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Persönliche Zeugnisse

Ein persönliches Wort zum „Apostel der Freundschaft“

Kardinal Dr. Franz Hengsbach+, ehemaliger Bischof von Essen und Militärbischof für die Bundesrepublik; in Ruhrwort, 29.6.1985

20 August 2012

Stichwörter: Freundschaft, Apostolat, Josemaría Escrivá
Kam man dem Gründer des Opus Dei einmal persönlich nahe, so konnte man nicht anders, als für immer sein Freund zu werden. Das ist meine Erfahrung und diejenige vieler Menschen, wie ein Biograph in seinen Aufzeichnungen mitteilt: „Er war sehr fröhlich und verständnisvoll, schlicht und einfach, ohne Hintergedanken; er wurde zum Freund aller, und alle hatten ihn gern (Bernal, S. 155). Allen wollte er Freund sein, selbst denen, die dem Opus Dei und deswegen auch ihm nicht gut gesonnen waren.

Was beseelte diesen Diener Gottes, so viele Freunde zu haben und nicht nur ein paar wenige, wie es ja sonst wohl die Regel ist? Es war die Einsicht, dass echte Freundschaft mehr ist als bloße persönliche Zuneigung, dass sie immer in Jesus Christus, dem wahren Freund, wurzelt. Er ist für jeden Menschen gleichermaßen gestorben. Jeder Mensch ist also das ganze Blut Christi wert, wie Escrivá zu sagen pflegte. Deshalb war ihm kein Mensch gleichgültig, an keinem konnte er teilnahmslos vorüber gehen. Es drängte ihn vielmehr, jedem, dem er begegnete, Jesus Christus ein wenig näher zu bringen. „Indem man den Freund liebt, liebt man auch das für ihn Gute“, sagt Aristoteles. Für den Gründer des Opus Dei aber gab es kein höheres Gut als die Liebe Gottes selbst. Sie wollte er den Menschen bringen als das Beste, was er hatte.

Wenn ich an meine Freundschaft mit ihm denke – und ich könnte das gleiche auch über meine Freundschaft mit dem Nachfolger in der Leitung des Werkes, dem Prälaten Alvaro del Portillo sagen –, fallen mir zwangsläufig die Worte unseres Herrn beim Abendmahl ein: „Freunde habe ich euch genannt; denn ich habe euch alles geoffenbart, was ich von meinem Vater gehört habe“ (Joh 15,15).

Msgr. Escrivá war erfüllt vom Geist solcher Freundschaft. Ihr Gütesiegel war für ihn der gemeinsame Blick auf Christus. „Freunde blicken nicht einander an, (...) ihr Blick ist auf die Dinge gerichtet, für die sie sich gemeinsam interessieren“, sagt Josef Pieper. Schon Cicero definierte die Freundschaft als „eine Übereinstimmung in göttlichen und menschlichen Dingen mit Wohlwollen und Liebe“. Wo es keine Ziele gibt, gibt es keine Freundschaft. Freundschaft braucht einen Inhalt. Wer nichts hat, hat nichts zu teilen; wer kein Ziel hat, kann keinen Reisegefährten haben. Freundschaft entsteht nur, wenn man das Persönliche teilt, wenn man sein Eigenes dem anderen schenkt, wie Jesus Christus selbst.

Freund sein und Apostel sein – für Msgr. Escrivá war dies ein und dieselbe Wirklichkeit. Er kannte keinen Unterschied zwischen Freundschaft und Apostolat. Das eine zum Instrument des anderen herabzuwürdigen war ihm fremd. Es würde dem Wesen der Freundschaft wie dem Wesen des Apostolates völlig zuwiderlaufen. Vielmehr liebte er die Menschen um Christi willen wirklich und wahrhaftig. Er wünschte gerade nichts sehnlicher, als jedem einzelnen die Begegnung mit Christus zu ermöglichen. So wurde sein Apostolat zum Beweis seiner Freundschaft. Umgekehrt wäre in seinen Augen ein apostolisches Bemühen ohne echte Zuneigung zu dem konkreten Menschen von vornherein zum Scheitern verurteilt. Freundschaft und Apostolat – für den Gründer des Opus Dei zwei Seiten einer Münze.

Die Freundschaft unter Menschen findet ihren vollen Sinn erst in der Freundschaft mit Christus. Niemand kann geben, was er nicht hat. Daher trachtete der Diener Gottes danach, persönliche Freundschaft mit Christus und das heißt, Umgang mit ihm im Gebet und in den Sakramenten zu suchen, sein Leben zu betrachten, um von ihm zu lernen, wie man als Glaubender mit seinen Freunden umgeht.

Von Christus zu sprechen, seine Lehre in Wort und Beispiel zu verbreiten, begriff er als wesentlichen, ja unverzichtbaren Bestandteil der christlichen Berufung. (...) Dabei ließ er sich nicht von falschen Rücksichten leiten, verwechselte Klugheit nicht mit Feigheit, Respekt vor der Freiheit des anderen nicht mit Gleichgültigkeit. Auch in dieser Hinsicht kann Msgr. Escrivá als Herold des II. Vatikanischen Konzils betrachtet werden.