StartseitePersönliche ZeugnisseFriedrich Kardinal Wetter, bis 2008 Erzbischof von München und Freising
Persönliche Zeugnisse

Friedrich Kardinal Wetter, bis 2008 Erzbischof von München und Freising

Das Zweite Vatikanische Konzil hat das getan

9 November 2002

Stichwörter: Ökumenischer Dialog, Heiligkeit, Zweites Vatikanum
Aus einer Predigt im Liebfrauendom zu München

Das Verständnis von Heiligkeit war im Laufe der Zeit verengt worden, als ob Heiligkeit nur etwas für besonders auserwählte Seelen wäre. Und weithin herrschte das Missverständnis, Heiligkeit sei das Ergebnis einer asketischen Akrobatik. Es war an der Zeit, mit diesen falschen Vorstellungen christlicher Heiligkeit aufzuräumen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat das getan. Im Kapitel V der Kirchenkonstitution entfaltet das Konzil seine Lehre von der allgemeinen Berufung zur Heiligkeit.

Josemaría Escrivá hat diese Lehre des Konzils mit vorbereitet. Die Liturgische Bewegung hatte die Erneuerung der Liturgie vorbereitet, die dann durch das Konzil in Gang gesetzt wurde; die Bibelbewegung hatte ein vertieftes Verstandnis der Hl. Schrift, die Ökumenische Bewegung den ökumenischen Aufbruch des Konzils vorbereitet, und die vertieften theologischen Studien der Heiligen Schrift und der Kirchenväter führten zu einem umfassenderen Verständnis der Kirche als Volk Gottes und Sakrament Jesu Christi.
So hat der heilige Josefmaria für die Lehre des Konzils von der allgemeinen Berufung zur Heiligkeit Vorarbeit geleistet. Dadurch leistete er zugleich einen wichtigen Beitrag fiir die Bedeutung und Stellung des Laien in der Kirche.

Heiligkeit ist kein Privileg einer bestimmten Kaste. Jeder ist zur Heiligkeit berufen, jeder kann in seinem Beruf und in seinem Stand heilig werden (...) Das Kapitel V der Kirchenkonstitution gehört zu den wichtigsten Aussagen des Konzils überhaupt, Aber es wird kaum zur Kenntnis genommen. Man diskutiert über Dienste und Ämter in der Kirche, über das Verhältnis von Priestern und Laien. Dass aber alle Dienste und Ämter und das Leben aller Christen auf die Heiligung hingeordnet sind, nimmt kaum jemand wahr.

"In der Kirche", so Escrivá, "gibt es verschiedene Dienste, aber nur ein einziges Ziel: die Heiligung der Menschen. Und an diesem Werk haben auf irgendeine Weise kraft des in Taufe und Firmung empfangenen Prägemales alle Christen teil. Alle müssen wir uns für diese Sendung der Kirche verantwortlich fühlen, die ja die Sendung Christi ist." Wir könnten uns in der Kirche manche Spannung und Auseinandersetzung und auch manchen Ärger ersparen, wenn wir dies ernst nähmen. Es ist an der Zeit, uns auf diese Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils zu besinnen und sie in unser Leben und das Leben der Kirche umzusetzen (...).
So persönlich der Ruf nach Heiligkeit ist, es geht dabei auch darum, die Welt menschlicher zu machen.

"Durch diese Heiligkeit wird auch in der irdischen Gesellschaft eine menschlichere Weise zu leben gefordert", (Lumen Gentium 40) sagt das Konzil. Und Papst Johannes Paul II. vertieft das noch, wenn er bei der Predigt am 6. Oktober 2002 ausführt, es gehe darum, "die Welt zu Gott zu erheben und sie von innen her zu verwandeln". Dass wir dabei auch auf Verständnislosigkeit und Spott stoßen, muß uns nicht überraschen. Denn unsere Art, als Jünger Christi zu leben, stammt nicht von dieser Welt. Wir leben in dieser Welt, sind aber zugleich auch Fremdlinge in der Welt (1 Petr 1,1). Das darf uns nicht mutlos machen. Im Gegenteil, es sollte uns zeigen, wie wichtig das Zeugnis eines nach Heiligkeit strebenden Lebens für diese Welt ist.