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Javier Echevarría: Papst Franziskus wird sich häufig auf das reiche und aktuelle Material, das Benedikt ihm hinterlassen hat, stützen können.

José Beltrán

Stichwörter: Kirche, Javier Echevarría, Papst, Armut, Prälat des Opus Dei, Benedikt XVI., Franziskus
Am 24. März gab der Prälat des Opus Dei, Javier Echevarría, der spanischen Zeitung „La Razón“ ein Interview über den neuen Papst Franziskus. Er betonte dabei, dass dieser sich „häufig auf das reiche und aktuelle Material, das Benedikt XVI. ihm hinterlassen hat, stützen können wird“.

Bischof Javier Echevarría.
Bischof Javier Echevarría.
Wie haben Sie die Nachricht von der Wahl des neuen Papstes aufgenommen? Was haben Sie in diesem Moment empfunden?

– Für mich war es ein Moment großer Freude. Für uns Katholiken ist es ein Bedürfnis, einen Vater aller auf dieser Erde zu haben, der der Stellvertreter Christi für die gesamte katholische Kirche ist. Als ich die Nachricht vom weißen Rauch erfuhr, kniete ich nieder und betete für ihn, noch ohne seinen Namen zu kennen. Innerlich erneuerte ich dabei den Wunsch, ein guter Sohn des Papstes sein zu wollen.

Als der neue Papst Franziskus erstmals von der Segensloggia des päpstlichen Palastes aus zu uns sprach, rührte mich, dass er sich dabei an alle Menschen guten Willens richtete. Ich überlegte in diesem Augenblick, dass er nicht nur die Last aller Katholiken auf seinen Schultern trug, sondern gleichzeitig die Freuden und Schmerzen der gesamten Menschheit. Deshalb war mein erster Gedanke neben der Freude über seine Wahl, dass ich für ihn betete. Ich spürte gleichzeitig den innigen Wunsch, mit allen gemeinsam noch mehr als bisher für den Nachfolger des hl. Petrus zu beten und sie aufzufordern, den Papst zu lieben.

Was hat Sie in den ersten Tagen des Pontifikats besonders bewegt? Was haben Sie als sein besonderes Anliegen herausgehört?

– Den Journalisten sagte er am 16. März: „Christus ist derjenige, der im Mittelpunkt steht.“ Mich erinnerte er mit dieser Aussage an etwas, das der hl. Josefmaria uns häufiger sagte: „Wir müssen von Christus sprechen, nicht von uns selbst!” Das führt uns wirklich zum Wesentlichen. Papst Franziskus erwähnte auch das Wirken des Heiligen Geistes. Mit diesem Schlüssel muss man das letzte Konklave wie die gesamte Geschichte der Kirche betrachten, d.h. sie sich aus dem Blickpunkt des Glaubens erschließen.

Wir haben jetzt erstmals in der Geschichte einen Papst aus Südamerika. Was würden Sie aus ihrer Erfahrung als Prälat des Opus Dei dazu sagen? Welche neue Perspektive können die Christen aus Lateinamerika dem alten Europa vermitteln?

– Die Menschen in Lateinamerika äußern ihre Zuneigung oft besonders herzlich; sie vermitteln damit echte Anteilnahme. Diese menschliche Wärme im Umgang macht es leichter, Vorurteile auszuräumen und sich komplexe intellektuelle Erklärungen zu ersparen, die oft die Beziehung zu den anderen erschweren. Es entstehen so schnell und unkompliziert echte zwischenmenschliche Beziehungen. Ein Zeichen für diese besondere Liebesfähigkeit ist die volkstümliche Verehrung der Muttergottes, die alle südamerikanischen Länder auszeichnet. Es ist eine zarte und gleichzeitig starke Liebe zur Muttergottes, die sich bereichernd auf die gesamte Menschheit auswirken wird. Das alles stellt ein besonders Geschenk für die Kirche dar.

Nach und nach dringen einige Gewohnheiten des Heiligen Vaters an die Öffentlichkeit: Er benutzt gerne den Autobus; während seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires lebte er in einem kleinen Apartment…Halten Sie es für möglich, dass diese kleinen Gesten das starre Bild, das viele von Priestern, Kardinälen oder der Kirche im Allgemeinen haben, verändern kann?

"Ich verstehe, dass uns manchmal eine gewisse Ungeduld befallen kann angesichts so zahlreicher Formen der Ungerechtigkeit, die es zu beheben gilt."
– Die bescheidene Genügsamkeit lässt sich eigentlich bei allen letzten Päpsten ausmachen, obwohl sie sich sehr verschieden äußerte. Auch bei vielen Priestern ist es so, dass sie nur das Nötigste zum Leben haben, manche vielleicht nicht einmal das. Das ist sicher weit verbreitet. Ich erlebte es kürzlich bei einem Kardinal, der zu einer Veranstaltung in die Päpstliche Hochschule vom Heiligen Kreuz kam. Zwischen den Vorträgen gab es eine kurze Kaffeepause, wo auch eine Kleinigkeit zum Essen angeboten wurde. Während er etwas zu sich nahm sagte er mir: „Sie werden es nicht glauben, gestern habe ich nicht zu Abend gegessen, da ich niemanden habe, der mir das Abendessen macht.“ Das ist vielleicht nicht häufig so, aber man könnte andere Beispiele dafür heranziehen.

Der Mangel an materiellen Gütern ist, wie der hl. Bernhard immer betonte, noch keine Tugend. Tugend ist es vielmehr die Armut zu lieben und sie dadurch zu bezeugen, dass man auf Annehmlichkeiten verzichtet. Diese Einstellung bewahrheitet sich, wenn man auf Überflüssiges zu verzichten versteht und losgelöst ist, von dem was man hat. Die Armut stellt für den Menschen einen Schatz dar – so sagte der hl. Josefmaria uns immer. Er verwies dabei auf das Beispiel der Eltern einer kinderreichen Familie, die durch ihre eigene Anstrengung die Ihren voranbringen und dabei so ganz nebenbei auf viele persönliche Annehmlichkeiten verzichten. Sie ist eine Folge der Liebe – so hat es auch Jesus gelehrt, und deshalb gehört sie zur Tugend der Nächstenliebe. Gleichzeitig ist es uns aufgegeben alles Erdenkliche zu tun, um das Leiden zu lindern, das durch persönliche oder soziale Ungerechtigkeit verursacht wird. Ich verstehe, dass uns manchmal eine gewisse Ungeduld befallen kann angesichts so zahlreicher Formen der Ungerechtigkeit, die es zu beheben gilt.

Papst Franziskus
Papst Franziskus
Die Reform der Kurie, die Neuevangelisierung ... und weitere Anliegen, die die Kardinäle während der Vortreffens vorgebracht haben ... sie alle liegen nun auf dem Schreibtisch des Papstes. Welches Anliegen ist Ihrer Meinung nach besonders dringend?

– Was die Kurie betrifft, so passt sie sich der übernatürlichen und menschlichen Logik gemäß sicher ganz besonders jedem Papst und den spezifischen Umständen der Kirche in der jeweiligen Zeit an – ich maße mir da nicht an, Prioritäten zu signalisieren. Diese Entscheidung liegt jetzt in den Händen des Papstes, wobei ich sicher bin, dass es sein wichtigstes Anliegen ist, allen zu dienen. Wenn man von einer Reform der Kurie spricht, die notwendig sein kann, muss man sich gleichzeitig klarmachen, dass viele Personen dort im Geist der Selbstverleugnung und mit großer Dienstbereitschaft arbeiten. Manche sind dabei weit weg von ihrer Heimat und ihrer Familie und erhalten dafür nur eine äußerst bescheidene Vergütung.

Da ich ja nicht in direkter Weise an der Versammlung der Kardinäle vor dem Konzil teilgenommen habe, kann ich nur stark vermuten, dass das Thema der Neuevangelisierung eine wichtige Rolle gespielt haben wird. Dabei wird der einfache und direkte Stil des Heiligen Vaters sicher eine gewichtige Rolle spielen.

In der Stellungnahme, die Sie in diesen Tagen veröffentlicht haben, unterstreichen Sie sehr den Aufruf von Papst Franziskus zur Weitergabe des Glaubens. Wie fügt sich diese seine Aufforderung dem konkreten Charisma des Opus Dei ein? Welches sind die Herausforderungen, die sich in diesem Sinne stellen?

– Das Bischofswappen des jetzigen Papstes trägt den Spruch „miserando et eligendo” – „aus Erbarmen erwählt“. Dieser Text geht auf den hl. Beda den Ehrwürdigen zurück. Wir lesen ihn jedes Jahr im Stundengebet. Die Aussage bezieht sich auf die Berufung des Matthäus. Jesus hat Mitleid und ist voll Erbarmen. Er beruft den Matthäus zur Nachfolge. Die Berufung ist ein Beweis der Liebe, sie entspringt dem göttlichen Herzen des Herrn, das voller Erbarmen ist. Der hl. Beda bemerkt dazu, dass Jesus „mehr mit dem inneren Blick seines Herzens als mit seinen körperlichen Augen“ auf den Menschen schaut.

Der hl. Josefmaria erinnert auf Grund seines von Gott erhaltenen Auftrags daran, dass alle zur Heiligkeit berufen sind. Deshalb wiederholte er gerne. „Lass ich mit deinen Augen sehen, mein Jesus, Christus meines Herzens!“ Ich denke, dass der Wunsch, das Evangelium zu verkünden – eine Notwendigkeit, deren sich die Kirche stets bewusst ist – in der Einladung zum Ausdruck kommen muss, die Menschen um uns herum mit Barmherzigkeit und Liebe anzuschauen, mit dem Wunsch ihnen zu helfen, damit sie die große Gnade empfangen, Christus und seine Liebe kennen zu lernen.

"Während seiner Katechese in Buenos Aires sagte der hl. Josefmaria: „Wenn ihr arbeitet und eurem Freund, eurem Kollegen oder eurem Nachbar helft, ohne, dass er es selbst bemerkt, dann heilt ihr ihn.“
Der Geist des Opus Dei ermuntert die Gläubigen der Prälatur, Priester wie Laien in gleicher Weise, dazu, sich bewusst zu machen, dass sie im gewöhnlichen Leben, im Beruf, in der Familie und den gesellschaftlichen Beziehungen für die anderen nötig sind, dass sie uns brauchen, nicht weil wir besser sind als sie, sondern weil wir Brüder sind. Gerade während seines Aufenthalts in Buenos Aires verwies der hl. Josefmaria besonders darauf: “Wenn Ihr arbeitet und eurem Freund, eurem Kollegen oder eurem Nachbarn helft, ohne dass er es bemerkt, dann heilt ihr ihn. Ihr seid Christus der heilt, der das Zusammenleben sucht, ohne sich abzuwenden, selbst wenn die Krankheit ekelerregend ist. Denn das kann jederzeit jedem von uns auch passieren.“

Das alles bedeutet, das Kreuz zu tragen und es zu lieben, wie es Papst Franziskus in seiner ersten Predigt auch erwähnt hat. Kardinal Bergoglio drückte es in seiner letzten Predigt in der Chrysammesse folgendermaßen aus: „Wir müssen Geduld mit den Menschen haben“, gerade dann wenn wir ihnen etwas beibringen wollen, ihnen etwas erklären oder ihnen einfach zuhören. Und wir müssen dabei immer mit dem Beistand des Heiligen Geistes rechnen.

Welche Hilfe kann es für Papst Franziskus bedeuten, den emeritierten Papst Benedikt XVI. immer in seiner Nähe zu wissen?

– Vermutlich wird der Papst in erster Linie geistliche Unterstützung und Begleitung durch seinen Vorgänger erfahren. Er wird sich häufig auf das reiche und aktuelle Material, das Benedikt ihm hinterlassen hat, stützen können. Die Liebe aller in der Kirche für Benedikt wird noch wachsen, da wir sicher sein können, dass er für uns in der hl. Messe und in seinem persönlichen Gebet betet und unsere bedingungslose Einheit mit Papst Franziskus unterstützt. In diesem Zusammenhang finde ich es wichtig, den Willen Benedikts XVI. zu respektieren, der sich bewusst vor den Augen der Welt verborgen hat, damit offenkundig ist, dass es nur einen Papst gibt. Er beugt so möglichen Verwirrungen vor, die weniger Gebildeten oder Menschen, die der Kirche fern stehen, Schwierigkeiten bereiten könnten. Jetzt ist Papst Franziskus römischer Pontifex, dem der vorherige Papst absoluten Gehorsam und die damit verbundene Verehrung zugesichert hat.

Bergoglio am Grab des hl. Josefmaria

- Kennen Sie den jetzigen Papst persönlich?
„Ich bin ihm verschiedentlich hier in Rom begegnet (z. B. anlässlich der Bischofssynoden) und auch in Buenos Aires. Er ist sehr liebenswürdig und als Priester gleichzeitig ernst, in sich gekehrt und lächelnd Er versteht es, den Kranken und materiell Bedürftigen sowie den geistlich Hungernden nahe zu sein. Er besitzt eine starke Persönlichkeit. Mit der Klarsicht eines Kindes Gottes kann er er sehr gut unterscheiden, was er anpacken bzw. was er nicht unterstützen will. Er ist bekannt dafür, dass er immer um Gebet für seine Person bittet. Er selbst betet ebenfalls viel für die anderen.“ Bei einer Gelegenheit kam er schon vor mehreren Jahren in die Prälaturkirche „Maria vom Frieden“. Kardinal Bergoglio verharrte ca. 45 Minuten knieend vor dem Grab unseres Gründers. Er hatte keine Eile. Seine Fähigkeit, sich ins Gebet zu vertiefen, ist ein Beispiel für uns alle, denn jeder Christ findet im Gebet Licht und Trost, das Gott ihm schenkt."