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Dokumentation

Ein Lastwagen und ein Lied

Miguel Aranguren, Comité Cultural Harambee, Schriftsteller

Stichwörter: Harambee
Artikel aus Anlass des 10. Jahrestages der Gründung von Harambee.

Erinnerung an ein bestimmtes Geschehen
Miguel Aranguren, Schriftsteller und Mitglied des <i>Comité Cultural Harambee</i>
Miguel Aranguren, Schriftsteller und Mitglied des Comité Cultural Harambee
Jedesmal, wenn man mich nach einer besondere Erinnerung an Afrika fragt, etwas, das ich wie nebenbei erfasst habe, einen Pinselstrich, der etwas vom Gesamtprofil des Kontinents wiedergibt, dann fallen mir sofort Geschehnisse ein, die auf den ersten Blick minimal und unbedeutend erscheinen, da sie nichts mit den großen Abenteuern zu tun habe, die ich in meinen Erzählungen beschreibe. Das was ich beschreiben möchte, sind nicht detaillierte Eindrücke der Landschaft, der Schönheit der Pflanzenwelt, spannende Erzählungen über mysteriöse Vorfälle oder gefühlsmäßige Erfahrungen – nein, alles nimmt eine andere Richtung: Es sind die Dinge, die gleichzeitig einfach und echt sind.

Vor einigen Stunden war ich mit einem Freund in Meru, einer Stadt im Zentrum Kenias angekommen. Der Autobus, der uns von Nairobi mitnahm, hatte mehr Verspätung als sonst schon einmal. Es ist hier üblich, dass die Zeit mit einem anderen Maß gemessen wird. Wir konnten unsere Reise bis zum Fuß des Berges Kenia erst am nächsten Morgen fortsetzen. Nachdem wir ein Zimmer in einem eher bescheidenen Hotel genommen hatten, wo wir die Nacht verbringen würden, gingen wir auf der Hauptstraße auf und ab. Es war eine breite Straße, die aber schlecht asphaltiert war. Wir wollten uns nur ein wenig am Hin und Her der Leute erfreuen. Es war ein Kommen und Gehen von Kindern, Männern und Frauen – ein ununterbrochenes Unterwegs-Sein, wie es sich auf allen Wegen Afrikas abspielt.

Was singen sie denn?
Plötzlich wurde ich von einem Motorengeräusch aufgeschreckt. Ein Motor stotterte, und sein Knattern wurde von einem Chor von Männerstimmen begleitet. Ich drehte mich um und sah einen alten Lastwagen, der mitten auf der Straße unter Dunstwolken von verbranntem Benzin fuhr. Hinter dem Auto ging dichtgedrängt ein Knäuel Männer, Arbeiter mit gebräuntem Gesicht, das geschwärzt war von dem ständigen Umgang mit dem Baumaterial (ich vermutete, dass sie den ganzen Tag Steine klopfend, Zement mischend und Straßen teerend verbracht hatten). Sie wiederholten einen sehr einfachen Refrain, zu dem sie mit ihren Bauwerkzeugen den Rhythmus auf das Blech des Kipplasters klopften.

Fasziniert schaute ich ihnen nach. „Was singen sie?“ fragte ich meinen Freund, der auch aus ihrer Heimat kommt. Er hörte einige Sekunden aufmerksam dem wiederkehrenden Gesang zu und sagte dann wie selbstverständlich zu mir: „Sie sagen Gott Dank für die getane Arbeit dieses Tages“.

Das wirkliche Afrika
Wie ich schon vorher darlegte, handelt es sich nur um eine Anmerkung, es ist kaum ein wichtiges Detail unter den vielen Erinnerungen an meine afrikanischen Erfahrungen. Und trotzdem gibt es wenige Ereignisse, die besser und vollständiger erfassen, was Afrika ist, das wirkliche Afrika, jenes, das sich den festen Vorstellungen entzieht, die einige – sicher mit guten Willen – dem westlichen Bewusstsein einprägen wollen. Dieses Bewusstsein reagiert immer unsensibler auf die Bilder, die den Schmerz instrumentalisieren, den der Afrikaner angesichts der Unmöglichkeit, seine eigenen Geschichte zu schreiben, empfindet.

Alle zusammen!
In der Tat, jener Lastwagen mit seiner Mannschaft, die bei Sonnenuntergang – alle zusammen! – sang und dabei mögliche Eifersüchteleien und natürliche Streitigkeiten, die sich bei einem Arbeitstag an ein und demselben Projekt leicht ergeben, beiseite ließ, das war für mich – ich hatte es schon seit einiger Zeit begriffen – die Materialisierung von „harambee“, einem Wort aus dem Suaheli, das eine afrikanische Lebensweise der Stämme am oberen Nil ausdrückt. Es beschreibt die Art und Weise, wie die äußeren Angelegenheiten geregelt werden: im inneren Kern der Familie, in den nachbarschaftlichen Beziehungen, den gemeinsamen Verpflichtungen und Herausforderungen des Stammes. Man handelt gemeinsam, ohne eitle Individualismen, und das in einem Landstrich, der von Knappheit der Ressourcen und Hungersnöten geplagt ist. Hier finden trotzdem alle zusammen und rudern in die gleiche Richtung, mit dem einzigen Ziel, das Wohl aller zu fördern.

Alles begann in Rom
Jahre später hatte ich das Glück, aus Anlass der Heiligsprechung von Josefmaria Escrivá de Balaguer, dem Gründer des Opus Dei, in Rom zu sein. In der Heiligen Stadt herrschte festliche Stimmung unter den vielen guten und dankbaren Menschen, die dem Vater (wie ihn seine Kinder nennen) und der Arbeit des Opus Dei in den verschiedensten Winkeln der Erde ihre Dankbarkeit zeigen wollten. Es war eine so große Menschenmenge zusammen gekommen dass die Jahrbücher der römischen Verwaltung nie eine größere verzeichnet hatten. An verschiedenen Punkten der Stadt gab es Informationsstände, wo die unterschiedlichsten Anliegen der riesigen Pilgerscharen – in einem wunderbaren „Harambee“ – gelöst wurden. Ich könnte jetzt lobend die vielen Einrichtungen hervorheben, die sich um die Touristen sorgten und sie über alles informierten, über die liturgischen Abläufe ebenso wie über das Verkehrsnetz – teils an eigens dafür eingerichteten Anlaufstellen.

Es war einer dieser Informationsstände, der mich erstmals mit dem Projekt in Berührung brachte, dessen 10. Jahrestag wir heute feiern. Als eine Geste der Dankbarkeit wurde uns Pilgern, die aus allen vier Himmelsrichtungen zusammengekommen waren, nahe gelegt, mit einer Spende eine Reihe von Projekten zu unterstützen, die in Ländern Afrikas südlich der Sahara liegen, und die unter dem Überbau einer Institution zusammengefasst waren, die eben „Harambee“ hieß und bis heute heißt.

Weiter!
Manche waren geneigt zu denken, dass dank der zahlreichen und pünktlichen Spenden vieler Gutwilliger Harambee schon sein Ziel erreicht hätte. In einigen Monaten würde allgemein bekannt gemacht, in welcher Form die Gelder verwendet und welche Initiativen in Afrika damit unterstützt worden waren. Das geschah auch wirklich, aber Harambee wuchs immer mehr. Tatsächlich zeigte sich von Jahr zu Jahr mehr, dass es nicht nur Frucht einer wunderbaren Großzügigkeit war – am Tag der Heiligsprechung eines großen Heiligen, für den die Welt zu klein war, um das Feuer der Liebe und des Zusammenlebens auszubreiten, das er im Herzen trug –, sondern dass Harambee vielmehr eine Quelle der kontinuierlichen Verpflichtung zur Zusammenarbeit mit vielen Partnerorganisationen in verschiedenen afrikanischen Ländern und Scharen von Freiwilligen werden sollte, um schließlich und endlich zu erreichen, dass die Empfänger seiner Unterstützung selbst voll und ganz in die Projekte einsteigen und sie zu Ende führen.

Hauptakteure der Veränderungen
Der hl. Josefmaria vertraute auf diese Art des Vorgehens, der bedürftigen Bevölkerung das nötige Geld zukommen zu lassen, damit sie selbst zu Hauptakteuren der Umgestaltung würden. So würden sie sich auch nie als bloße Empfänger von Wohltaten sehen. In einem wunderbaren „Harambee“ gelingt es so, die Mittel und gleichzeitig das nötige Wissen bereitzustellen, um die sozialen Initiativen voran zu bringen, zu denen dann alle Beteiligten ihren Wunsch zu lernen und das Erreichte zu verbessern hinzufügen müssen; sie sollen die bereit gestellten Mittel fruchtbar anwenden, damit sie sich vervielfachen können, und gleichzeitig bereit sein, anderen Mitbürgern zu helfen und dadurch weiter zu wachsen.

Ohne Grenzen
Ich habe Afrika in Kenia kennengelernt. Mehr noch: Afrika ist für mich Kenia. Jedes Mal, wenn ich in dieses wunderbare Land fahre, habe ich den Eindruck, dass mein Weg auf den Wegen des gesamten Kontinents verläuft. Im Bewusstsein seiner Bewohner versteht sich Afrika weit über die geopolitischen Grenzen hinaus als ein Ganzes, gebunden an eine noch nahe Vergangenheit, die in nicht wenigen Fällen traumatisch ist. Aus all diesen Gründen lässt sich ersehen, wie wunderbar das Konzept Harambee ist: Es birgt den Frieden in sich und bietet unendlich viele Möglichkeiten für eine weitreichende menschliche Entwicklung.

Es gibt nur eine Rasse, die Rasse der Kinder Gottes
In Afrika hatte ich zudem das Glück, einige der Gefühle und der Gewissheiten, die der hl. Josefmaria im Herzen trug, besser zu verstehen. Er war ein Priester, der seiner Zeit weit voraus war, für den keine Grenzen als Zeichen der Absonderung existierten. Er wollte sich durch nichts davon abhalten lassen, allen Menschen, die er als seine Brüder empfand, Gutes zu tun. So erging es mir bei diesem Spaziergang durch Meru, wo mich diese Menschen bewegten, die sich beim Erscheinen eines Lastwagens zusammengefunden hatten, um gemeinsam Hand anzulegen. Es waren diese dankbaren Arbeiter, die mich an jene Worte des hl. Josefmaria erinnerten: „Es gibt nur eine Rasse, die Rasse der Kinder Gottes.“ Wenn man es genau bedenkt, handelt es sich um eine revolutionäre Aussage. Sie zeigt dass alle Männer und Frauen von Gott her gleich sind. Entsprechend der daraus sich ergebenden hohen Zielvorstellungen öffnet sich unsere Seele für das faszinierendste aller Abenteuer: Gott möchte mit uns und auch mit den Kindern Afrikas rechnen, um die Welt durch unsere gewöhnlichen Tätigkeiten zu verändern. Der hl. Josefmaria verfügte über eine schnelle und klare Form, das zu erläutern: Gott möchte, dass wir heilig werden bei der Ausübung unserer beruflichen Arbeit, in der Wahrnehmung unserer familiären und staatsbürgerlichen Verpflichtungen, in unserem normalen Umfeld. Heilig auch im letzten Winkel von Afrika, wo es unendliche menschliche Ressourcen gibt, es aber an materiellen Hilfsmitteln mangelt. Heilig auch im Abendland wo es gilt, Zeit, Wissen und Spenden zur Verfügung zu stellen, die zusammen zu diesem Hilfsprojekt Harambee werden.

Schulen ohne Rassentrennung
Auf den Wegen Afrikas, die ich in meiner Jugend zurücklegte, war es mir eine große Hilfe, die Botschaft des hl. Josefmaria zu kennen. Ich sah sie Wirklichkeit werden im Leben vieler Menschen, die sich dort von Gott gerufen fühlten, ein Teil dieser großen geistlichen Familie zu werden. Einige von ihnen haben uns in Ausübung eines dynamischen Harambee angesehene Weiterbildungseinrichtungen für den afrikanischen Kontinent geschenkt. Hier ist es nochmals nötig, den hl. Josefmaria zu erwähnen, der unnachgiebig daran festhielt, dass nur diese Schulen und Universitäten gut waren, die keinerlei Rassentrennung einforderten und auch keine Unterschiede der Religionszugehörigkeit, weder bei Lehrern, Angestellten noch Schülern, gelten ließen, obwohl damals – ich denke dabei an die Anfänge von Strathmore College und Kianda School in Kenia – weder eine Vermischung der verschiedenen Hautfarben in einer Aula erlaubt noch die nötige Gewissenfreiheit im normalen Umfeld anerkannt war.

Neue Horizonte mitten in der Flut
Wenn ich an meine Jugendjahre zurückdenke, kommt mir eine andere Begebenheit in den Sinn, die für mich entscheidend war, um den Einfluss der Lehre des hl. Josefmaria in Afrika zu verstehen. Es war in den Sommermonaten: Ich half bei einem Projekt als Grundschullehrer. Die Umgebung war märchenhaft: die Strände des Indischen Ozeans mit ihrem farbigen Wasser, den Palmen, dem feinen, weißen Sand und den wilden Wäldern….Vom Ufer sahen wir dem Herankommen der Wellen in der Ferne zu, denn ein Korallenriff weit draußen schützt den Strand gegen das offene Meer. Wer hätte uns damals gesagt, dass an dieser Mauer Santiago Eguidazu sein junges Leben lassen würde. Er war ein junger Spanier, der schon seit einigen Jahren bei den verschiedensten Arbeiten der Prälatur in Kenia half. Sein überraschender Tod bewegte Groß und Klein, denn Santi – der zu dieser Zeit der Leiter des Projekts war – verausgabte sich für alle und jeden der Teilnehmer.

Nachdem wir seinen Körper aus dem Wasser gezogen hatten und ihn schließlich bis zum Strand getragen hatten, trafen wir auf eine Gruppe Kinder, die zu weinen anfingen. Mich berührte der Anblick eines Jungen tief, der scheinbar ganz ruhig blieb und unablässig den Sand durch seine Finger gleiten ließ.

“Bist du nicht traurig?”, fragte ich ihn.

Er erzählte mir, dass er am vergangenen Nachmittag mit Santiago gesprochen hatte und dass Santi ihm eine neue Richtung für sein Leben aufgezeigt hatte. Unter anderem hatte er ihm gesagt, dass er seinen Schutzengel sehr präsent haben sollte, dass er immer mit seiner Hilfe rechnen dürfe, und dass er ihn um viele kleine Hilfestellungen im Alltag bitten solle.

“Weißt Du, ich bin nicht getauft”, hatte der Kleine bemerkt, als ob ihm dieser Mangel die Tür zu Gott verschließen würde. Jener Sohn des hl. Josefmaria beruhigte ihn, und versuchte ihm mit einem breiten Lachen zu erklären, dass grundsätzlich alle Menschen einen Schutzengel haben, auch die noch nicht Getauften. Der Schutzengel habe keine andere Aufgabe, als ihnen zu helfen, zur ewigen Glückseligkeit zu gelangen.

Trotz seiner Trauer über den Tod seines Freundes verkostete dieser Junge sicherlich das erste geistliche Wort der Zuversicht, das dieser ihm mitgegeben hatte.

Der Geist von Harambee
Es ist schwierig, Afrika zu kennen, ohne sich vom Geist des Harambee anstecken zu lassen. Und noch schwieriger ist es, der Anziehungskraft dieser weltweiten Organisation zu widerstehen. Sie kann sich sicher auf einige wenige außergewöhnliche Geldgeber stützen, darüber hinaus empfängt sie aber von Vielen nur eine eher bescheidene Unterstützung, wie es für Afrika typisch ist. Trotz allem ist sie in der Lage, eine Reihe von Projekten zu unterhalten, die in direkter und positiver Form auf das Leben vieler Männer und Frauen Einfluss haben – auf Alte, Erwachsene, Jugendliche und Kinder gleichermaßen.

Uns bleibt der unvergessliche Anfang dieser Initiative immer im Gedächtnis – jenes römische Fest, an dem der Himmel sich mit der Erde vereinigte, um die allgemeine Berufung zur Heiligkeit zu bestätigen, die an die Gestalt eines Heiligen geknüpft war, den sich Millionen von Menschen, auch in den verschiedensten Ländern Afrikas, zum Wegbegleiter ihres Lebens gewählt haben.

Es ist das Anliegen von Harambee, diese wunderbare Erfahrung fortzusetzen und weiterhin den immer neuen Initiativen ein menschliches Gesicht zu geben. Sie sollen nicht nur konkrete Bedürfnisse stillen sondern zum Wohl der Afrikaner selbst das Verständnis des typisch Afrikanischen fördern.