
Joffe: Ja, aber es ist außerordentlich schwer, ihn auszumachen. So viele schreckliche, abscheuliche Taten zwischen Menschen scheinen unverzeihlich, unerlösbar, sie können kaum schlimmer sein. Aber Vergebung ist möglich!
Charlie Cox, Roland Joffe und Wes Bentley
Charlie Cox, Roland Joffe und Wes Bentley

Kreisläufe von Gewalt können durchbrochen werden, wie Präsident Mandela in Südafrika gezeigt hat. Vergebung ist zum Beispiel möglich geworden für viele heldenhafte Menschen in Ruanda und angeboten und angenommen von vielen tapferen Palästinensern und Israelis.

Auch der hl. Josefmaria hat den Anspruch erhoben, dass gewöhnliche Menschen fähig sein können, Heilige zu sein – und ich glaube, dass er diese Art von heldenmütiger Verzeihung gemeint hat. Die unerschöpfliche Möglichkeit zu vergeben bietet Raum für Hoffnung an. Aber der Preis ist hoch: Man muss den tiefen Sinn dessen verstehen, was es heißt, ganz menschlich zu sein, fähig zu sein, Mitleid zu empfinden, und eine entschlossene, persönliche, ja, heldenhafte Entscheidung zu treffen, sich nicht im vorherrschenden Hass einsperren zu lassen, sondern ihn mit unermüdlicher Liebe zu bekämpfen.

Die meisten Szenen des Films spielen allerdings im spanischen Bürgerkrieg, aber es geht hin und her zwischen diesem Ereignis und 1982. Es sind viele Generationen in dieser Geschichte eingeschlossen: Die Vergangenheit wirft einen Schatten auf die Gegenwart.

Was sie verbindet, ist Robert, ein Journalist, dem diese Geschichte zur Zeit der Seligsprechung des hl. Josefmaria Escrivá aufgetragen wurde. Er entdeckt, dass sein Vater Manolo ein Freund aus der Kindheit des hl. Josefmaria ist und mit diesem zusammen im Priesterseminar war – obgleich ihr Leben dann dramatisch unterschiedliche Bahnen einschlug. Robert und Manolo sind einander entfremdet, aber der Film bringt sie wieder zusammen genau zu der Zeit, als die schreckliche Wahrheit über die Vergangenheit enthüllt wird. So handelt er auch über Vater und Sohn und die Wahrheit, der sie sich stellen müssen, um zu überbrücken, was zwischen ihnen steht.

Der Film handelt überwiegend von Liebe, von der Kraft ihrer Gegenwart, und von der Dürre und dem Schrecken, der in einer Welt ohne sie herrscht. Bürgerkriege sind furchtbar, weil sich Bruder gegen Bruder und Familie gegen Familie feindlich gegenüberstehen.

Roland Joffe
Roland Joffe
Am Ende des spanischen Bürgerkrieges war eine halbe Million Menschen getötet worden. Ein Bürgerkrieg ist im übertragenen Sinn ein genaues Bild einer Familie. In Bürgerkriegen teilen sich Familienmitglieder in verschiedene Fronten auf; alte Verstimmungen werden Quellen von Hass.

Wir vergeben unserer Tante nicht, weil sie dieses und jenes getan hat, wir sprechen nicht mit unserem Vater, weil er unsere Mutter verlassen hat. Wir sprechen nicht mit unserer Mutter, weil sie mit einem Mann weggegangen ist, wir sprechen nicht mit unserem Sohn, weil er einen anderen Beruf gewählt hat, als wir erwartet haben. Das sind die Bürgerkriege unseres täglichen Lebens.

"There be Dragons" handelt über beide Arten von Bürgerkrieg. Grundsächlich hat jeder von uns zu wählen, ob wir unseren Ressentiments nachhängen wollen oder einen Weg finden, sie zu besiegen.

Das Leben kann als eine Serie von Ungerechtigkeiten, Ablehnungen und Verletzungen angesehen werden, oder aber voller günstiger Gelegenheiten und Möglichkeiten, diese Drachen zu besiegen durch den starken Wunsch, Hass durch Liebe zu ersetzen. Viele Menschen tragen in sich die Möglichkeit, diese heroische Wahl zu treffen. Sie erkennen, dass sie eine Wahl haben, frei zu sein. Sie haben die Charaktergröße zu verstehen, dass Hass ein Gefängnis ist. Keiner, der hasst, kann frei sein.

Haben wir nicht viele Beispiele dafür gehabt in den Jahren seit dem Ersten Weltkrieg? Auf der anderen Seite, wenn Menschen lieben können, kann der unparteiische Beobachter das in ihnen erfühlen – diesen Sinn für Freiheit, Mitleid und Geben.

Zu guter Letzt sind wir alle vor die Wahl gestellt. Sogar Robert, der Agnostiker und Materialist, muss sich zwischen Liebe und Hass entscheiden – gewissermaßen dazu, die Welt mit Liebe zu bekämpfen, oder, wie Aline sich ausdrückt, "Gott mit Liebe zu bekämpfen". So genau empfinde ich für mich den Film.

Vergebung öffnet, was eingefroren war. Sie berührt alles Menschliche in dem, dem vergeben wird, und sie berührt alles Menschliche in dem, der vergibt. Lieben ist nicht und kann nicht immer leicht sein. Liebe kann nicht mit Überheblichkeit zusammen gehen. Sie ist nur möglich, wenn wir demütig sind und uns gegenseitig menschlich behandeln. Aber sie hat eine machtvolle Schönheit.

Sie sagt: "Ja, tritt aus dir heraus". Du denkst, du kannst nicht vergeben? Gut, du wirst es nicht wissen ob du vergeben kannst, bis du es getan hast. Und wie vergibst du? Du vergibst, indem du dich in den anderen hineinversetzt. Du vergibst, indem du die andere Person bist. Indem du jede Verteufelung aufgibst und nicht sagst: "Ich bin besser als jener Mensch, ich könnte das niemals tun", sondern die Person ansiehst und sagst: "Das könnte ich sein." Ja, da gibt es Raum für Hoffnung – sogar in den schmerzhaftesten, tragischsten, erschreckendsten Umständen, wo Hoffnung unmöglich scheint.

ZENIT: Wendet sich der Film an Gläubige oder Ungläubige?
Joffe: "There be Dragons" nimmt den Glauben ernst. Er nimmt Heiligkeit ernst. Aber sein dringender Aufruf geht weit über religiöse Zuhörer hinaus. Die Frage setzt eine Trennung voraus, und das ist eigentlich falsch.

Wir leben alle in einer sorgengeschüttelten Welt; wir alle setzen uns mit Schmerzen und Freuden des täglichen Lebens auseinander, obgleich wir alle mit unseren Erfahrungen die Realität unterschiedlich auslegen, bewohnen wir am Ende doch alle die gleiche zerrissene und unruhige Welt. Es ist ein Film über Glaubende und Nichtglaubende.

Ich bin tief von den Gedanken des hl. Josefmaria getroffen worden, dass wir alle mögliche Heilige sind, von seinem Glauben, dass jeder letztendlich in der Lage sein wird, seinen eigenen Drachen zu töten. Ich hoffe, dass Menschen, die den Film anschauen, darin ihre eigenen Kämpfe mit ihren eigenen Drachen sehen und seinen Standpunkt erkennen, dass kein Heiliger je ohne Kampf und Mühe ein Heiliger wurde.

Im Film geht es auch um viele Formen der Liebe. IIdikos Liebe für Oriol ist eine besondere Art von Liebe. Ihre Liebe, eine bessere Welt zu machen, ist eine andere Art von Liebe. Manolos Liebe für Ildiko ist wieder eine andere Art von Liebe, obwohl sie sogar mit Eifersucht und Groll gekoppelt ist. Die Liebe, die Manolo sich wünscht und später auch bekommt, ist wiederum eine sehr besondere Art von Liebe.

Diese verschiedenen Arten von Liebe kommen alle zusammen wie ein Spinnennetz aus einzelnen Fäden, und jeder einzelne Faden scheint für sich allein zu existieren, aber dann wird einem klar, dass sie alle Teile eines großen Ganzen sind, an eine Sache angeschlossen, die zum gleichen Punkt und zum gleichen Mittelpunkt führt.

Am Ende werden alle diese verschiedenen Stränge von Liebe, die so unterschiedlich aussehen, zurückkommen zu einem grundsätzlichen Punkt: "Ist diese Liebe größer als meine Eigenliebe?" Das ist eine großartige Frage. Und viel Politik des frühen zwanzigsten Jahrhunderts hat damit zu tun.

Wie auch immer, es wirft eine andere Frage von tieferer Komplexität auf. Wenn diese leidenschaftliche Liebe auf einem Ideal oder einer Idealisierung basiert, wenn sie nur ein einziges Modell menschlichen Verhaltens akzeptiert, wie wird dann verhindert, dass sie in blinde Gläubigkeit oder Teufelswahn abgleitet? Seit der Aufklärung ist dies eine bedeutende Frage gewesen. In dem Fall, dass man aus Liebe der besseren Sache dienen wollte, sind viele Akte von Unmenschlichkeit begangen worden.

Nur wenn man die tragische Fehlbarkeit aller menschlichen Wesen und aller menschlichen Unternehmungen versteht, können wir, so scheint mir, einen Weg zu Verständnis und Einfühlungsvermögen, diesen tiefen Sinn für die Einheit mit anderen, finden, der Freiheit von Teufelswerken und Kreisläufen von unerlöster Gewalt anbietet.

Dies ist kein katholischer Film, aber es ist ein Schlüsselthema in der christlichen Theologie und in allen christlichen Kirchen, und ebenso in vielen anderen Religionen. Alle Religionen sind der Auffassung, dass die Menschen in ihren Beziehungen zueinander göttliche Wahlmöglichkeiten haben – und jede Entscheidung berührt die anderen und die Welt um sie herum tief. Die gegebene Verbundenheit miteinander ist die Grundlage der Liebe. Was wir für oder gegen andere tun, berührt uns und sie, einfach weil wir alle miteinander verbunden sind.

ZENIT: Inwieweit entspricht die Gestalt des hl. Josefmaria, der jetzt ein Heiliger der katholischen Kirche ist, der Wirklichkeit und was ist Fiktion?
Joffe: Von allen Charakteren im Film ist der hl. Josefmaria der einzige, der in Wirklichkeit gelebt hat, der einzige, über den es viele Unterlagen und Daten gibt. Ich glaube, dass die Darstellung des hl. Josefmaria, so wie sie im Film ist, mit seiner liebevollen Art und seinem Sinn für Humor, den er unzweifelhaft hatte, sich in den Ereignissen seines Lebens manifestiert hat, so dass sie der Person, die er wirklich war, sehr nahe kommt.

Ich habe seinen Charakter mit aller Ehrlichkeit aufzeichnen und mich mit seinem seinen Glauben so konfrontieren wollen, wie er es getan hat. Ich glaube, es gibt die verbreitete Gewohnheit, Heilige als Männern mit einem Herzen aus Blei zu betrachten, in einem seltsamen Gegensatz zur Hure mit einem Herzen aus Gold; aber das ist eben eine bequeme Angewohnheit. In der Tat ist die Geschichte des hl. Josefmaria die eines Mannes, der in einem außergewöhnlichen Schritt sein Leben durch die reine und kraftvolle Liebe zu Gott vereinfacht hat. Diese Liebe zu Gott wird für ihn ein organisiertes Prinzip, dass ihm eine feste Gestalt und eine besondere Einfachheit und Stärke gibt. Aber das macht ihn nicht schwerfällig oder ohne Relief, weil sich diese Liebe in der wirklichen Welt bewährt, und die Frucht dieses Lebens in unserer realen, oft grausamen, rauhen Welt müssen jeden ehrlichen Menschen zweifeln lassen: zweifeln an Gott und zweifeln am Guten.

Dieser Zweifel ist tiefgründig fruchtbar. Liebe wird uns nicht auf dem Löffel serviert, wie eine "sine qua non." Dafür muss man kämpfen. Das müssen wir als menschliche Wesen beisteuern. Wir müssen diese Liebe tief in uns selber finden und so die dunkle Schönheit unserer eigenen Schwächen und der anderer Menschen verstehen lernen.

Einfach gesagt, so ist für mich die Geschichte von Jesus Christus zu verstehen. Wenn wir gläubige Menschen sind, müssen wir die Liebe auch noch tief in uns finden und sie Gott und seiner reichen Schöpfung anbieten. Wenn wir nicht glauben, müssen wir sie trotzdem finden und anderen menschlichen Wesen anbieten ohne Rücksicht auf Politik, Rasse oder Religion.

ZENIT: Hatten Sie vorher eine Vorstellung davon, wie Sie den spanischen Bürgerkrieg oder einige Charaktere wie den hl. Josefmaria Escrivá darstellen wollten?
Joffe: Ich wusste nicht viel über Josefmaria, bevor ich gebeten wurde, den Film zu drehen. Schauen Sie, wie es wirklich dazu gekommen ist: Eines Tages kam ein Regisseur nach Holland, um mich davon zu überzeugen, diesen Film zu drehen. Er hatte verschiedene Bücher und Materialien mitgebracht, darunter auch eine DVD von Josemaría. Wir haben in einer sehr netten Atmosphäre zusammen zu Abend gegessen, aber während ich nach Hause ging, dachte ich: "Ich möchte das wirklich nicht annehmen, ich habe ein anderes Projekt, das in Indien spielt, das ich gerne verwirklichen würde und woran ich schon lange arbeite, um es zu Ende zu bringen."

Mit anderen Worten, ich habe gedacht, dass es ein ausgezeichnetes Angebot war und ich die Mahlzeit wirklich geschätzt habe, aber dass ich nein sagen sollte. Es war ein Sommerabend, und so bin ich anschließend noch in den Garten gegangen, habe ein Glas Weißwein getrunken, habe die DVD in meinen DVD-Spieler gesteckt und mich vor meinen Computer gesetzt, um einen kurzen Brief zu schreiben, in dem es dann hieß: "Lieber X, ich danke dir sehr. Ich schätze es sehr, dass du den weiten Weg gekommen bist, aber ich denke, du solltest irgendwo anders suchen."

Die DVD lief jedoch im Hintergrund, und da fesselte eine Stelle in der Geschichte meine Aufmerksamkeit. Josemaria spricht zu einer großen Gruppe Menschen, vielleicht in Chile oder Argentinien, ich weiß es nicht mehr genau, und ein Mädchen hat ihre Hand erhoben und sagt: "Ich möchte Ihnen eine Frage stellen." Und Josemaria antwortet: "Ja, bitte." Und sie sagt: "Ich möchte Christin werden." Und er sagt: "Ja?" Und sie fährt fort: "Aber meine Eltern sind Juden und nicht sehr glücklich darüber." Josemaria sagt daraufhin, ohne mit der Wimper zu zucken: "Oh meine Liebe, deine Eltern zu ehren ist Gott sehr, sehr wohlgefällig. Gott bittet dich nicht, deinen Eltern Schande zu bereiten, deine Eltern unglücklich zu machen. Das geht nicht. Was du in Deinem Herzen fühlst, das sollst du in deinem Herzen bewahren. Nein, nein, rege deine Eltern nicht auf – mach deine Eltern nicht traurig. Das ist wirklich nicht nötig."

Ich habe in diesem Moment in das Video geschaut und bei mir gedacht: "Was für ein wunderbarer Augenblick. Was für ein unerwarteter, wunderbarer Augenblick, das von einer Organisation zu hören, von der jeder meint, sie müsse das Gegenteil sagen." Ich habe auf meinen Computer geschaut und gedacht: "Warte mal."

Ich schaltete die DVD ab und hörte auf, den Brief zu schreiben. Dann öffnete ich das Drehbuch auf dem Computer und schrieb eine Szene, in der Josemaria einen Mann trifft, der im Sterben liegt, den er vorher schon kannte, und der ihm erzählt, dass er Jude ist und daran denkt, sich taufen zu lassen. Ich habe die ganze Szene geschrieben und immer daran gedacht: "Ich möchte das unbedingt in einem Film sehen. Aber ich werde es niemals in einem Film sehen, wenn ich ihn nicht selber schreibe, nicht wahr? Wo würde es in einen anderen Film hinpassen?“

Anstatt des ersten Briefes, den ich schreiben wollte, habe ich folgendes geschrieben: "Lieber X, ich bin gerne bereit, das Projekt zu übernehmen, vorausgesetzt ich kann meine Vorstellungen umsetzen, und Sie erwarten nicht, dass ich Vorgegebenem folge, und wenn Sie akzeptieren, dass ich nicht besonders intelligent bin. Ich werde mein Bestes geben, aber ich muss meiner eigenen Wahrheit folgen. Wenn Sie dem zustimmen, würde ich liebend gerne das Projekt annehmen." So hat alles angefangen.

Ich hatte keine vorgefasste Meinung von Josemaria, natürlich wusste ich etwas über ihn, aber in der Hauptsache hatte ich den Augenblick mit der DVD vor Augen, der mein Interesse daran geweckt hatte, den Film zu drehen. Ich wurde einem Mann gegenübergestellt, über den ich schon Dinge gelesen hatte, und ich habe festgestellt, dass ich diesen Mann wirklich achtete. In der Tat, mehr noch als ihn zu achten, habe ich gefühlt, dass er in seinem Kampf etwas verinnerlichte, was zu allen Menschen in einer ziemlich wundervollen Art und Weise sprechen würde; und das ist die Geschichte, die ich erzählen wollte, und darum geht es in diesem Film.

Natürlich ist der spanische Bürgerkrieg genau so komplex und schwer zu handhaben. Es wäre leicht gewesen, sich auf eine Seite zu stellen, aber das würde die zentrale Wahrheit verraten haben, wie ich die Geschichte zu erzählen wünschte. Geschichte ist bekanntermaßen parteiisch, sie wird von den Siegern geschrieben und von den Besiegten neu geschrieben.

Viele werden einfach dem Gerücht oder dem Mythos glauben, der ihnen am meisten zusagt, und ich bin sicher, dass wir uns gegen einige Auffassungen stellen werden über das, was das Opus Dei ist und war, wer Josemaria war, und um was es im spanischen Bürgerkrieg ging.

Ich wollte ohne Parteigängertum zeigen, was sich im Bürgerkrieg in Spanien abgespielt hat. In der Tat hat Spanien in einer sehr konzentrierten Zeitspanne erlebt, wo zum Beispiel Großbritannien im Laufe von 100 Jahren durchgegangen ist und was es entsprechend in Anspruch genommen hat: eine industrielle Revolution, starre Klassenideologien, dazu in Spanien der Verlust des Weltreichs und volkswirtschaftliche Unsicherheit – in Spanien wurden die Dinge starr gezeichnet, mehr in schwarz-weiß.
Es ergab sich natürlich für die spanische Gesellschaft fast wie von selbst, auseinander zu brechen und dann – entsprechend dem Denken der Zeit – unveräußerliche und völlig entgegengesetzte Sichtweisen über soziale Gerechtigkeit, die Rolle der Kirche und so weiter zu haben.

Schließlich,wie es in der Natur von solchen sozialen Spannungen liegt, haben die extremen Ansichten die anderen auch entzweit. Als die Mitte geschwächt war, sind die gegen einander stehenden Pole stärker geworden. Beide Seiten im spanischen Bürgerkrieg hatten Ideale und einen Sinn für ihren eigenen Werte.
Zeitgleich gab es im Rest Europas ähnliche politische Bewegungen, und Menschen auf beiden Seiten des politischen Spektrums haben die anderen verteufelt. Aber was in Europa zu nationalen Teilungen führte, hat in Spanien zum Bruderkrieg geführt und psychologische Narben hinterlassen, die tief sitzen und kaum zu heilen sind.

Was in Spanien passierte, war verletzend und kompliziert und hat Familien in einer schmerzhaften und quälenden Art zerrissen. Der Bruder wählte anders als sein Bruder, aber heißt das, dass sie nicht länger Brüder sind? Wenn wir willens sind, den Bruder wegen unseres Glaubens zu töten – was sagt das über den Wert unserer Wahl aus?

ZENIT: Hat die Arbeit an diesem Film in irgendeiner Weise Ihr Leben beeinflusst?
Joffe: Lassen Sie mich die Frage folgendermaßen beantworten: Ich bin wirklich nicht sehr religiös, aber ich wurde gebeten, über einen Mann zu schreiben, der es gewesen ist. Ich musste einen Schritt zurückgehen und mir sagen: „Wenn ich über Josefmaria schreibe, muss ich ihm entschieden, ehrlich und wahrheitsgetreu gegenübertreten – allem, was Josemaria mir sagt, wofür er stand, was sein Leben ausgemacht hat und was seine religiösen Erfahrungen waren.

Ich muss ohne Vorurteile und ehrlich etwas über religiöse Erfahrungen lesen; mich dem stellen, wie es sich darbietet." Ich habe eine Menge über religiöse Erfahrungen gelesen. Ich war bewegt und glücklich, als ich feststellte, wieviele Wissenschaftler (besonders Physiker) selber Gotteserfahrungen gehabt haben, und es hat mich auch tief berührt festzustellen, dass die Trennung von Wissenschaft und Religion, wie sie in unserer Zeit vielfach vorausgesetzt wird, einfach falsch ist.

Ich habe mit der Zeit die große Entdeckung der modernen Physik verstanden, dass unser Sinn für Wirklichkeit auf dem Muster basiert, das wir in unserem Gehirn erstellen und es deshalb viele Muster von Wirklichkeit gibt.

Viele davon reichen nicht aus, alle Dinge zu erklären, aber sie sind brauchbar, um einige zu erklären. Sie bieten uns einen neuen Weg des Verstehens an, was in der Tat Wirklichkeit oder Wirklichkeiten sein mögen, und dieses Verständnis schließt in keiner Weise die Idee Gottes oder einer geistigen Dimension von dem großen Universum, das wir bewohnen, aus. Vielmehr gibt uns der Weg, den uns die Wissenschaften geführt haben, um die Wirklichkeit neu zu erklären und neu auszulegen, auch eine Möglichkeit, unsere geistige Welt neu zu erklären und neu auszulegen.

Sehr wahrscheinlich werde ich in den nächsten Jahren noch nicht wissen, wie diese Erfahrung mich verändert hat. Ich denke, dass etwas Tiefgründiges Zeit braucht, sich als das, was es wirklich ist, zu zeigen. Ich habe eine komische Sache herausgefunden, während ich "There be Dragons", filmte, und zwar wurde aus einer, wie ich dachte, alleinstehenden Erfahrung eine außerordentlich fesselnde, und keineswegs einsame.

Plötzlich zu denken: "Also leg mal deine einfachen Antworten beiseite und lebe einmal mit der Frage," war für mich wunderbar herausfordernd und hat mich in einer Weise an das, was Leben ist, herangeführt, wie ich es vorher nicht erlebt habe. Und ich bin mir jetzt nicht sicher, wohin das führen wird.


Weitere Informationen im Netz: www.therebedrangonsfilm.com

Statement seitens des Opus Dei: Der hl. Josefmaria Escrivá und Roland Joffes Film "There Be Dragons"