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Dokumentation

José Escrivá starb am 27. November 1924

A. Vázquez de Prada

Stichwörter: Familie Escrivá, Tod, Christliche Berufung
Am 27. November 1924 erhielt Josemaría (der im Priesterseminar in Saragossa war) ein Telegramm von seiner Mutter, er solle nach Logroño kommen, sein Vater sei ernsthaft erkrankt. Josemaría nahm am Nachmittag des gleichen Tages den Zug. Am Bahnhof in Logroño erwartete ihn Manuel Ceniceros, der Patensohn von Herrn Garrigosa, der als Gehilfe in „La Gran Ciudad de Londres“ arbeitete. Manuel hatte auf Bitten von Doña Dolores das Telegramm aufgegeben. Aus dessen Ton und der Dringlichkeit, mit der der Leiter des Seminars, Bischof Miguel de los Santos Díaz Gómara, ihm die Nachricht mitteilte, schloß Josemaría noch vor seiner Abfahrt aus Saragossa auf den Tod des Vaters. Als er die Wohnung betrat, hatten Mutter und Schwester den Leichnam bereits ehrfürchtig auf dem Boden des Salons auf einer granatroten Decke aufgebahrt. In seinem Schmerz ließ Josemaría seinen Tränen freien Lauf; er betete in gläubiger Gefaßtheit.

Folgendes hatte sich zugetragen. Am Morgen, nach dem Frühstück, spielte Don José noch ein wenig mit dem kleinen Guitín. Er betete einen Moment vor der Muttergottes von der Wundertätigen Medaille, die er sehr verehrte und die die Küsterin turnusgemäß in das Haus der Escrivás gebracht hatte. Dann verabschiedete er sich, um zu seinem Geschäft zu gehen, doch bevor er die Tür erreichte, wurde ihm schwindlig. Er stieß einen Schrei aus, hielt sich noch am Türpfosten fest und fiel dann ohnmächtig zu Boden. Durch den Lärm alarmiert, eilten Carmen und Doña Dolores herbei. Sie legten ihn auf das Bett und als sie merkten, wie ernst sein Zustand war, riefen sie sofort den Arzt und den Pfarrer. Der Arzt konnte nichts mehr tun, und Don José starb zwei Stunden später, ohne noch einmal das Bewußtsein wiedererlangt zu haben.

Als an diesem Morgen Don José um neun zur Öffnungszeit von „La Gran Ciudad de Londres“ noch nicht eingetroffen war, waren die Verkäufer erstaunt. Das war ungewöhnlich, denn Don José war für seine mathematische Pünktlichkeit bekannt. Nichts Gutes ahnend, schichte der Chef Manuel zum Haus der Escrivás in der Sagasta-Straße, um herauszufinden, ob etwas passiert sei. Kurz darauf starb Don José.

Schmerzerfüllt stand Josemaría seiner Familie in diesen schweren Stunden bei. Seinem kleinen Bruder Santiago, der bald sechs wurde, blieb für immer haften, wie Josemaría vor dem Leichnam seines Vaters schwor, für die Familie wie ein Vater zu sorgen. „Meiner Mutter, meiner Schwester und mir sagte er“, das sind die Worte, an die sich Santiago erinnert, „daß er uns nie im Stich lassen und immer für uns sorgen würde.“

Sogleich übernahm er die Vorbereitungen für das Begräbnis und kümmerte sich um die Exequien, den Sarg, das Grab und was sonst zu tun war. Die Familie hatte allerdings nicht genügend Ersparnisse. In einer so schweren Stunde mußte Josemaría Daniel Alfaro, einen Bekannten der Familie, der Militärgeistlicher war, um Hilfe bitte. Sein ganzes Leben war er ihm für seine Hilfsbereitschaft dankbar. Das Geld gab er kurz darauf zurück, und er schloß ihn von nun an immer in der heilige Messe in das Gebet für die Lebenden, und später für die Verstorbenen, ein.

Die Nacht hindurch hielten die Freunde aus Logroño und Bekannte von Don José mit der Familie die Totenwache. Die Verwandten fehlten. Am nächsten Tag war das Begräbnis. Bevor der Sarg geschlossen wurde, nahm Josemaría das Kruzifix des Verstorbenen an sich, ein ärmliches, abgenutztes Kreuz, das bereits die Großmutter Constancia in Händen gehalten hatte.

Der Trauerzug überquerte die Brücke und bog in den Friedhofsweg ein. Josemaría ging an der Spitze, allein, als einziger Verwandter. Die Trauergäste folgten. Mutter und Schwester waren zu Hause geblieben, da es damals nicht üblich war, daß Frauen an einem Begräbnis teilnahmen. Am Grab betete man zum letzten Mal ein Responsorium für Verstorbene, das Daniel Alfaro auf Bitten Josemarías hin wiederholte.

Der Sarg wurde in die Gruft gelassen, und der Sohn warf als Erster eine Handvoll Erde darauf. Der Totengräber überreichte ihm den Schlüssel, mit dem der Sarg verschlossen worden war. Auf dem Heimweg dachte Josemaría beim Überqueren der Ebro-Brücke darüber nach, daß er nun verwaist und ganz auf sich gestellt war. Er griff in die Tasche , holte den Schlüssel heraus und warf ihn in den Fluß, als wolle er sich symbolisch von den Bindungen, die seiner Berufung entgegenstehen könnten, losreißen. „Wozu soll ich“, sagte er sich, „diesen Schlüssel aufbewahren, der für mich nur eine Fessel sein kann.

Es folgten Tage familiärer Trauer. Zufällig wurde am 1. Dezember die Gemeindezählung durchgeführt. Vielleicht gibt es kein sprechenderes Dokument über die veränderte Situation der Familie Escrivá als die Unterschrift des ‚Familienoberhauptes’ auf dem Formular: ‚Dolores Albás, verwitwete Escrivá’.

Obwohl die Witwe offiziell als Familienoberhaupt galt, trug der älteste Sohn die Verantwortung für die Familie. Josemaría hatte vor, nach einigen Wochen, sobald er eine Wohnung in Saragossa gefunden hätte, seine Familie nachzuholen. Von einem Tag auf den anderen hatte der junge Seminarist nun die schwere Aufgabe, für den Unterhalt seiner Familie zu sorgen. Die Hoffnungen auf den kleinen Bruder, um dessen Geburt er den Herrn gebeten hatte, damit er seine Stelle einnähme, da Josemaría Priester werden wollte, waren nun dahin. Nun fiel ihm mehr die Rolle eines Vaters als die eines großen Bruders gegenüber Santiago zu.

Er war Subdiakon und infolgedessen an Verpflichtungen gegenüber der Kirche gebunden, unter anderem zölibatär zu leben. Es wäre möglich gewesen, sich davon dispensieren zu lassen. Wer hätte angesichts seiner neuen Pflichten daran Anstoß nehmen können? Aber trotz des gerade erlittenen Schicksalsschlages fühlte er sich innerlich gestärkt, ja in seiner Berufung bestätigt. Sein grenzenloses Vertrauen in die göttliche Vorsehung sah das Problem schon als gelöst an. Wäre der Tod des Vaters vor der Weihe zum Subdiakon gekommen, dann hätte er vielleicht an seiner Berufung zum Priestertum gezweifelt.

Das Unglück, das die Familie getroffen hatte, zeigte ihm mit noch größerer Klarheit den Sinn seines Lebens und die Hand Gottes, die ihn durch das Leiden hindurch begleitete. Auf dem Weg des Schmerzes löste Gott ihn von menschlichen Zuneigungen, materiellen Mitteln und dem, was ihm für die Zukunft helfen könnte. Er sah vor sich die drei in Barbastro verstorbenen jüngeren Schwestern, den Konkurs des väterlichen Geschäftes, die wirtschaftlichen Nöte und die nun verwaiste Familie, die ganz von ihm abhing; all das Teil der Geschichte seiner Seele, die der Herr durch diese familiären Schicksalsschläge formen wollte.

Von seinem Vater lernte der Sohn, was er nie mehr vergessen würde: „Ich sah ihn mit Freude leiden, ohne sein Leiden zu zeigen. Und seine Tapferkeit war für mich eine große Schule, weil ich danach so oft das Gefühl hatte, mir würde der Boden unter den Füßen weggezogen und alles stürze über mir ein, als würde ich zwischen zwei Eisenplatten erdrückt. Mit diesen Lektionen und der Gnade Gottes habe ich vielleicht noch das eine oder andere Mal die Ruhe verloren, doch selten (...). Mein Vater starb erschöpft. Immer hatte er ein Lächeln auf den Lippen und ein Wesen, das sehr anziehend war.“

Er erkannte dankbar die besondere Rolle seiner Eltern innerhalb des göttlichen Planes und das herausragende Vorbild ihrer Tugenden an. Die Gestalt Don Josés – geduldig und gelassen im Unglück, selbstvergessen im Dienst am Nächsten – hob sich im Andenken des Sohnes immer deutlicher hervor, und es war mehr als bloße Zuneigung, die er ihm gegenüber empfand: „Logroño!“, schrieb er am 9. Mai 1938 in einem Brief: „Vertrauteste Erinnerungen: Auf diesem Friedhof liegen die sterblichen Überreste meines Vaters, die für mich, aus vielen Gründen, Reliquien sind: Ich vertraue darauf, sie eines Tages zu erhalten.“

Ausschnitte aus Andrés Váquez de Prada, Der Gründer des Opus Dei. Die frühen Jahre. Adamas Verlag Köln, 2001; Kap. 3: Saragossa (1920-1925, S. 176-181