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Dokumentation

Die Universalität der Kirche

Fernando Ocáriz

Stichwörter: Gnade, Kirche, Papst, Prälatur Opus Dei, Einheit
In seinen Schriften und seiner Verkündigung bezieht sich der selige [heilige] Josefmaria häufig, wenn auch nicht immer ausführlich, auf die Kirche. Er setzt dabei unterschiedliche Akzente, tut es aber normalerweise, um das Glaubensleben seiner Hörer oder Leser zu nähren, weniger mit wissenschaftlicher Zielsetzung. Abgesehen davon sind zwei Homilien gänzlich der Betrachtung dessen, was die Kirche ist, gewidmet. Er stellt darin die grundlegenden Aspekte der katholischen Lehre über die Kirche dar und verteidigt sie gegen die Irrtümer, die in den ersten zehn Jahren nach dem Zweiten Vatikanum verbreitet wurden – und dies trotz der Klarheit und Tiefe, mit der das Konzil sich zu diesem Thema geäußert hatte, vor allem in der Konstitution Lumen gentium 1.

Wenn der [heilige] Josefmaria über die Kirche sprach oder schrieb, bezog er sich nie auf ein abstraktes Thema, sondern auf eine lebendige Wirklichkeit. Seine Liebe und Verehrung dieser Gegenwart des Heilsmysteriums waren nicht zu trennen von seiner leidenschaftlichen Liebe zu Jesus Christus, sie stellten vielmehr zwingend deren äußere Manifestation dar. Denn in der Tat “ist die Kirche Christus unter uns, sie ist Gott, der auf die Menschheit zugeht, um sie dadurch zu heilen, daß Er uns mit seiner Offenbarung ruft, mit seiner Gnade heiligt und uns erhält durch seinen immerwährenden Beistand in den kleinen und großen Kämpfen des Alltags”2 .
Seine Liebe zur Kirche war voll Bewunderung gegenüber ihrer unzerstörbaren ursprünglichen Heiligkeit, ohne jedoch die aktuelle Sündhaftigkeit ihrer Glieder zu vergessen: „Gens sancta, ein heiliges Volk, das sich aus Geschöpfen voller Erbärmlichkeiten zusammensetzt. Dieser scheinbare Widerspruch kennzeichnet einen Aspekt des Geheimnisses der Kirche. Die Kirche ist göttlich, sie ist aber zugleich auch menschlich, denn sie besteht aus Menschen, und wir Menschen haben Fehler: omnes homines terra et cinis (Sir 17,31), wir alle sind Staub und Asche.“ 3 Es war eine Liebe, die jubelt und singt: “Heilig, heilig, heilig! wagen wir der Kirche zuzurufen, indem wir an den Hymnus zum Lobpreis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit denken. Du bist heilig, Kirche, meine Mutter, denn der Heilige, der Sohn Gottes, hat dich gestiftet; du bist heilig, denn der Vater, der Quell aller Heiligkeit, hat es so gewollt; du bist heilig, denn der Heilige Geist steht dir bei, der in der Seele der Gläubigen weilt, um die Kinder des Vaters zusammenzuführen, die in der Kirche des Himmels, im ewigen Jerusalem, wohnen werden.“ 4

Für den [heiligen] Josefmaria ist die Kirche zuallererst Weltkirche, die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche, die von den Bischöfen geleitet wird, welche wiederum unter der höchsten Autorität des Römischen Pontifex stehen. Und deshalb ist sie römisch: “Wie koste ich dieses Wort aus: römisch! Ich fühle mich römisch, denn römisch bedeutet universal, katholisch; es führt mich zu einer innigen Liebe zum Papst, il dolce Cristo in terra, wie ihn die heilige Katharina von Siena so gerne genannt hat.“ 5

In diesen und ähnlichen Aussagen leuchtet der genuine Kirchenbegriff auf, der der Gesamtkirche die zeitliche und ontologische Priorität vor jeder konkreten Teilkirche6 zugesteht und gleichzeitig jede Form von einseitigem Universalismus vermeidet. In der Tat hatte der [heilige] Josefmaria ein waches Bewußtsein von der Gegenwart und dem Wirken der Weltkirche - “inest et operatur”7 – in den jeweiligen Ortskirchen. Daher war seine volle und unbedingte Bindung an den Nachfolger Petri kein Hindernis für seine Einheit mit den Diözesanbischöfen, die von ihm als ein absolut wesentliches Merkmal der Einheit der Kirche herausgestellt und gelebt wurde: “Diese Einheit wird für die Gesamtkirche einzig und allein vom Papst garantiert; und der Bischof – verbunden mit dem Heiligen Stuhl – sichert sie seinerseits für das Bistum.”8

Die Betrachtung des Geheimnisses der Kirche ruft in der Seele des gläubigen Christen eine freudige Hoffnung hervor, denn “die Kraft und die Macht Gottes erhellen das Angesicht der Erde. Der Heilige Geist steht fortwährend der Kirche Christi bei, damit sie immer und in allem das erhobene Zeichen für die Völker sei, das den Menschen die Güte und die Liebe Gottes verkündigt (vgl. Jes 11, 12). Mag unsere Enge auch noch so bedrückend sein, wir Menschen dürfen mit Vertrauen auf den Himmel blicken und voll Freude sein: denn Gott liebt uns und befreit uns von unseren Sünden. Die Gegenwart und das Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche sind Unterpfand und Verheißung der ewigen Seligkeit, der Freude und des Friedens, die Gott uns bereitet.” 9

Zum Abschluß und in Übereinstimmung mit unserem Thema, der Universalität der Kirche, wollen wir mit dem [heiligen] Josefmaria unseren Blick auf die Mutter Christi richten, die auch Mater Ecclesiae ist. Wie am Pfingstfest „hört Maria nicht auf, die Kirche zu festigen und zu einen. Es ist kaum möglich, die Gottesmutter wirklich zu verehren, ohne sich den übrigen Gliedern des mystischen Leibes enger verbunden zu fühlen, enger verbunden auch mit dem sichtbaren Haupt dieses Leibes, dem Papst. Deshalb wiederhole ich gern: omnes cum Petro ad Iesum per Mariam, alle mit Petrus zu Jesus durch Maria! Und indem wir uns als Glieder der Kirche wissen und uns als Brüder im Glauben fühlen, begreifen wir die Brüderlichkeit tiefer, die uns mit der ganzen Menschheit verbindet, denn die Kirche wurde durch Christus zu allen Menschen und zu allen Völkern gesandt (vgl. Mt 28, 19).“ 10

Zusammenfassung eines Vortrags des Generalvikars des Opus Dei im Rahmen des internationalen Kongresses „Die Größe des Alltags“, gehalten in Rom, 2002


Anmerkungen
1. Es sind dies die Homilien Das übernatürliche Ziel der Kirche (28.5.1972) und Treue zur Kirche (4.6.1972). Beide wurden 1973 veröffentlicht und erschienen später in dem Sammelband Amar a la Iglesia, Madrid 1986, S. 11-59 (Auf deutsch sind diese Homilien in Einzelheften erhältlich. Anm. d. Übers.)
Wenn kein anderer Autor angeführt ist, stammen die Zitate vom hl. Josefmaria.
2. Christus begegnen, 131
3. Treue zur Kirche, S. 23
4. Ebd., S. 25
5. Ebd., S. 28
6. Vgl. Glaubenskongregation, Brief Communionis notio, 9
7. Zweites Vatikanisches Konzil, Dekr. Christus Dominus, 11
8. Brief 9.1.1932, 21
9. Christus begegnen, 128
10. Ebd., 139