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Dokumentation

Die Liebe von Josemaría Escrivá zur Tugend der Armut

Kardinal Jaime Sin

Stichwörter: Gerechtigkeit, Armut, Solidarität
Die Philippinen erleben zur Zeit eine schwere wirtschaftliche Krise. Wir wollen Vertrauen haben, dass sich mit Gottes Gnade und dem unermüdlichen Einsatz von Männern und Frauen guten Willens die Lage verbessern wird. Für uns als Christen sind zumindest die Worte des hl. Paulus ein Trost: „Diligentibus Deum, omnia cooperantur in bonum (Röm 8, 28): Gott führt alles zum Guten bei denen, die ihn lieben.“

Ich möchte in diesen kurzen Zeilen ein paar Gedanken mit Ihnen teilen, die ich durch die Spiritualität gewonnen habe, die die Schriften von Msgr. Josemaría Escrivá, dem Gründer des Opus Dei, prägen. Diese Gedanken nützen einem jeden, in dieser schwierigen Zeit aber besonders vielen Philippinen. Msgr. Escrivá fasste normalerweise das oben genannte Thema des hl. Paulus in dem Satz zusammen „Omnia in bonum – Alles gereicht zum Guten!“ Am Ende wird alles gut werden.

Das ist kein Ausdruck von Resignation angesichts einer schwierigen oder scheinbar verzweifelten Lage. Ganz im Gegenteil. Es ist Ausdruck einer echt christlichen Hoffnung, wenn man in objektiven, realen Schwierigkeiten ist.

Wenn wir über die Tugend der Armut nachdenken, wenn wir die Kindheit Jesu betrachten, so wie sie uns im Evangelium nach Matthäus und Lukas erzählt wird, dann stehen wir vor einer beeindruckenden Wahrheit, nämlich dass unser Herr Jesus Christus arm geboren werden und in einer armen Familie leben wollte. Maria und Josef, die Heilige Familie, besaßen so gut wie nichts. Und so wurde Jesus Christus in eine sehr arme Umgebung hinein geboren. Der menschgewordene Gott wurde in einem Stall, einem Schutz für Tiere, geboren. Er wurde in eine Krippe gelegt, wo normalerweise das Futter für die Tiere liegt.

In einer schönen Homilie über die Armut, die den Titel „Loslösung“ trägt, lädt uns der Gründer des Opus Dei ein, das Betrachtete zu überdenken. „Jene Losgelöstheit, die Christus gepredigt hat und die Er von allen Christen erwartet, findet notwendigerweise auch ihren sichtbaren Ausdruck. Jesus Christus coepit facere et docere (Apg 1, 1), Er begann zu tun und zu lehren, Er verkündete seine Lehre zuerst durch Taten, dann mit dem Wort. Wie oft habt ihr den Herrn als Neugeborenen im Stall betrachtet, habt auf Ihn geblickt wie Er da in äußerster Armut auf dem Stroh schläft und in einer Krippe seine ersten irdischen Träume hat.“ (Freunde Gottes, 115)

Ich kenne das Opus Dei nun seit zwanzig Jahren und während dieser Zeit war ich stets von neuem beeindruckt, mit wieviel Nachdruck es auf dem Apostolat der Lehre besteht. Das Apostolat des Opus Dei ist wirklich eine beständige Katechese. Bei dieser Aufgabe, die gesunde Lehre zu verbreiten, folgte Msgr. Escrivá stets dem Beispiel, das unser Herr selbst gegen hat, indem er „tat und lehrte“. Die Mitglieder des Opus Dei können ihren Gründer mit Leichtigkeit nachahmen, der die Lehre mit seinen Taten verkündete, bevor er sie mit seinem Wort predigte. Vor allem in den Jahren nach der Gründung des Opus Dei 1928 litt Msgr. Escrivá in verschiedener Hinsicht unter größter materieller Armut. Manchmal konnte er nur eine Mahlzeit am Tag einnehmen und es gab Zeiten, da er auf dem Küchenboden schlafen musste, da es keinen Raum mehr in den engen Wohnungen gab, wo die ersten Mitglieder des Opus Dei lebten.

Ich habe oft das humorvolle Wort der hl. Theresia von Avila zitiert: „Geld ist der Kot des Teufels, aber es ein wunderbarer Dünger.“ In einer wahrhaft providentiellen Art und Weise hat der Geist des Opus Dei alle ehrenhaften menschlichen Bereiche beeinflusst durch das, was sein Gründer als „christlichen Materialismus“ zu bezeichnen pflegte. Ich bewundere alle Menschen, die den Geist des Opus Dei leben, und die ohne Angst materielle Mittel einsetzen, deren Funktionieren später wiederum Geld benötigt, um eine großzügiges Apostolat christlicher Bildung für zahllose Männer und Frauen durchzuführen. Die Unterweisung in der Lehre und im geistlichen Leben geschieht in Tagungshäusern, Studentenheimen, Ausbildungsstätten, Jugendclubs und anderen Zentren. Dieser „christliche Materialismus“ nach dem Geist von Msgr. Escrivá, ist der wirkungsvollste Weg, um den guten „Dünger“ zur Ehre Gottes einzusetzen.

Die Armut ist eine ausgesprochen christliche Tugend, weil unser Retter Jesus Christus, der der Reichtum selber ist, arm geboren werden und sein Leben unter den Armen verbringen wollte. Wir können nicht umhin festzustellen, dass jeder, der in der treuen Nachfolge Christi stehen will, sie leben muss.

Ich habe häufig von Mitgliedern des Opus Dei in meiner Erzdiözese gehört, dass Msgr. Escrivá sie immer gelehrt hat, dass die Heiligkeit für jeden ist und dass sie vollendet wird durch eine ehrliche Bemühung, alle christlichen Tugenden zu leben, wenn nötig, auf heroische Weise. In unserer gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage haben wir viele Gelegenheiten, die christliche Tugend der Armut heroisch zu leben.

Das Zweite Vatikanische Konzil erinnert uns daran, dass die Heiligkeit nicht nur für diejenigen ist, die ihre Zugehörigkeit zu Gott öffentlich als Ordenschrist oder Priester gelobt haben, sondern für alle Christen einschließlich der normalen Laien. Daher müssen die gewöhnlichen Gläubigen, die ernsthafte Christen sein wollen, auf jeden Fall diese Tugend der Armut leben.


Natürlich ist die Art und Weise, sie zu leben, von der individuellen Berufung innerhalb der Kirche abhängig. Msgr. Escrivá bietet uns im Weg, einem Bestseller der Spiritualität, eine praktische Leitlinie an; „Suche so zu leben, daß du freiwillig auf jene Bequemlichkeit und jenen Wohlstand verzichtest, die du an den Gewohnheiten eines anderen Mannes Gottes nicht gut findest. Bedenke, daß du das Weizenkorn bist, von dem das Evangelium spricht. – Wenn du nicht in die Erde fällst und stirbst, dann gibt es keine Frucht.“ (Der Weg, Nr. 938)

Die meisten christlichen Männer und Frauen, normale Weltbürger, werden die Tugend der Armut im Kontext ihrer Familie leben. Das bedeutet unter anderem, das Familienbudget einzuhalten und so viel wie möglich zu sparen. Es verlangt von jedem Familienmitglied, nicht in eine Konsumentenhaltung oder in eine andere Form von Materialismus zu verfallen.

Für eine christliche Familie bedeutet Armut, den materiellen Besitz nicht so anzustreben als wäre er die hauptsächliche Quelle menschlichen Glücks. Für die normalen Gläubigen meint christliche Armut nicht so sehr, auf die Dinge dieser Welt zu verzichten als vielmehr, nicht ihr Herz daran zu hängen. Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz“, sagte unser Herr den ersten Christen (Lk 12, 34).

Wir müssen diese Tugend richtig verstehen. Manchmal haben wir die Tendenz, Armut als ein Übel in sich, als ein absolutes Übel zu betrachten. Aber das ist falsch: Armut ist eine Tugend. Vielleicht ist das leichter zu verstehen, wenn wir sie mit ihrem anderen Namen benennen: Loslösung. Armut bedeutet ein gewisses Loslassen materiellen Besitze, eine Selbstverleugnung, die wir aus Liebe zu Gott praktizieren. Die Tugend der Armut besteht darin, genau zu wissen, wie man die Dinge dieser Welt, die Geschenke Gottes sind, benutzt, denn sie sind Mittel, um höhere Güter zu erlangen, haben aber nicht ihr Ziel in sich selbst.

In dieser Hinsicht möchte ich einen weiteren Dienst ansprechen, den das Opus Dei der Kirche und der ganzen Gesellschaft leistet. Das Opus Dei gibt ganz praktische Anleitungen für den echten Geist der Armut, und es hält die Armen nie davon zurück, ihre Lebensbedingungen unter Einsatz aller Kräfte zu verbessern. In seinen Zentren und den Häusern seiner Gläubigen zeigt das Opus Dei, dass die Armut nicht mit Schmutz, schlechtem Geschmack oder einem chaotischen Lebensstil gleichzusetzen ist.

Die Armut erfordert eine heroische Anstrengung, die Dinge blitzsauber und in gutem Zustand zu erhalten. Sie bedeutet, mit allem, was man benutzt, gut umzugehen, so dass sie sehr lange halten. Offensichtlich erfordert dies alles, weitere Tugenden zu entwickeln wie z.B. die Ordnung, den Schöhneitssinn und die Arbeitsamkeit. Ich kann versichern, dass alle Zentren, des Opus Dei, die ich besucht habe, lebendige Beispiele für einen echten Geist der Armut sind. Sie sind makellos sauber und mit gutem Geschmack eingerichtet. Immer sind sie das Ergebnis der Anstrengungen ihrer Bewohner, Schlamperei und Nachlässigkeit zu überwinden. Wenn ich daran denke, wie dringend jedermann und auch die Philippinen lernen müssen, auch die kleinsten Kleinigkeiten in ihrer Arbeit zu beachten, dann scheint mir dieser Aspekt der Spiritualität des Opus Dei eine wirkungsvolle Antwort auf die Aufgabe eines jeden von uns, unsere alltäglichen Beschäftigungen vollkommen zu beenden.

Erschienen in der Zeitung ABC, Spanien, 26.6.1985, dem 10. Jahrestag des Todes des heiligen Josefmaria

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