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Dokumentation

Der jugendliche Geist des heiligen Josefmaria

Alejandro Llano

Stichwörter: Bildung, Jugend, Opus Dei, Universität
Eins der charakteristischen, gleichzeitig aber wenig beachteten Phänomene des 20. Jahrhunderts, in welchem bekanntlich das ganze Leben des heiligen Josefmaria verlief, ist eindeutig die neue Rolle, die der Jugend in Kultur und Gesellschaft zugestanden wurde und die sie auch akzeptierte. Ganz allgemein kann man sagen, daß die Jugendlichen in diesem Jahrhundert nach und nach zum Vorbild schlechthin wurden – eine bis dahin ungekannte Erscheinung. Und, was noch ungewöhnlicher ist, dieser Entwicklung wird ein bestimmtes Jahr und sogar ein bestimmter Monat zugewiesen: Mai 1968.

Die Bewegung, die diesem Zeitraum zuzuordnen ist, hat wahrhaftig einen revolutionären Charakter. Daher sprechen wir von ihr auch als der „Studentenrevolte der 68er“. Erstaunlich daran ist, daß es sich um eine „verspätete Revolution“ handelt, die auftritt, als die revolutionäre Ära als solche bereits zu Ende ist. Gleichermaßen fällt das von Fernando Inciarte so hellsichtig festgestellte Paradoxon ins Auge, daß es sich bei einigen ihrer Aspekte – so im Bereiches der Sexualität – um die einzige Revolution handelt, die dem ursprünglichen marxistischen Modell wirklich entspricht, denn diesem zufolge stellt jede Revolution eine Verschiebung im technisch-wissenschaftlichen Gerüst der Gesellschaft (Struktur/Unterbau) dar, welche in ihrem sozialen Gefüge (Überstruktur/Überbau) eine radikale Umorientierung verursacht.

Hannah Arendt hat richtig bemerkt, daß die Idee der Revolution typisch für die Moderne ist. Sie gründet nämlich auf einem linear progressiven Zeitmodell, welches erst zu Beginn der Aufklärung Eingang in das europäische Bewußtsein findet. Jedoch kann man auch schon im klassischen Altertum, dessen zeitliches Schema eher kreisförmig war, Spuren entdecken, welche sich Jahrhunderte später in dem neu entwickelten Konzept von Revolution wiederfinden. Dies trifft überraschenderweise mehr auf Rom als auf Griechenland zu. Es handelt sich vor allem um ein ununterbrochenes Auftreten der Jugendlichen (der neoi) in der Öffentlichkeit, mit allen Mentalitätverschiebungen, die ein solcher Einbruch nach sich zieht. Trotzdem bewirkt die zyklische Auffassung des zeitlichen Geschehens daß alle Neuerungen, die die Jugend initiiert, vorhersehbar und im Letzten eine Wiederholung sind. Darüberhinaus ist das Jugendalter für die antike Welt eine Art Krankheit, gekennzeichnet von Unreife und mangelnder Erfahrung, die der Fluß der Zeit, der sie entstehen läßt, am Ende selber heilt.

Nur die Neuheit, die mit der modernen Vorstellung von Revolution assoziiert wird, beinhaltet eine radikale Neuerung, die zusammenhängt mit dem Neubeginn und der Originalität, welche nun der Zukunft zugesprochen werden. So wie für Platon das Optimum immer im Anfang lag, so ist jetzt das Zukünftige die Epoche des Besseren, und dessen Hauptakteure sind natürlich die jungen Menschen. Nicht nur wird alles Vergangene als überholt angesehen, sondern die Gegenwart selbst wird schon alt geboren, weil sie im Vergleich zum Keim des Kommenden ein nachgeborenes Kind der Vergangenheit ist. Obwohl der Beginn einer solchen modernistischen Wertung schon in der Romantik festzustellen ist, bleibt, gesellschaftlich gesehen, das klassische Konzept in vielerlei Hinsicht bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gültig. Von da an wird diese Auffassung von Geschichte, die dem Vergangenen zugewendet ist, von Heideggers Futurismus ersetzt, durch den die Vorherrschaft der Präposition „um zu“ der bis dahin überlegenen Präposition „seit“ den Rang abläuft. War nun das Endziel dieser Projektion auf das Zukünftige für Martin Heidegger nichts anderes als der Tod (das Dasein als Sein zum zum Tode), so behauptet Herbert Marcuse, der Denker, der die 68er Revolution am unmittelbarsten beeinflußt hat, daß das Ziel durch das Ende der Utopie gegeben ist. Dies bedeutet keineswegs ihr Verschwinden oder ihren Abschluß, sondern ihre definitive Verwirklichung, wodurch sie aber letztendlich den Charakter einer Utopie verliert.

Der Linie des klassischen Marxismus entsprechend scheint in den 70er Jahren durch, daß die Utopie sich durch einen Überfluß an Verbrauchsgütern verwirklichen soll, so daß die Herrschaft des Menschen über den Menschen nicht mehr nötig ist, sondern von der Herrschaft des Menschen über die Natur abgelöst wird. Wir erleben also die Freisetzung des hedonistischen Konsumrausches, der einhergeht mit der sexuellen Permissivität. Diese wird einerseits durch die Verbreitung der Verhütungsmittel, andererseits durch die Krise der ethischen Bildung in vielen Erziehungseinrichtungen gefördert. Letztere resultiert aus dem Verlust der bis dahin unangetasteten Autorität der älteren Generationen, welche sich aufgrund ihrer Mentalität selbst als unfähig ansehen, mit den neuen Tendenzen Schritt zu halten, die in eine völlig veränderte Zukunft weisen.

Wenn diese Kennzeichen sogar bis heute ihre aggressiven Spuren hinterlassen, warum spricht man stereotyp vom „Scheitern der 68er“? Diese Fragestellung zeigt, daß man an eine Revolution, die vollkommen atypisch begann und auch endete, dieselben Erwartungen stellte wie an die konventionellen Revolutionen. Und diese - nicht jene! - sind in der Tat alle gescheitert, an erster Stelle die Französische Revolution. Von ihr kann man mit Sicherheit sagen, daß die Revolution ihre Kinder frißt, wobei es besser wäre zu sagen, daß sie ihre Eltern frißt. Im Unterschied dazu bewirkt die von 68 einen tiefgehenden Mentalitätswandel, der bis in unsere Tage hineinreicht. Wir, die wir an jenen Protestaktionen teilnahmen, bestanden damals darauf, daß es keineswegs um den Versuch ging, Veränderungen in Politik und Wirtschaft herbeizuführen. Vielmehr erhoben wir den Anspruch, diese Bereiche an den ihnen zukommenden zweitrangigen Platz zu verweisen, um so einer freieren und spontaneren persönlichen Lebensgestaltung den Weg zu bahnen. Damals begann sich ein Aspekt der postmodernen Gesellschaft zu zeigen, den ich einmal „die neue Empfindsamkeit“ genannt habe. Natürlich wurde diese tiefgehende Veränderung von den verschiedenen Akteuren unterschiedlich verstanden. Einige von uns sind bis heute der Meinung, daß die vorherrschenden Strömungen vom christlichen Standpunkt aus nicht gerade die vorteilhaftesten waren. Aber es nicht der Sinn dieses Beitrags, eine Wertung in dieser Richtung vorzunehmen.

Hier ist von Interesse, daß die zwischen 1928 und 1975 liegende Gründungszeit des Opus Dei zu einem großen Teil mit der geschichtlichen Epoche zusammenfällt, in der die jungen Generationen zur Avantgarde des sozialen und kulturellen Lebens werden – man denke zum Beispiel an den bedeutsamen und mehrfachen Einfluß der Jugendbewegung. Alle diese Phänomene laufen providentiell zusammen mit der besonderen Sorge, die der heilige Josefmaria für die Bildung der Jugend trug, speziell für die Mitwirkung der Jugendlichen am christlichen Reifungsprozeß ihrer Altersgenossen. Allerdings entsprach sein Einsatz – wie im übrigen viele andere Vorgehensweisen im Opus Dei – in keiner Weise einem geschichtlichen Opportunismus, denn er existierte schon, bevor das genannte Phänomen deutlich erkennbar wurde.(...).

Interessanterweise warnte der heilige Josefmaria bereits 1967 in einem Interview die Studenten vor der begrenzten Wirksamkeit einer nur oberflächlichen Sorge um die gesellschaftliche Solidarität und vor den Risiken, die eine Politisierung der Universität mit sich bringt: „Allzuoft erschöpft sich die von Ihnen erwähnte Solidarität im bloßen Gerede und in unfruchtbarem oder gar schädlichem Theater. Für mich besteht der einzige Maßstab echter Solidarität im Tun, das den Mitmenschen dient. Ich weiß von Tausenden von Studenten in Spanien und in anderen Ländern, die darauf verzichtet haben, sich ihre eigene kleine Welt aufzubauen, und die sich stattdessen in Bildungsstätten, Einrichtungen der Sozialhilfe usw. mit der Bereitschaft und Freude der Jugend ganz ihren Mitmenschen widmen, indem sie sich bemühen, ihre berufliche Arbeit dort, menschlich gesehen, so vollkommen wie möglich zu verrichten.“ (Gespräche mit Msgr. Escrivá de Balaguer, Nr. 75) Für das Spanien am Ende der 60er Jahre waren folgende Worte besonders aktuell: „Wenn in einem Land keinerlei politische Freiheit herrscht, dann kann es sein, daß die Universität entartet, daß sie aufhört, eine gemeinsame Stätte für alle zu sein, und sich in ein Schlachtfeld entgegengesetzter Meinungsgruppen verwandelt.

Aber dennoch wäre es meiner Ansicht nach besser, diese Jahre für eine ernsthafte Ausbildung zu verwenden und so eine wirklich soziale Denkweise heranzubilden, damit diejenigen, die später einmal die leitenden Stellungen innehaben - das sind die heutigen Studenten -, sich nicht in derart pathologischer Weise der persönlichen Freiheit entgegenstellen. Wenn sich die Universität in einen Ort verwandelt, wo die konkreten politischen Probleme debattiert und entschieden werden, hat das leicht zur Folge, daß jede ausgeglichene akademische Atmosphäre verlorengeht und sich die Studenten an ein übertriebenes Gruppendenken gewöhnen; auf diese Weise werden Universität und Nation niemals das chronische Übel des Totalitarismus - gleich welcher Prägung - überwinden.“ (Ebd., Nr. 77)

Die Unruhe, die Josemaría Escrivá hinsichtlich der christlichen Bildung der Jugend hatte, wurzelte in seinem Gründerbewußtsein von der allgemeinen Berufung zur Heiligkeit, ohne Unterschied des Berufes, der gesellschaftlichen Stellung oder des Alters. Er betrachtet daher das Jugendalter nicht als eine bloße Vorbereitung auf die Phase der Reife, in der es dann gilt, sich in den menschlichen und übernatürlichen Tugenden zu üben. Diese Tugenden müssen schon eingeübt werden, sobald der Gebrauch der Vernunft erlaubt, der eigenen Existenz selbstständig eine Richtung zu geben. Der Ruf zur persönlichen Heiligkeit beginnt schon in der Jugend, ja selbst schon im Kindesalter, ein Echo in uns zu finden. Als ich mit dreizehn oder vierzehn Jahren zum ersten Mal ein Zentrum des Opus Dei betrat, hörte ich zum ersten Mal von christlicher Heiligkeit reden, und zwar nicht so, als sei sie ein Ideal für einige wenige, die es als Erwachsene oder im Alter erreichen würden, sondern als eine drängende Forderung, der auch ich mich stellen mußte. Und das zu einem Zeitpunkt, als ich gerade erst anfing mir darüber Gedanken zu machen, daß ich eigentlich kein Kind mehr war, obwohl fast alle Menschen in meiner Umgebung mit mir umgingen, als wäre ich jemand, der keine besonderen Verpflichtungen hatte.

Damals geschah es z.B. daß mir ein anderer Junge meines Alters sagte, er halte jeden Tag eine Viertelstunde betrachtendes Gebet, indem er das Evangelium oder einige Punkte des Weges las. Er schlug mir vor, mich dieser frommen Sitte anzuschließen, die zwar Tradition hatte, aber deshalb nicht weniger bei den jungen Leuten jener Jahre in Vergessenheit geraten war. Das war gegen Mitte der 50er Jahre. Unter dem damaligen autoritären Regime in Spanien sprach man selten in der Öffentlichkeit – auch nicht in kleinen Gruppen – über politische Angelegenheiten, ideologische Fragen oder selbst kulturelle Themen. Um so mehr begeisterte es mich, daß in dieser winzigen Wohnung der Padilla-Straße im Madrider Viertel Salamanca Themen zur Sprache kamen, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Und das in aller Freiheit und mit allem Respekt für die Einstellung der einzelnen Gesprächsteilnehmer. So wurde z.B. über die im Entstehen begriffene Europäische Gemeinschaft gesprochen und der mögliche Beitritt Spaniens diskutiert. In meiner Familie und in der Schule wurde das Christentum einzig und allein vom Aspekt der Frömmigkeit her verstanden, und so begann ich nur langsam, mich seinen historischen und gesellschaftlichen Dimensionen zu nähern. Vor allem wurde mir nach und nach bewußt, daß die christlichen Laien eine Verantwortung für die freie Entfaltung des öffentlichen Lebens in ihrem Land tragen. Da seither fast ein halbes Jahrhundert vergangen ist, kann ich ohne weiteres behaupten, daß jene Saat, die ich mit Staunen und Neugier empfing, eine Schlüsselrolle in meiner Persönlichkeitsbildung eingenommen hat.

Ich erinnere mich noch heute an jenes intellektuelle Ambiente, in dem die Ereignisse von 1956 ausgesprochen durchdacht und klug kommentiert wurden. Was damals in Spanien an den Universitäten ablief, kann als erstes Anzeichen für die Studentenunruhen gelten, die in der zweiten Hälfte der sechziger und der ersten der siebziger Jahre geradezu explosionsartig ausbrachen. Diese, auf die ich mich zu Anfang bezogen habe, standen in anderen europäischen Staaten und in Amerika in Zusammenhang mit einer weniger aufreibenden politischen Problematik. Jedenfalls waren Jugendliche, die kaum älter waren als ich, an jenen Ereignissen beteiligt – nicht ohne persönliches Risiko –, und sie standen dazu ohne Fanatismus und dogmatische Ansprüche. Was sie insgesamt zu den sozialen Problemstellungen äußerten, überraschte mich durch seine Reife und Klugheit.

Jene apostolische und kulturelle Jugendarbeit wurde von Jugendlichen für Jugendliche verwirklicht. Es war ganz offensichtlich, daß diese nicht durch Erwachsene gegängelt wurden, so als spielten sie im Grunde nur eine allen sattsam bekannte Statistenrolle, wie ich es von manchen anderen katholischen Bewegungen dieser Zeit her kannte.
Ich könnte meine persönlichen Erfahrungen mit der apostolischen Arbeit des Opus Dei in der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre mit wenigen Worten dahingehend zusammenfassen, daß ich den Eindruck hatte, ein Umfeld gefunden zu haben, wo die jungen Leute sich selbst ernst nahmen. War das nun Zufall? Keineswegs, auch wenn ich die tieferen Beweggründe für diesen Eindruck erst Jahre später verstehen sollte.

Die außerordentlich hohe Wertschätzung, die der heilige Josefmaria den jungen Menschen entgegenbrachte, war in keinster Weise opportunistisch oder als Taktik konzipiert. Er wollte dadurch nicht unsere Gunst gewinnen. Es ist eine Tatsache, daß ein großer Teil der jungen Männer, die in jenen Jahren mit dem Apostolat des Opus Dei in Berührung kamen, sich übermäßig gefordert oder sogar belästigt fühlte – so wie es bis heute der Fall ist. Sie wurden dort nämlich ganz eindeutig mit ihren persönlichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen konfrontiert, so daß einige kein zweites Mal ein Haus des Opus Dei betraten. Sie konnten die Last der Verantwortung, die sich im Kontakt mit den Bildungsmitteln des Werkes auf ihre Schultern legte, nicht tragen. Es wurde von ihnen nicht mehr und nicht weniger verlangt, als sich aus eigenem Antrieb mit Gott zu befassen und dies konkret zu tun, indem sie persönlichen Umgang mit Christus im Gebet und in den Sakramenten pflegten. Sie wurden angehalten, das Studium oder den Beruf nicht als eine von außen auferlegte Anforderung zu betrachten, und sie sollten sich bemühen, Apostel ihrer Freunde und Kollegen zu werden. Außerdem war es eindeutig ihrer freien Entscheidung überlassen, diese Herausforderungen anzunehmen oder nicht. Niemand dachte daran, sie zu drängen, all dem zu entsprechen. Sie selbst verloren etwas, wenn sie diesen wertvollen Schatz ganzheitlicher und umfassender Bildung, der ihnen ohne Zwang angeboten wurde, nicht zu würdigen wußten. Das war, wie Eliot sagen würde, „zuviel Wirklichkeit“für eine Generation von Jugendlichen, die überbehütet und so im Grunde kindisch geblieben war.

Trotzdem war diese Anforderung – die von vorneherein jede herablassende Haltung oder Schmeicheleien ausschloß – nur die Kehrseite einer Anziehungskraft, deren Kern eine übernatürliche Dimension bildete, die eine natürliche Begeisterung nicht aus-, sondern einschloß. Ja, ich würde es nicht für übertrieben halten, sie als „Faszination“ zu bezeichnen.

Ein Ausdruck aus der Feder der heiligen Theresia von Avila kann vielleicht die aus dieser Faszination resultierende Haltung am besten definieren, zumal sie die jugendliche Komponente, die mein Thema ist, mit einschließt: „Das Leben als Abenteuer wagen“.

Obwohl das Opus Dei im Begriff war, dreißig Jahre alt zu werden, bestand der heilige Josefmaria, der unter uns lebte wie die heilige Theresia von Avila, als sie die Jugend ihrer Zeit einlud, sich auf einen ungewissen, aber begeisternden Weg zu machen, mit Nachdruck auf einem Gedanken, der für jeden Menschen mit geschichtlichem Basiswissen offensichtlich war: Drei Jahrzehnte sind nichts für eine Institution, die ihr Leben nach Jahrhunderten messen wird. Der tiefe Glaube des heiligen Josefmaria an den übernatürlichen Charakter des Unternehmens sah sie sogar andauern, solange es Menschen auf der Erde geben wird. Mit diesem Glauben steckte er uns alle an dank seiner spontanen und gleichzeitig überzeugenden Einfühlsamkeit. Wir befanden uns also in den Anfängen. Wir waren die ersten Glieder einer Kettenreaktion, der wir den menschlichen Charme mitgeben sollten, der sich auf glückliche Weise mit der übernatürlichen Attraktivität, die dem Werk wesenhaft zu eigen war, verbinden würde.

Josemaría Escrivá war damals fünfundfünfzig Jahre alt, wohingegen unter denen, die sich zu den Gläubigen des Opus Dei zählten oder kurz davor standen, es zu tun, diejenigen überwogen, die noch keine 25 Jahre alt waren. Diese Alterskombination brachte eine jugendlich geprägte Atmosphäre hervor, die in den Häusern des Opus Dei unverkennbar war, und die sich radikal von der leicht düsteren und verschlafenen Atmosphäre der Treffpunkte sonstiger apostolischer Bewegungen jener Zeit unterschied. Das erste, was die Aufmerksamkeit weckte, wenn man die Schwelle von Padilla überschritt, war eine Art verhaltener Begeisterung, eine stille Freude, die nur nach außen trat in dem offenen Lächeln, mit dem man als Neuankömmling in den Fluren begrüßt wurde, sowie in der Ruhe und Gelassenheit derer, die im Studienraum lernten oder in der kleinen Kapelle beteten. Die Wohnung war modern, aber bescheiden eingerichtet. Das notwendige Mobiliar kontrastierte spürbar mit dem horror vacui, der die überladene Ausstattung der typischen bürgerlichen Wohnungen des Viertels Salamanca kennzeichnete.

Es brauchte Wochen, ja Monate, bis man begann, die tiefen Wurzeln dieser Freude zu erahnen. Sie war – wie es auch im Buch Der Weg steht, das als maßgeblicher Leitfaden für unsere ersten Schritte diente – „nicht die eines gesunden Tieres, die wir eine physiologische Freude nennen könnten. Sie ist vielmehr eine übernatürliche, die aufkommt, wenn man alles hingibt und sich ganz den liebenden Armen Gottes, unseres Vaters, überläßt.“ (Der Weg, 659). Sie entspringt dem Bewußtsein der Gotteskindschaft, welches sich widerspiegelt in einer inneren Verfassung, die das Siegel der Echtheit und des Staunens trägt: „»Vater«, sagte mir jener Bursche, ein guter Student der Zentraluniversität (was mag aus ihm geworden sein?), »ich mußte an Ihre Worte denken..., daß ich ein Sohn Gottes bin! Und ich überraschte mich auf der Straße, erhobenen Hauptes, innerlich voller Stolz... Sohn Gottes!« Ich riet ihm ruhigen Gewissens, diesen »Stolz« zu pflegen.“ (Ebd., 274)

Der Stil dieses kleinen Buches Der Weg, auf das ich mich beziehe, illustriert als solcher vorzüglich die „jugendliche Atmosphäre“, die man in den ersten Zentren des Opus Dei einatmete. Wir, die wir das Buch im beschriebenen Umfeld lasen und betrachteten, bemerkten gar nicht, daß der „Lebensraum“, den dieser Klassiker der Spiritualität wiedergibt, zu einem Großteil der studentischen Welt, der Welt der Hochschule, angehört. Ich vermute, daß wir als selbstverständlich voraussetzten, daß dieses Buch sich gerade an uns, die damaligen Studenten der Central, die zu der Zeit bereits Universität von Madrid hieß, richtete. Daher war ich kurze Zeit später nicht wenig verwundert über das Interesse, mit dem meine Mutter, eine gebildete Hausfrau, aber beileibe keine Intellektuelle, dasselbe Opus las. Und daß selbst Azucena, die Köchin aus Asturien, die im Haus meiner Eltern arbeitete, ein außergewöhnliches Interesse an demselben Buch bekundete, so daß sie mich sogar bat, ihr das Lesen beizubringen, damit sie den Weg direkt, ohne Vermittler, kennenlernen konnte. Übrigens – und das ist ein klarer Beweis für das, was Thomas von Aquin „eingeborenes Wissen“ nennt – erklärte sie, das Kindermädchen, mir die Punkte, die sie gerade zum ersten Mal gelesen hatte, mit einem Verständnis und einer Tiefe, daß diese Erläuterungen meinen Entschluß, um die Aufnahme in das Opus Dei zu bitten, entscheidend mitbestimmt haben.

In den folgenden Jahren konnte ich immer wieder feststellen, daß der jugendliche Geist des heiligen Josefmaria sich nicht zufälligen Umständen oder momentanen Stimmungen verdankte, sondern Teil der menschlichen und christlichen Prägung dieser Person war. Vom Lebenslauf her würde als Beweis der Rückgriff auf zwei posthum veröffentlichte Werke – die Spur des Sämanns und Im Feuer der Schmiede – genügen, die in Rhythmus und Tonalität dem Weg sehr ähnlich sind. Wir könnten auch untersuchen, wie tief und geradezu intim er das Thema der geistlichen Kindschaft im Buch Der Rosenkranz behandelt. Ebenso, wie tiefschürfend und bis ins Detail gehend in allen seinen Schriften die Heiligung der kleinen Dinge in der alltäglichen Berufsarbeit bedacht und betrachtet wird. Diese Thematik wird aber in anderen Zusammenhängen behandelt, so daß wir sie uns schenken können.

Ein solcher Geist bleibt nun aber nicht reiner Buchstabe, sondern wird Leben. Und so hat er in das geschichtliche Werden des Opus Dei den Stil des Evangeliums eingeprägt, der für uns, die ihn aus der Nähe erlebt haben, ganz offensichtlich war. Im Zentrum der Predigten des heiligen Josefmaria stand fast immer eine Szene aus dem Leben Jesu, die außergewöhnlich plastisch und lebendig erzählt wurde. Was jedoch der – formlosen und ununterbrochenen – katechetischen Unterweisung ihren unvergleichlichen Realismus und ihre Authentizität verlieh, war die Tatsache, daß dort genau das gelebt wurde, wovon die Rede war: Einige junge Leute umgaben einen nur wenige Jahre älteren Meister, der mit Einfachheit und Autorität vom Reich Gottes sprach und sie dabei auf die Rolle verwies, die bei seiner Verwirklichung auf der Erde genau ihnen zugedacht war. „Der Herr - so steht es in der Spur des Sämanns - hatte seine Jünger ausgesandt, das Reich Gottes zu verkündigen. Nachdem sie zurückgekehrt sind, ruft Er sie zusammen und lädt sie ein, sich mit Ihm an einen Ort der Stille zurückzuziehen, um sich ein wenig zu erholen. [...] Welche Fragen wird Jesus ihnen dort wohl gestellt haben! Und was alles wird Er ihnen erzählt haben! Nun [...], das Evangelium ist auch heute noch genauso aktuell...“ (Die Spur des Sämanns, 470).

Das Leben des jungen Meisters und seiner Jünger wiederholte sich bis hinein in eine extreme Armut, die mit Würde getragen und niemals zur Schau gestellt wurde. Es geschah sogar nicht selten, daß sie keinen Ort hatten, wo sie nachts ihr Haupt hinlegen konnten. Man kann wohl auch kaum daran zweifeln, daß die Verfolgungen, die den heiligen Josefmaria fast sein ganzes Leben begleiteten, unter anderem motiviert waren durch die mit Respekt gepaarte Kühnheit, mit der er sich, wenn es angebracht war, gegen veraltete und allzu menschliche Gewohnheiten in kirchlichen Kreisen aussprach, die wie zu anderen Zeiten auch eine Quelle von Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen waren.

Das bahnbrechende Verhalten des heiligen Josefmaria ist recht radikal. Nicht weil er versucht hätte, durch eine Originalität hervorzutreten, die alle geltenden Gebräuche auf den Kopf stellen wollte, sondern weil er stets auf der Suche nach dem Echten und Ursprünglichen war, diesem Lebenssaft, der den Sitten und Strukturen erst Heimat und Sinn gibt. Darum klingen seine Worte immer neu. Er redet nicht „aus zweiter Hand“, wiederholt nicht monoton, was er von anderen gehört hat. Er nimmt sich ganz bewußt vor, seine zupackende Ausdrucksweise auch an die jungen Leute, die in seinem Apostolat mitarbeiten, weiterzugeben: „Wir möchten erreichen, daß aus dem Mund unserer jungen Leute das überwältigende übernatürliche Wort kommt, das bewegt, das aufrüttelt, das aus einer engagierten vitalen Bereitschaft erwächst: es soll niemals eine kraftlose, groteske Wiederholung von Sätzen und Worten sein, die nicht von Gott stammen können“ (Brief, 24.10.1942, Nr. 58).

Der Spontaneität im Reden entspricht eine Ungezwungenheit im Handeln: „Ich habe euch nie festbinden wollen, im Gegenteil. Immer habe ich Wert darauf gelegt, daß ihr mit großer Freiheit handelt. In eurem apostolischen Einsatz sollt ihr innerhalb der weitgesteckten Grenzen unseres Geistes Initiative zeigen, um an jedem Ort, in jedem Milieu, zu jeder Zeit die Unternehmungen ins Leben zu rufen, die am besten auf die jeweilige Gruppe von Menschen und ihre konkreten Umstände zugeschnitten sind“ (Ebd., Nr. 46).

Fort mit jeder Trägheit! In der Dynamik des Geistes ist jenes physikalische Gesetz, welches die schwerfällige Monotonie der Materie zum Ausdruck bringt, nicht gültig. Hier ist alles ursprünglich, das Leben wird mit jedem Schritt zum ersten Mal gelebt, es bricht jedes Mal aufs neue aus seinen Voraussetzungen aus, denn das Denken hat eine erneuernde Funktion, und der Wille bringt das Leben immer wieder zum Leuchten. Daher kommt es, daß das Motto des heiligen Josefmaria für jedes beginnende Jahr statt eines unscharfen „neues Leben“ ein klares „neuer Kampf“ war. In jedem Augenblick dieser inneren Schlacht heißt es zu sich selbst sagen: Nunc coepi! – Jetzt fange ich an! Ebenso vielsagend ist, daß er Gefallen an dem portugiesischen Wort für Jugendliche – os novos (die Neuen) – fand.

Jeder gegenwärtige Augenblick trägt das ganze Gewicht der Erinnerungen und öffnet sich in gleichem Maße den Aussichten und Möglichkeiten des eigenen Lebensentwurfs. Deswegen ist auch die Jugend nicht eine Art Wartezeit nach dem Motteo: Mal sehen, was die verschiedenen Umstände und das Schicksal uns schließlich bringen werden. Es ist ein intensiver Lebensabschnitt voll zukunftsweisender Impulse, der seinen Sinn in sich selbst trägt. Und wenn er im Angesicht Gottes gelebt wird, dann färbt dieser jugendliche Geist schließlich den ganzen Lebenslauf, denn vom Standpunkt der Ewigkeit her betrachtet stehen wir immer wieder am Anfang und die entscheidende Schlacht wird die letzte sein, wie der heilige Josefmaria es gerne ausdrückte. Es hat also aus theologischer Sicht durchaus Sinn, mit den Worten des Psalms 42, die früher zum Introitus der Messe gehörten, den Allerhöchsten als „Gott, der meine Jugend erfreut“ anzurufen.

Dieser Sinn für beständige Erneuerung, der unverkennbar biblischen Ursprungs und auch spezifisch christlich ist, geht quer durch den Geist des Opus Dei und befindet sich zweifelsohne auch an der Basis seiner, historisch gesehen, ungewöhnlichen Wertschätzung der Jugend, der Arbeit, der Kunst, des Sports – und sogar der Kindheit und des Spiels (ludens in orbe terrarum). Angesicht des jugendlichen Alters der damaligen Mitglieder des Werkes, die der Gründer kaum großjährig in Städte und Länder schickte, um dort mit der Arbeit zu beginnen, pflegte er selbst zu sagen: „Gott hat sein Werk wie im Spiel mit kleinen Kindern verwirklicht.“

Wie einige Theologen herausgestellt haben, stehen wir hier vor einer Spiritualität der Taufe. Nach ihrem Verständnis enthalten die Sakramente der christlichen Initiation bereits den Keim der göttlichen Berufung zur Heiligkeit mitten in der Welt. Diese, ursprünglich und universell, fragt nicht nach dem Alter oder der Fähigkeit zum Vernunftgebrauch des einzelnen in den verschiedenen Lebensphasen. (Unter diesem Blickwinkel dürfte man die Heiligsprechung von Kindern oder psychisch Minderbemittelten, die jedoch ihren Verstand gebrauchen können, weder beschränken noch bezweifeln, denn auch sie sind genau wie jeder andere Gläubige zur Fülle des christlichen Lebens gerufen. Glücklicherweise hat der Heilige Stuhl kürzlich Schritte in diese Richtung gemacht.) (...)

Die Auswirkungen dieser positiven Bewertung eines jugendlichen Geistes kann man in vielfältigen Aspekten des täglichen Lebens und der apostolischen Unternehmungen der Gläubigen des Opus Dei beobachten. Als erstes ist zu erkennen, daß die Jugendarbeit, die der heilige Josefmaria unter den Schutz des Erzengels Rafael stellen wollte, für alle Gläubigen der Prälatur unabhängig von ihrem Alter, ihrer Stellung in der Gesellschaft oder ihrem Beruf Priorität hat. So konnte der heilige Josefmaria bereits am 9. Januar 1935 allen ans Herz legen, daß „ ihr beim Anblick der Jugend – der Hoffnung des Werkes –, die in euren Händen liegt, die Notwendigkeit einsehen werdet, auch unter Opfern Studentenheime und Bildungseinrichtungen ins Leben zu rufen, um mit persönlichem Einsatz die Entwicklung des Werkes, die uns Jesus anvertraut hat, zu unterstützen.“ (Instruktion, 9.1.1935, Nr. 4) Und da er in den wenigen Jahren, die das Werk damals erst existierte, bereits die außergewöhnlichen Schwierigkeiten bemerkt hatte, die diese Arbeit mit der Jugend äußerer Gründe wegen mit sich bringen konnte, fügte er hinzu: „Arbeitet voller Hoffnung: Pflanzt, gießt und vertraut darauf, daß Gott das Wachstum schenken wird (1 Kor 3, 7). Und wenn euch die Mutlosigkeit überkommt – sei es weil Gott diese Versuchung erlaubt, sei es angesichts scheinbar widriger Umstände oder der Erfahrung, daß in einzelnen Fällen eure apostolische Bildungsarbeit unwirksam bleibt –... Wenn euch dann jemand wie den Tobias fragt: ubi est spes tua? Wo ist deine Hoffnung? [...] Dann erhebt eure Augen über das Elend dieses Lebens, das nicht unser Ziel ist, und sagt ihm mit den Worten jenes Mannes aus dem Alten Testament, stark und voll Hoffnung, quoniam memor fuit Domini in tot corde suo (Tob 1, 13), weil seine Gedanken immer auf Gott gerichtet waren und er ihn aus ganzem Herzen liebte: filii sanctorum sumus, et vitam illam espectamus, quam Deut daturus est his, qui fidem suam numquam mutant ab eo; wir sind Kinder von Heiligen und hoffen auf das Leben, das Gott denen geben wird, die nie aufgehört haben, an ihn zu glauben (Tob 2, 18).“ (Ebd., Nr. 19) Keinesfalls darf man diesen Einsatz für die ganzheitliche Bildung der jugendlichen Persönlichkeit unterlassen.

Wenn also für jemanden im Opus Dei die apostolische Arbeit mit den jungen Menschen nie endet, dann kann auch seine eigene Bildung niemals als abgeschlossen betrachtet werden, weder im beruflichen und kulturellen Bereich noch auf dem Feld der Theologie und des vertieften Verständnisses des Geistes des Opus Dei. Da dieser eine große übernatürliche und menschliche Tiefe aufweist, kann man immer neue Züge und Aspekte an ihm entdecken.

Schließlich und endlich entspricht dieser jugendliche Geist für den Gründer des Opus Dei nicht dem Allgemeinplatz vom „jung im Geiste sein“. Dieser Ausdruck verbirgt nicht selten einen resgnierten Konformismus, der am Ende die Diagnose von Gogol und Martin Amis als unabänderlich akzeptiert, die da heißt: „Das Alter fügt nichts hinzu“. Für den heiligen Josefmaria besteht ein jugendliche Geist darin, immer unangepaßt großzügig zu sein und keine Haltung zuzulassen, die die eigenen Fehler und die Ungerechtigkeiten in der uns umgebenden Gesellschaft „konserviert“.

„Du bist berechnend. - Sage mir nicht, du seiest jung. Die Jugend gibt alles, was sie hat: sie schenkt sich selbst ohne Vorbehalt.“ (Der Weg, 30)

A. Llano ist zu der Zeit Professor für Philosophie und Leiter der philosophischen Fakultät der Universität von Navarra in Pamplona (Spanien), deren Rektor er außerdem lange gewesen ist. Von ihm sind Arbeiten zur Philosophie des deutschen Idealismus veröffentlicht worden, und er setzte sich ebenfalls auseinander mit Fragen der Ontologie und der Erkenntnistheorie bei Aristoteles und Thomas von Aquin im Zusammenhang mit den Fragestellungen der logisch-linguistischen Analyse. Auch politische Philosophie und Kulturtheorie gehören zu seinen Forschungsgebieten.

Aus den Kongressakten "Die Größe des Alltags", Bd. VIII, Die Jugend: Zukunft aufbauen, EDUSC, 2003