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Dokumentation

Die Heiligkeit – eine konkrete Wirklichkeit unseres Lebens

J. Navarro Valls

Stichwörter: Die Welt leidenschaftlich lieben, Kirche, Heiligkeit, Normaler Alltag
"Im 20. Jahrhundert waren wir Zeugen einer Überarbeitung der Rolle des christlichen Laien in der Kirche." Dem Artikel von Navarro Valls im Osservatore Romano ist zu entnehmen, daß der Beitrag von Josemaría Escrivá zu dieser Bewußtseinsänderung seit der Gründung des Opus Dei im Jahre 1928 beträchtlich war. "Er zeigt uns, daß sich der Heilige nicht in einer unwirklichen Scheinwelt bewegt, sondern in dieser unserer konkreten Welt, in der es dieses 'göttliche Etwas' gibt, das vom Menschen entdeckt werden will.


Das Wort Heiligkeit ist heutzutage ein rätselhafter Begriff. Zum Teil ist dies eine Folge des Mangels an überzeugenden Vorbildern, der für unsere Kultur bezeichnend ist. Den Helden findet man nur in der Literatur, den Heiligen nur im Halbdunkel der Kirchen. Im Leben, das heißt in unserer unmittelbaren Wirklichkeit, bewegen sich beide nur als irreale Schatten oder Archetypen, die sich mehr dem Mythos annähern als einem Vorbild, von dem man lernen kann oder das man nachahmen soll.

Wahrscheinlich hat uns der Begriff der Heiligkeit, so wie wir ihn für gewöhnlich verstehen, zuallererst auf dem Weg der plastischen Kunst – in Form der Ikonographie oder der Heiligenbilder – erreicht und danach über die hagiographische oder apologetische Literatur. In Wirklichkeit wird, wie mir scheint, keine dieser Künste dem Leben der Heiligen gerecht.

Die meisten Heiligen, die in der katholischen Ikonographie dargestellt werden, entsprechen vor allem – wie es auch durchaus verständlich ist – den Kriterien des plastischen Symbolismus, der die Persönlichkeit in einem paradigmatischen Moment ihrer Existenz zu erfassen versucht. Die Kunst – vor allem aus der Zeit des Barock – abstrahiert vom Gewöhnlichen, vom Alltäglichen, also genau von dem Bereich, der den Hauptteil an Zeit und geistigen Energien eines Menschen beansprucht. Sie konzentriert sich auf großartige Episoden, vermutlich weil das Außergewöhnliche der Kunst mehr Darstellungsmöglichkeiten bietet als das Alltägliche.

In den Schriften der geistlichen Autoren der letzten zehn bis zwölf Jahrhunderte findet sich daher nicht die gängige Überlegung, die Heiligkeit sei das gemeinsame Ziel aller Christen. Und noch weniger üblich ist bei ihnen die Auffassung, daß die sogenannten 'zivilen' Wirklichkeiten – also alles, was zum Bereich Beruf, Familie, gesellschaftliche Beziehungen usw. gehört und in ihren Schriften gemeinhin als 'Welt' bezeichnet wird – nicht nur Schauplatz der Heiligkeit sein können, sondern in der Tat Mittel, Instrument und Stoff der Heiligkeit sind. Man pflegte zu sagen, daß das christliche Ideal trotz dieser Umstände verwirklicht werden könne; daß aber genau diese Umstände Ort und Gelegenheit der Gottesbegegnung sind, wurde nicht einmal von weitem ernsthaft in Betracht gezogen.

Im 20. Jahrhundert waren wir Zeugen einer Neudefinition der traditionellen Rolle des christlichen Laien in der Kirche. Ein wesentliches Element dieser Überarbeitung war das erwachte Bewußtsein, daß der Christ in den gewöhnlichen Umständen seines Lebens, im Kontext seiner täglichen Beschäftigungen zur Fülle des christlichen Lebens berufen ist. Entscheidende Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils, das 1965 abgeschlossen wurde, enthalten bereits diese Erweiterung der Theologie des Laienstandes. Der Beitrag von Josemaría Escrivá zu diesem neuen Bewußtsein war seit der Gründung des Opus Dei 1928 beträchtlich.

Das in der plastischen Kunst seit vielen Jahrhunderten durchgängig vermittelte Bild von Heiligkeit konnte zu der Annahme verleiten, nur außergewöhnliche Umstände würden dem Leben eines Heiligen gerecht. Wenn wir jedoch einen heiligmäßigen Menschen gekannt haben, wenn sich unser Lebensweg mit dem seinen gekreuzt hat, müssen wir diese Auffassung von Heiligkeit korrigieren.

Wir müssen sie ändern, denn möglicherweise fehlt dieser Konzeption von Heiligkeit Realismus, Konsistenz und Proportion. Bei der Betrachtung jener Bilder haben wir vielleicht nach Zeichen des Außergewöhnlichen gesucht, und wenn wir sie entdeckten, erschien uns die Heiligkeit als grundsätzlich jenseits der natürlichen Ordnung angesiedelt. Aus der Tatsache, daß die Heiligkeit mit Gott zu tun hat, zogen wir am Ende den Schluß, daß sie weder mit den irdischen Wirklichkeiten noch mit dem Menschen zu tun hat.

Josemaría Escrivá hingegen zeigt uns, daß sich der Heilige nicht in einer unwirklichen Scheinwelt bewegt, sondern in dieser unserer konkreten Welt, in der es dieses 'göttliche Etwas' gibt, das vom Menschen entdeckt werden will. Genau diese reale Welt ist die Materie, mittels derer ein normaler Christ heilig werden kann. Da jeder von uns tagtäglich mit ihr konfrontiert ist, bietet jeder Augenblick eine Fülle göttlicher Transzendenz.