StartseiteDokumentationImpressionenIm Alter von 11 Jahren: Ein zufälliges Zusammentreffen mit dem Gründer des Opus Dei
Dokumentation

Im Alter von 11 Jahren: Ein zufälliges Zusammentreffen mit dem Gründer des Opus Dei

Rafael Poveda

Stichwörter: Bußsakrament, Beschaulichkeit, Geduld, Armut
Rafael Poveda Longo war einer der ersten, der 1950 um die Aufnahme ins Opus Dei als Assoziierter bat; er arbeitete in der Verwaltung einer Firma. 1992 starb er in Madrid, nach vielen Jahren der treuen und großzügigen Hingabe an Gott und die anderen im Opus Dei.

In seiner Kindheit kam er kurz mit der Geschichte des Opus Dei in Berührung. Als er gerade elf Jahre alt war, lernte er einen sehr jungen und sympathischen Priester kennen, der eines Tages im Mai 1929 in seiner Klasse auftauchte. Das war in der Schule der Damas Apostólicas in der Straße Isabel la Católica.

Viele Jahre später, als er schon vom Werk war, machte er eine überraschende Entdeckung. Als er eine Aufzeichnung von einem Beisamensein mit dem Gründer des Opus Dei in Buenos Aires sah, merkte er, daß der junge Priester, den er damals 1929 kennengelernt hatte, der Vater war. Es gab keinen Zweifel, denn der Gründer erzählte eine kleine Geschichte, an die auch er sich genau erinnerte und die er aufschrieb:

„Am 10. Mai 1929 wurde ich elf Jahre alt. Am frühen Nachmittag gingen wir zur Kirche der Damas Apostólicas in der Straße Nicasio Gallego. Dort trafen wir mit Jungen aus verschiedenen Schulen der Damas in Madrid zusammen, denn am nächsten Tag war unsere Erstkommunion.

Jene Kirche war eher eine Kapelle, sie war nicht sehr groß, hatte zwei Bankreihen mit einem Gang in der Mitte und zwei kleineren Seitengängen. Rechts im Kirchenschiff gab es zwei Beichtstühle. Der eine war genau da, wo er heute noch ist, direkt rechts am Eingang, und der andere war näher am Presbyterium, wo sich jetzt das Grab von Doña Luz Rodríguez Casanova befindet, die uns damals auf die Erstkommunion vorbereitete und die einige Jahre später im Ruf der Heiligkeit starb.

Ein Freund von mir, der bereits zur ersten heiligen Kommunion gegangen war und mehrmals dort gebeichtet hatte, empfahl mir den zweiten Beichtstuhl, weil der Priester dort jung und recht nett war. Dummerweise stand vor diesem Beichtstuhl eine lange Schlange von Jungen, die bei ihm beichten wollten. Und da an diesem Tag mein Geburtstag war und ich möglichst schnell nach Hause wollte, wo ich ein Kaffetrinken für meine Freunde vorbereitet hatte, entschloß ich mich, bei dem ersten Priester zu beichten, wo nur drei oder vier Jungen warteten.

Jener Priester im ersten Beichtstuhl war schon etwas älter, er war gut genährt und sah friedlich aus. Ich beichtete, und dann gab mir der Priester einige Ratschläge, aber mit so leiser Stimme, daß ich ihn fast nicht hören konnte. Da er recht lange sprach, zerstreute ich mich, weil ich auf die Reihe der Knöpfe an seiner Soutane blickte, die mir unendlich schien. Ich fragte mich, wie viele es wohl seien und hatte den unwiderstehlichen Wunsch, sie zu zählen. Als ich fast fertig war, merkte das der Priester und fragte mich, was ich da tat. Und mit aller Einfachheit sagte ich es ihm. Das ärgerte ihn sehr, denn er richtete sich vor mir auf und schimpfte so laut, daß ich mich ziemlich erschreckte.

Dann merkte ich, daß meine Schulkameraden vom anderen Beichtstuhl lachten und sich über diesen Aufstand, den ich inszeniert hatte, amüsierten. Als ich dorthin blickte, sah ich auch den anderen Priester, der den Kopf aus dem Beichtstuhl steckte, um zu sehen, was los war. In diesem Augenblick erkannte ich jenen jungen Priester, der in der Colonia de los Pinos Katechismusunterricht gab und der zu uns in die Schule gekommen war, um uns die Beichte zu erklären.

Der ältere Priester schickte mich zum Altar, damit ich dort Gott um Verzeihung bitten sollte. Und dort blieb ich, bis die kleine Gruppe fertig war und jener Priester, der nun wieder friedlich aussah, mich mit einem Lächeln fragte, ob ich bereut habe. Ich sagte ja und ging ruhig nach Hause, obwohl ich ein bißchen böse war, denn ich war am Ende der letzte gewesen und ich wollte doch nach Hause zu dem Geburtstagsfest. Außerdem fühlte ich mich gedemütigt, denn alle Jungen hatten über mich gelacht.

Diese Episode blieb als Erinnerung an eine kleine Demütigung, die man als Kind eingesteckt hat, in mir haften. Ich habe sie nie jemandem erzählt. Es vergingen mehr als fünfzig Jahre, bis ich eines schönen Tages eine Aufzeichnung von einem Beisammensein mit dem Gründer des Opus Dei 1974 in Buenos Aires sah. Bei diesem Treffen sprach er über jene Arbeit in den ersten Jahren des Werkes, als er Tausenden von Kindern, die sich auf die Erstkommunion vorbereiteten, die Beichte abnahm. Und plötzlich erzählte der Vater folgende Geschichte:

Ich ging bei Kindern Beichte hören und versuchte immer, daß mich ein älterer Priester begleitete, denn die alten Leute wieder wieder jung, wenn sie Kontakt zu Kindern haben. Einmal kam ein älterer Priester von ehrwürdigem Aussehen mit mir. Er war ein studierter Mann, der sein ganzes Leben lang geschrieben, Beichte gehört, gepredigt... hatte. Vielleicht hatter auch deswegen einen beachtlichen Bauch entwickelt. Die Kapelle, wo wir hingingen, war nicht sehr groß und so waren wir nicht weit voneinander entfernt.

Plötzlich hörte ich Lärm. Ich drehte mich in die Richtung und sah jenen Priester, der sehr heilig und sehr sanftmütig war, wie er außer sich mit einem Kind schimpfte. Als wir fertig waren, fragte ich ihn: Was ist passiert? Und er erzählte es mir. Jener Freund von mir, der schon älter war, hatte vergessen, daß er die Beichte eines Kindes hörte und war dabei, ihm voller Ernst einige Ratschläge zu erteilen. Das dauerte wahrscheinlich etwas lange und der Junge, schließlich ein Kind, langweilte sich, betrachtete den ehrwürdigen Bauch jenes Priesters, entdeckte die Knöpfe seiner Soutane, die so glänzten, und fing an, sie zu zählen. Eins, zwei... als jener gute Beichtvater das merkte, sagte er zu ihm: Junge, was machst du da? – Fünfunddreißig! Ich habe bei ihnen fünfunddreißig Knöpfe gezählt! Und mein Freund, so sanftmütig und heilig, wurde ganz böse, da er unfähig war, selbst wieder ein wenig Kind zu werden.


Als ich ihn das erzählen hörte – fährt Rafael fort – war ich tief beeindruckt. Die Umstände und die Übereinstimmungen waren viele und so eindeutig, daß es sich schwerlich um verschiedene Ereignisse handlen konnte. In jenem Moment assoziierte ich instinktiv die Geste und die lebendige Gestalt jenes jungen Priesters, die sich so tief in meine kindliche Erinnerung eingeprägt hatte, mit dem Bild, das man vom Gründer des Opus Dei in den aufgenommenen Treffen bekommt.

Die Tatsache, daß Msgr. Escrivá sich an diese Geschichte nach so vielen Jahren noch bis in die Einzelheiten hinein erinnerte, läßt mich auf den Gedanken kommen, daß er in jenem Augenblick für den armen Jungen, die Hauptperson des kleinen Vorfalls, gebetet hat. Und ich denke – schließt Rafael –, daß vielleicht jenes Gebet des Gründers ziemlich viel mit meiner Berufung zum Werk zwanzig Jahre später zu tun hat.

Mich hat diese intensive priesterliche Tätigkeit des Gründers in Madrid während jener ersten Jahre des Opus Dei immer fasziniert. Er besuchte Armenviertel in allen Himmelsrichtungen der Hauptstadt – Tetuán, Dehesa de la Villa, Campo del Moro, Vallecas etc. -, kümmerte sich um Kranke in ihren Hütten und half Kindern. Und er ging auch in die Krankenhäuser, um die Leidenden zu trösten, und suchte im Schmerz das Fundament und die Stärke des Werkes, um das Gott ihn bat. Er selbst sagte, daß er „nur die Gnade Gottes, seine gute Laune und nichts weiter besaß. Ich hatte weder Geld noch Tugenden. Und ich mußte das Opus Dei verwirklichen.“

Er widmete dieser Arbeit Tausende von Stunden und war überzeugt, daß wenn er in der Tat das Werk hatte voranbringen können, es „mit Hilfe der Krankenhäuser war. Da war dieses Allgemeine Krankenhaus von Madrid, voller Kranker, unter den armseligsten Verhältnissen, sie lagen auf dem Gang, weil es keine Betten gab... Da war jenes Hospital del Rey, wie es hieß, in dem es nur Tuberkulosekranke gab – und die Tuberkulose war damals unheilbar..."


Ausschnitte aus dem Buch: „Antes, más y mejor“ von Lázaro Linares, Ed. Rialp, Madrid 2001, S. 43-49