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Dokumentation

Die menschliche Liebe ist heilig

Salvador Bernal

Stichwörter: Ehe, Christliche Berufung
Der Gründer des Opus Dei erschloß der Welt aufs neue die Bedeutung der Familie. In einer Zeit, da Heiligkeit allein dem Ordens- und Priesterstand vorbehalten schien, bediente Gott sich seiner, um durch ihn vielen Verheirateten die Erkenntnis zu schenken, daß die Ehe ein realer Weg der Heiligung auf dieser Erde ist.

Das begriff zum Beispiel Juan Caldés Lizanza, als er im September 1948 an Besinnungstagen teilnahm: „Vor mir“, so schrieb er 1975 in der September-Nummer der spanischen Zeitschrift Mundo Cristiano, „tat sich eine begeisternde Perspektive auf, weil ich jetzt die Ehe (‚ein großes Sakrament’) als eine wirkliche Berufung, als einen neuen göttlichen Weg auf Erden zu verstehen lernte.“ Das war wie ein bisher unbekanntes Panorama unserer Existenz: Alle sind berufen zur Heiligkeit , alle zur Fülle des christlichen Lebens. Familie: ein helles und frohes Zuhause; Familie: die Chance, die Prosa des Alltags in epische Dichtung zu verwandeln; die Eltern: Säleute des Friedens und der Freude; die Kinder: gaudium meum et corona mea („meine Freude und meine Krone“). Der Gründer des Opus Dei schrieb den letzten Satz auf die Rückseite eines Bildes der zehn Kinder von Juan Caldés, der in diesen Ideen, die er 1948 zum erstenmal hörte, einen tiefgreifenden Ansatz zur Erneuerung der Kirche durch die Laien erblickte.

Unverheiratete und Eheleute, Verlobte und Priester – sie alle hat Msgr. Escrivá immer und immer wider dazu angehalten, die Liebe in ihrer ganzen Tiefe auszuloten. Er warnte sie vor der großen Versuchung des Egoismus, die die Meisterung der Probleme verhindert, welche die Leidenschaften aufwerfen; er bestärkte sie darin, die Sinnlichkeit zu meiden, denn– so pflegte er zu sagen – sie bricht der Liebe die Flügel und beschneidet die Größe, zu der ein menschliches Herz fähig ist.

Die jungen Leute lehrte er, was er einst im Weg geschrieben hatte und was er 1974 vor vielen von ihnen bei einem Treffen in São Paulo mit neuen Worten wiederholte: Ich bitte den heiligen Erzengel Raphael darum, daß er diejenigen von euch, die wie Tobias eine Familie gründen sollen, zu einer reinen und guten Liebe hier auf Erden befähigt. Ich segne diese eure irdische Liebe und euren künftigen Ehestand. Falls der Herr mehr von euch verlangt, bitte ich den Apostel Johannes, dem Christus alles war und der – als einziger Mann, die anderen waren alle geflohen – unter dem Kreuz tapfer aushielt, als der siegreiche Erlöser besiegt schien; ihn, diesen jungen, aber starkmütigen Jüngling bitte ich dann darum, euch zu helfen.

Wenige Tage zuvor, ebenfalls in São Paulo, hatte er Eheleuten – wie er es sein ganzes Leben über tat – die Verliebtheit ihrer Verlobungszeit als das Richtmaß ihrer täglichen Liebe vor Augen gestellt: Ihr müßt euch sehr lieb haben. Die Liebe christlicher Eheleute – ganz besonders, wenn sie Kinder Gottes im Opus Dei sind – ist wie Wein: mit dem Alter wird er immer nur besser und wertvoller... Und dabei ist doch eure Liebe viel wichtiger als selbst der kostbarste Wein der Welt. Ein wundervoller Schatz, den der Herr euch hat anvertrauen wollen. Bewahrt ihn euch gut, werft ihn nicht weg! Behütet ihn!

Er ging von der menschlich-irdischen Liebe aus, um den heiligenden Reichtum verständlich zu machen, der sich in den tausend Kleinigkeiten des Alltags verbirgt und den ein verliebtes Herz zu entdecken weiß. So ist es nicht verwunderlich, daß er, wenn er vom Sinn der Ehe sprach, scheinbar unwichtige Aspekte hervorhob. Ebenfalls in São Paulo fand jenes Gespräch statt, das genau den Ton wiedergibt, in dem sich Msgr. Escrivá de Balaguer an die wandte, die dazu befähigt werden sollten, ihr eheliches Leben als ein heiliges Leben zu führen. Es war ein lebhaftes Sich-Aussprechen, das sich schriftlich kaum wiedergeben läßt; manchmal wurde es durch die innere Bewegtheit der Fragenden unterbrochen. Zunächst einmal aber unterbrach der Gründer selbst die Frau, als sie sagte, sie sei dreiundzwanzig Jahre verheiratet und habe fünf Kinder...

- Hör mal, du schwindelst... Dreiundzwanzig! So jung und so hübsch!

Sie hatte wissen wollen, wie sie es anstellen könne, in ihrer Ehe den Schwung der ersten Zeit zu erhalten.

- Setz dich, meine Tochter, setz dich! Du wirst wie eine ... Wie heißt Verlobte auf portugiesisch?
- Namorada, wurde ihm souffliert.

- ... Du wirst wie eine ewige Namorada sein. Jeden Tag sollt ihr euch von neuem erobern wollen, du deinen Mann und er dich.
(...) Du erreichst das, wenn du deinen Mann als das ansiehst, was er ist: ein großes Stück von deinem Herzen, dein ganzes Herz; wenn du weißt, daß er dir gehört und daß du ihm gehörst; wenn du daran denkst, daß du die Pflicht hast, ihn glücklich zu machen und an seinen Leiden und Freude, an seiner Gesundheit und an seiner Krankheit teilzuhaben ...

Msgr. Escrivá fuhr fort, als würde er sich an alle Ehefrauen wenden, die in jenem Kongreßsaal Parque Anhembi zugegen waren:
Ihr wißt mehr als irgendwer auf der Welt, denn die Liebe ist sehr vielwissend. Wenn dein Mann von der Arbeit, von seinen beruflichen Aufgaben heimkommt, soll er dich nicht verärgert oder nervös vorfinden. Sei gepflegt, mach dich hübsch, und wenn die Jahre zunehmen, bessere etwas mehr an der Fassade aus, wie man es mit den Häusern tut. Er ist dir dankbar dafür! Denn oft, mitten in den Widerwärtigkeiten des Berufsalltags, die ja nie fehlen, hat er an Gott gedacht und an dich, und er hat sich gesagt: Wenn ich nachher nach Hause komme ... wie schön! Dort erwartet mich eine Oase des Friedens, der Freude, der Herzlichkeit und der Schönheit – ja, für ihn ist nichts auf der Welt schöner als du (...). An dem Tag, an dem er müde heimkommt – und du weißt das sehr gut, du ahnst das geradezu -, erinnere dich an sein Leibgericht: das werde ich ihm heute kochen. Und du sagst es ihm nicht, damit er dir nicht zu Dank verpflichtet ist: du überraschst ihn, und er schaut dich an, mit solch einem Blick ... und das genügt! Das genügt!

Msgr. Escrivá de Balaguer brachte die Eheleute dazu, alle Sorgen und Schwierigkeiten des Lebens als eine Stärkung ihrer Liebe zu begreifen. In einem Gespräch mit der Chefredakteurin der Zeitschrift Telva im Februar 1968 sagte er:
Welch armselige Auffassung von der Ehe, die doch ein Sakrament, ein Ideal und eine Berufung ist, hat doc derjenige, der meinst, die Liebe habe aufgehört, wenn die Sorgen und Schwierigkeiten beginnen, die das Leben stets mit sich bringt. Gerda dann festigt sich die Liebe. Selbst großes leid und große Widrigkeiten können eine wirkliche Liebe nicht zum Erlöschen bringen. Im Gegenteil: das gemeinsame großzügig getragene Opfer verbindet nur noch enger. In der Heiligen Schrift heißt es aquae multae – ein großes Leid, physischer und moralischer Art – non potuerunt extinguere caritatem (Hl 8, 7), kann die Liebe nicht auslöschen.

Ausschnitt aus: Salvador Bernal, Msgr. Josemaría Escrivá de Balaguer; Aufzeichnungen über den Gründer des Opus Dei; Adamas Verlag, Köln 1978, S. 48-54