StartseiteDokumentationArtikel„Die Kirche als Ansammlung verschiedener widerstreitender Gruppierungen darzustellen, entspringt einer Perspektive ohne Glauben“
Dokumentation

„Die Kirche als Ansammlung verschiedener widerstreitender Gruppierungen darzustellen, entspringt einer Perspektive ohne Glauben“

Boris Pinto Martín, für "El Mercurio", Chile

Stichwörter: Kirche, Javier Echevarría, Papst, Prälat des Opus Dei, Franziskus
Im Interview für die chilenischen Tageszeitung „El Mercurio“ betont der Prälat des Opus Dei, dass „alle im Schiff Petri sind, um zu dienen, eins im Herzen und im Willen“. Er spricht auch über die Nähe von Papst Franziskus zur Prälatur Opus Dei.

Der Prälat des Opus Dei, Javier Echevarría.
Der Prälat des Opus Dei, Javier Echevarría.
Noch am 13. März, dem Tag, an dem Papst Franziskus sich erstmalig auf dem Balkon des Petersdoms zeigte, hat der Prälat des Opus Dei, Bischof Javier Echevarría, dem die Leitung des Opus Dei anvertraut ist, die folgende Nachricht allen Gläubigen der Prälatur übermittelt:
„Unser neuer Papst Franziskus ist der 266. Nachfolger des hl. Petrus. Seit dem Augenblick als weißer Rauch aufstieg, haben wir ihn mit großer Dankbarkeit angenommen und dem Beispiel Benedikts XVI. folgend erweisen wir ihm uneingeschränkte Ehrerbietung und Gehorsam.“

Der Vater - wie er im Opus Dei genannt wird - hat trotz seiner 80 Jahre mit großer Erwartung die Wahl und Inthronisation des Heiligen Vaters verfolgt. Er wusste auch direkt über Kommentare Bescheid, die die Vermutung nahe legten, dass dem Opus Dei die Wahl eines Jesuiten zum Papst sicher nicht so angenehm sei. Im Interview mit der Zeitung“ El Mercurio“ geht es in erster Linie um diese Diskussion: um die Überraschung, dass ein Lateinamerikaner Papst wird und um die Verpflichtung der Gläubigen der Prälatur dem Papst gegenüber. Erwähnung findet auch die Verehrung von Papst Franziskus für den hl. Josefmaria, den Gründer des Opus Dei.

Welches Signal ist es für die Kirche, dass ein Lateinamerikaner Papst wird?

Ein Papst, der aus Südamerika kommt, kann der Kirche ein verschärftes Bewusstsein für die Brüderlichkeit mitbringen und für die Bereitschaft, sich von materiellen Gütern zu lösen.
- In Lateinamerika ist die marianische Volkfrömmigkeit besonders stark ausgeprägt. Dort ist Kirche lebendig, mit einem wachen Bewusstsein für die Nöte der Menschen und der Kenntnis ihrer Probleme. Das bringt der neue Papst jetzt mit und setzt es zur Neuevangelisierung ein. Es verstärkt die Bindung an den Glauben in der gesamten Welt und besonders in Südamerika. Das ist ein ganz besonderes Geschenk für die Kirche. Jeder Papst hat seine eigene Persönlichkeit. Papst Franziskus bringt diese Hirtensorge der Nähe zu den „Außenstehenden“ in das Herz der Braut Christi mit.

Ein Papst, der aus Südamerika kommt, kann der Kirche ein verschärftes Bewusstsein für die Brüderlichkeit mitbringen und für die Bereitschaft, sich von materiellen Gütern zu lösen.
Er wird verstärkt für eine Kultur des Seins, des Lebens, eintreten, statt eine Kultur des Habens zu befürworten, die gerade die wirtschaftlich hoch entwickelten Länder fast ersticken lässt.

Das Opus Dei betont häufig, dass es gekommen ist, „der Kirche zu dienen, so wie sie es braucht“. Was bedeutet diese Aussage hinsichtlich der Verfügbarkeit für das, worum der Papst bittet oder bitten könnte?

- Diesen Ausdruck benutzte der hl. Josefmaria häufig, um das Ziel des Opus Dei zu beschreiben. Diese Aussage wird klarer durch die Mission, die die Kirche der Prälatur anvertraut hat, nämlich alle Menschen daran zu erinnern, dass sie zur Heiligkeit im gewöhnlichen Leben verpflichtet sind- an erster Stelle bei der Ausübung der beruflichen Arbeit. Manchmal gibt es konkrete Notwendigkeiten, etwa als Papst Johannes Paul II. darum bat, dass einige Personen des Werkes mit der apostolischen Arbeit in Kasachstan begännen. Man nahm dieses Anliegen auf und einige Mitglieder des Opus Dei bemühten sich um eine Stelle in Kasachstan, die es ihnen erlaubte, beruflich dort zu arbeiten. Es verläuft so wie bei anderen Bürgern auch. Einmal bat die Kurie uns um die Mitarbeit eines Priesters dort. Als wir hörten, dass der Heilige Vater diese Bitte ebenfalls unterstütze, habe ich es sofort veranlasst. Ähnliches geschieht auch häufig in den Diözesen. Wenn Gläubige der Prälatur zusammen mit anderen Personen eine Sozialinitiative ins Leben rufen, geschieht das zur Behebung lokaler Notlagen und mit der ausdrücklichen Unterstützung des Ortsbischofs. So entstand beispielsweise am Stadtrand von Nairobi eine Berufsschule, eine andere Schule ähnlichen Charakters im Libanon, sowie ein Hospital zur Palliativ-Pflege von unheilbar Kranken in Madrid, sowie ein Bildungszentrum in der Bronx von New York, usw.

Haben Sie vor, den Heiligen Vater zu besuchen? Ist das vom Protokoll her so vorgesehen oder muss man darauf warten, eingeladen zu werden?

- Jeder Bischof macht in regelmäßigen Abständen einen Besuch beim Heiligen Vater, um ihm vom Zustand seiner Diözese in Kenntnis zu setzen. Das ist auch in meinem Fall so. Ich berichte ihm über die Entwicklung der Prälatur Opus Dei. Natürlich wünsche ich mir, dem Papst bald persönlich begegnen zu können und ihm meine volle Unterstützung zuzusichern. Das habe ich ihm natürlich schon schriftlich mitgeteilt. Jetzt zu Beginn seines Pontifikats kommen auf den Heiligen Vater jedoch erst mal viele dringende Aufgaben zu, die es jedes Mal zu Beginn des Pontifikats zu bewältigen gilt.

Was ich deshalb besonders allen anrate ist, dass sie großzügig für Papst Franziskus einfache Gebete aufopfern und sich mit seiner Person in der hl. Messe verbinden.
Welche Verpflichtungen haben die Mitglieder des Opus Dei dem Papst gegenüber?

- Ich bitte alle Mitglieder des Opus Dei darum, großzügig im Gebet für ihn zu sein und sich in der hl. Messe mit seiner Person verbunden zu fühlen. Wir machen es so wie die anderen Menschen auch, wir versuchen gute, loyale Kinder zu sein, die das Amt des Heiligen Vaters, der ein Vater für alle ist, zu unterstützen suchen und ihm beständig durch unser Gebet und menschliche Zeichen der Zuneigung zur Seite zu stehen. Im Opus Dei gibt es nur eine geringe Zahl von Diözesanpriestern. Die Mehrzahl der Gläubigen der Prälatur sind Männer und Frauen, die den großen Teil des Tages in einer Fabrik, einem Hospital, einer Schule oder einem Unternehmen, sowie einfach in Aufgaben für die Familie zubringen. Was ich deshalb besonders allen anrate ist, dass sie großzügig für Papst Franziskus einfache Gebete aufopfern und sich mit seiner Person in der hl. Messe verbinden. Sie können auch Zeiten der Arbeit oder des Apostolats mitten in der Welt aufopfern oder die Mühen, die es heute kostet, eine Familie voranzubringen. Ich bin sicher, dass viele ihre Krankheit für den Papst aufopfern werden oder ihre wirtschaftlichen oder beruflichen Schwierigkeiten, ihre Sorge um einen Verwandten oder einen Freund, der besonders der Fürsorge bedarf, und natürlich auch ihre Freuden.

Das kurze Gebet, dass die Gläubigen der Prälatur täglich für den Hl. Vater verrichten, ist der liturgischen Tradition der Kirche entnommen. Wir bitten darum, dass der Herr ihm viele Jahre schenken möge und ihn glücklich auf der Erde machen möge. Wir bitten täglich darum in der Überzeugung, dass das Gebet - auch so ein kurzes tägliches Gebet - sicher Frucht bringen wird.

Wie war die Beziehung der Gläubigen des Opus Dei in Argentinien zum Papst während seiner Zeit als Erzbischof dort? Haben sie Ihnen Konkretes dazu erzählt?

- Bei meinen Besuchen in Argentinien habe ich immer bei allen Gläubigen der Prälatur große Zuneigung und Achtung für Kardinal Bergoglio gespürt. Es war eine Beziehung, die von großer Herzlichkeit, Einfachheit und Freundschaft geprägt war sowie von der gemeinsamen Sorge, die Diözese voranzubringen. Der Kardinal feierte häufig die hl. Messe am 26. Juni, dem Fest des hl. Josefmaria, dem Gründer des Opus Dei, in der Kathedrale. Ich weiß aus Berichten, in welcher Weise einige Gläubige der Prälatur dem Kardinal besondere Unterstützung und Nähe bezeugten, und von seiner väterlichen Art, sich dafür zu bedanken. Zum Beispiel war er einmal in einem Zentrum des Opus Dei, um einen kranken Priester dort zu besuchen, ein anderes Mal begleitete er einen anderen während der Totenwache bei seiner Mutter…Diese Kleinigkeiten sagen viel aus über seine Aufmerksamkeit anderen gegenüber und über seine Zuneigung zu jedem einzelnen. Er verfolgte aus der Nähe die Errichtung einer Schule seitens einiger Personen, die zur Prälatur gehören im Viertel von Barracas, das an den sogenannten „Komplex Villa 21“ grenzt, die größte unkontrollierte Wohnungsanlage, die es in Buenos Aires gibt. Er hat das Projekt mehr als einmal besucht.

Wie war ihre Reaktion als Prälat des Opus Dei, als Sie erfuhren, dass der neue Pontifex Mitglied des Jesuitenordens ist?

- Ich empfahl den Heiligen Vater ganz besonders dem Schutz des hl. Ignatius von Loyola, dessen Erbe der Kirche viele Früchte hinterlassen hat. Ich bin überzeugt, dass er für den jetzigen Papst eintreten wird und gleichzeitig dachte ich, dass seine Wahl in der Gesellschaft Jesu sicher mit großer Freude aufgenommen wurde. Ich dachte auch an die besondere Verehrung, die der hl. Josefmaria Ignatius entgegenbrachte, den er mehrmals im Weg zitiert hat und den er immer bei seinem Vornamen Íñigo oder Ignacio anrief. Er sah in ihn als jemanden, der den Weg zur Heiligkeit ernst nahm, einen Weg, den auch er den Gläubigen der Prälatur aufzeigte, wenn auch auf eine andere Art und Weise. Er war froh, dass er einmal die hl. Messe im Zimmer des Heiligen hatte feiern können.

Die Kirche als ein Gebilde verschiedener Gruppierungen zu verstehen, würde der Gemeinschaft als “Communio” entschieden schaden und entspringt meiner Ansicht nach aus einer Sicht auf sie, die jedes Glaubens entbehrt; denn im Schiff des Petrus sind wir alle dazu da zu dienen in einer Einheit der Herzen und des Willens, auch wenn jeder das auf verschiedene Weise tut, je nach seinem Charisma und seiner konkreten Zielsetzung.

Ich bin sicher, dass der Heilige Vater uns mit seinem Beispiel zeigen wird, wie sich unsere intellektuelle, manuelle oder häusliche Arbeit in einen Dienst verwandeln lässt, indem wir sie für Gott und die anderen verrichten.
Papst Franziskus hat sich häufig zur Bedeutung der Arbeit geäußert, an der er die Würde der Person festmacht. Das ist ein Aspekt der auch in der Theologie des hl. Josefmaria von großer Bedeutung ist. Glauben Sie, dass der neue Papst die Schriften des Gründers des Opus Dei kennt?

Ich bin sicher, dass der Heilige Vater uns mit seinem Beispiel zeigen wird, wie sich unsere intellektuelle, manuelle oder häusliche Arbeit in einen Dienst verwandeln lässt, indem wir sie für Gott und die anderen verrichten. Ich bin nicht darüber informiert, ob er die Schriften des hl. Josefmaria kennt. Ich weiß wohl, dass er zum hl. Josefmaria betet. Vor ein paar Jahren suchte er in Rom die Prälaturkirche Maria vom Frieden auf. Er bete dort 45 Minuten kniend vor dem Grab des hl. Josefmaria.

Es ist sicher ein schöner Zufall, dass beide die menschliche Arbeit als Weg zur Heiligkeit und als Weg zur Schaffung sozialer Gerechtigkeit wertschätzen. Kürzlich erwähnte Kardinal Bergoglio, dass er in seiner Jugend in einem Labor gearbeitet hat, was ihm wichtige Erfahrungen für sein weiteres Leben einbrachte. „Im Labor lernte ich das Gute und das Schlechte jeder menschlichen Arbeit kennen.“ Es ist wahr, dass die täglichen Beschäftigungen das Beste in uns zu Tage fördern können oder uns zu Egoisten werden lassen; die Arbeit ist die Bühne, wo die Tugenden gedeihen – oder um es mit Worten des hl. Josefmaria zu sagen - die Arbeit ist die Achse unserer Heiligkeit. Die Arbeit, so beteuerte 2007 der jetzige Papst, „ist Garantie für die Würde und die Freiheit des Menschen. Deshalb kommt ihr ein hervorragender Stellenwert in der sozialen Frage zu“. Ich bin sicher, dass er uns mit seinem Beispiel zeigen wird, wie sich unsere intellektuelle, manuelle oder häusliche Arbeit in einen Dienst verwandeln lässt, indem wir sie für Gott und die anderen verrichten.