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Dokumentation

Januar 1938. Von Burgos aus: "Wenn du mich brauchst, ruf mich"

Andrés Vázquez de Prada

Stichwörter: Bürgerkrieg
Fotografie des hl. Josefmaria aus der Zeit nach dem Bürgerkrieg
Fotografie des hl. Josefmaria aus der Zeit nach dem Bürgerkrieg
Am 9. Januar, kurz nach seiner Ankunft in Burgos, feierte Escrivá seinen 36. Geburtstag. Er wandte sich in einem ausführlichen Brief an alle Mitglieder des Opus Dei. Der Brief beginnt so:

»Rundbrief vom 9. Januar 1938
Im Namen des Vaters, des Sohnes, des Heiligen Geistes und der heiligen Maria.
+Jesus möge meine Kinder beschützen und segnen.
Der Herr hat mich vor dem Tode bewahrt, der mehr als einmal unausweichlich schien. Er hat mich aus dem Lande Ägypten, aus der roten Tyrannei geführt – trotz meiner Sünden: ganz gewiß aufgrund Eurer Gebete –, damit ich weiterhin Haupt und Vater seiner Auserwählten in diesem Werk Gottes bleibe.
Ich habe die Absicht, Euch zu besuchen, alle nacheinander. Ich werde versuchen, es so bald wie möglich zu tun.
Bis zu dieser ersehnten Stunde möchte ich Euch mit diesem Rundbrief Ermutigung und Licht senden und die Mittel, damit Ihr nicht nur unserem Geist treu bleibt, sondern damit Ihr Euch heiligt in der Ausübung des Apostolates, das wir diskret, wirksam und mannhaft ausüben, so wie es auch die ersten Christen taten: eine gesegnete Arbeit der Auswahl und des Vertrauens!
Ihr sollt Eure stille und wirksame Sendung als reife und köstliche Frucht Eures inneren Lebens erneuern; in aller Natürlichkeit, zur Ehre Gottes, unseres Herrn – Deo omnis gloria!
Nichts ist unmöglich: omnia possum …
Wie könntet Ihr die tröstende Erfahrung der letzten zehn Jahre vergessen?… Also nur zu, Gott und Kühnheit!«

Bis zu dem Zeitpunkt, da er persönlich mit jedem einzelnen würde sprechen können, erinnert er sie an die Grundlagen des übernatürlichen Lebens, an die Frömmigkeitspraxis und die konkrete Art, apostolisch zu sein. Er fügt einige konkrete Ratschläge hinzu, die helfen sollen, die kriegsbedingten Behinderungen zu überwinden: ihm schreiben, Sprachen erlernen, einer sinnvollen berufsnahen Beschäftigung nachgehen, nach Burgos kommen, wenn sie Urlaub erhalten … Und er stellt sich ihnen als Vater ganz zur Verfügung: »Wenn Du mich brauchst, ruf an! – Du hast das Recht und die Pflicht dazu. Und ich habe die Pflicht, auf dem schnellsten Weg zu Dir zu kommen.«
Der Brief endet mit einem Hinweis:

»Und jetzt etwas Wichtiges:
Seit langem ist uns klar, daß wir das offizielle Gebet des Werkes um eine Fürbitte ›pro Patre‹ ergänzen sollten. Ab dem nächsten 14. Februar – ein Tag der Danksagung genau wie der 2. Oktober – werden wir in unseren Preces nach dem ›Oremus pro benefactoribus nostris‹, ein ›Oremus pro Patre‹ mit folgendem Wortlaut einfügen:
›Misericordia Domini ab aeterno et usque in aeternum super eum: custodit enim Dominus omnes diligentes se.‹ ›Die Barmherzigkeit des Herrn ruhe immer auf ihm: denn der Herr beschützt alle, die ihn lieben.‹
Laßt mich mit Worten des Apostels Paulus sagen, daß Ihr meine Freude und meine Krone seid: ich denke immer an Euch … Seid treu!
Es segnet Euch Eurer Vater,
Mariano
Josemaría Escrivá in Burgos mit einigen der ersten Gläubigen desl Opus Dei. 1938
Josemaría Escrivá in Burgos mit einigen der ersten Gläubigen desl Opus Dei. 1938
Haus des heiligen Michael in Burgos, 9. Januar 1938«

Der Gründer erbat das Gebet und das Opfer seiner geistlichen Kinder. Wenn er schreibt: »Ich denke immer an Euch … Seid treu!«, sind das mehr als schöne Worte. Während seiner Exerzitien in Pamplona entsprang das Gebet für die Seinen spontan seinem Vaterherzen. Selbst der Gedanke, Briefe aus dem Konsulat von Honduras – von Álvaro del Portillo und von José María González Barredo – könnten verlorengegangen sein, beunruhigte ihn: »Mein Gott, mein Gott: gib mir Frieden! Oft am Tag denke ich an jeden einzelnen. Und auch an die arme Großmutter und an meine Geschwister. Ich bete nie für meine Mutter, ohne gleichzeitig für die Eltern und Geschwister aller zu beten.«
Obwohl er – immer noch Rektor von Santa Isabel – bereits zweimal an den Generalvikar von Madrid geschrieben hatte, wandte er sich auch direkt an Bischof Leopoldo Eijo y Garay, um ihm seine Dienste anzubieten und von seiner spezifischen Arbeit als Gründer des Opus Dei zu berichten:

»Burgos, 10. Januar 1938
Sehr verehrter Herr Bischof!
Nach meiner Flucht aus Madrid bin ich nun in Burgos und habe sofort an Herrn Morán geschrieben – er ist für mich immer wie ein Vater gewesen –, um mich Ihnen, Exzellenz, demütig zur Verfügung zu stellen.
Nach meinen Exerzitien im Bischöflichen Palais von Pamplona, wo mich der heiligmäßige Oberhirte dieser Stadt freundschaftlich aufgenommen hat, habe ich vom Bischof von Vitoria Ihre Adresse, Exzellenz, erhalten. Ich möchte Ihnen unverzüglich schreiben, um mich bedingungslos zur Verfügung zu stellen und Ihnen mitzuteilen, daß ich mich gemäß meiner spezifischen Berufung dem Apostolat mit jungen Studenten und Professoren widme.
Wenn Sie es wünschen, Exzellenz, würde ich mich sofort aufmachen, um Ihnen alles über das heroische Leben des Klerus und die christliche Courage unserer jungen Leute zu berichten, die größer ist als jene der ersten Christen in Rom.
(…) In Gehorsam bittet Sie um Ihren Segen,
Josemaría Escrivá
Rektor von Santa Isabel
Meine Adresse in Burgos, Santa-Clara-Straße 51«

Am 10. Januar suchte er das Erzbischöfliche Palais in Burgos auf, um beim Ortsordinarius, Manuel de Castro y Alonso, die Amtslizenzen für seine priesterliche Tätigkeit zu beantragen. Auf der Straße traf er einen anderen Priester, den er aus Madrid kannte und der ihn bis zum Palais begleitete. Dort lernte er einen Pfarrer kennen, der zu Besuch war und sich unter den Klerikern in der Familie Albás bestens auskannte. Über sein Gespräch mit dem Pfarrer vergaß Josemaría die sicherlich etwas übertriebene Warnung vor der Launenhaftigkeit des Bischofs. Es bestand kein Grund zur Unruhe. Er hatte ein Empfehlungsschreiben von Marcelino Olaechea erhalten und auch Javier Lauzurica hatte sich telefonisch mit dem Bischof von Burgos in Verbindung gesetzt und ihm Escrivás Besuch angekündigt. Es lag dennoch etwas Seltsames in der Luft, eine Atmosphäre von Kälte und Verlassenheit. Auf den Gängen wartete niemand.
Der Bischof kam aus seinem Zimmer, und der Priester hörte, wie jemand sagte: »Dort draußen ist Escrivá.« Josemaría betrat das Besucherzimmer und händigte dem Erzbischof das Empfehlungsschreiben des Bischofs von Pamplona, Marcelino Olaechea, aus.
»Augenblick, ich hole meine Brille.«
Er kehrte gleich zurück, offensichtlich schlecht gelaunt. Er las ausführlich den Brief. Obwohl Olaechea den Text freundschaftlich und humorvoll abgefaßt hatte, verzog der gute Bischof keine Miene. Nach der Lektüre schaute er über seine Brille Josemaría an und sagte trocken und lakonisch: »Dieses Werk kenne ich nicht.«
Fassade der Kathedrale von Burgos
Fassade der Kathedrale von Burgos
Der Priester erläuterte ihm kurz Ziel und apostolische Tätigkeit des Opus Dei, was auch Inhalt des Briefes war.
»Hier gibt es keine Studenten, und ich habe genug Priester: von mir erhalten Sie keine Lizenzen«, antwortete er abweisend und unterkühlt.
»Wenn der Herr Erzbischof erlaubt …«, bat der Priester. »Ich erlaube«, antwortete er herrisch. »Es ist wahr«, stimmte Josemaría dem Erzbischof zu, »daß es hier keine Studenten gibt, weil alle jungen Männer an der Front sind. Dennoch ist Burgos der Mittelpunkt des Geschehens, und immer wieder tauchen Universitätsstudenten auf.«
»Und die sind bereits bestens betreut; ich brauche Sie nicht«, erwiderte er und verabschiedete den Priester.

So der Besuch. Escrivá erdachte sogar einen Titel für die Szene, die in der Tat theaterwürdig war: »Gespräch eines sündigen Klerikers mit dem Erzbischof von Burgos«. Der Priester ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und verließ die Bühne. Er mußte sich nun erneut an die Bischöfe von Pamplona und Vitoria wenden, um die Amtslizenzen auf anderem Wege zu bekommen: die Aussicht auf Erfolg beim Erzbischof schien endgültig unmöglich. – Der Bischof von Vitoria kam auf einer Reise noch im Januar nach Burgos und half in der Angelegenheit. Als Josemaría den Erzbischof erneut besuchte, fand ihr Gespräch in einem ganz anderen Ton statt. Diesmal bekam er vom Oberhirten jede erdenkliche Hilfe: »Sie sollten in Burgos bleiben. Verlassen Sie bitte diese Stadt nicht. Von meinem Büro werden sie selbstverständlich alle Lizenzen erhalten.«
Als nächstes suchte er nach einem geeigneten Beichtvater. Am 11. Januar lernte er Saturnino Martínez kennen, einen gelähmten Priester. Josemaría bat ihn, sein Beichtvater zu werden. In einer Catalina schreibt Escrivá unter diesem Datum: »Er versteht mich sehr gut.« Die Gründe dieses Einvernehmens mit Saturnino Martínez stehen ebenfalls in dieser Eintragung: »Ich habe das Gespräch genossen, weil er die Engel so gelobt hat. Er ist auch der Meinung, daß die Priester aufgrund ihres Amtes neben dem Schutzengel auch einen Erzengel als Beschützer haben. Ich verließ sehr froh das Haus und betete zu meinem Kleinen Uhrmacher und zu meinem Erzengel. Ich war mir sicher, daß, sollte ich noch keinen Erzengel haben, mein Jesus schließlich einen abstellen wird, damit mein Gebet nicht umsonst war. Wie ein Kind ging ich durch die Straßen und dachte über einen Namen für ihn nach. Es mag etwas albern klingen, obwohl ich denke, daß es in der Liebe zu Christus nichts Albernes geben kann, mein Erzengel heißt Amador, der Liebende.«
Josemaría hatte bewußt auf Meßstipendien verzichtet und konnte deswegen seine Meßanliegen frei wählen: so opferte er die heiligen Messen für das Opus Dei und für seine Mitglieder auf. Am 17. Januar zelebriert er ausnahmsweise für sich selbst und seine Anliegen: »Ich habe das Heilige Meßopfer für mich sündigen Priester gefeiert. Ich spüre bereits die Früchte: wie viele Glaubens- und Liebesakte! Die Danksagung war kurz und nicht ohne Zerstreuungen. Mir wurde klar, wie sehr die Beharrlichkeit der Meinen von meinem Glauben und meiner Liebe, von meiner Buße, von meinem Gebet und von meinem Handeln abhängt. Unter den jetzigen Umständen hängt sogar ihr Leben davon ab. Gesegnetes Kreuz des Werkes, das wir, mein Jesus – Er! – und ich, gemeinsam tragen.«

Seine Bußpraxis verlangte ein Minimum an Unabhängigkeit und Bewegungsfreiheit. In seinen Aufzeichnungen kommt er darauf zu sprechen: »Ich sehne mich danach, ein eigenes Zimmer zu haben; sonst werde ich das Leben, das Gott von mir erwartet, nicht führen können.« Jenes Leben bestand unter anderem darin, auf dem Fußboden und täglich nur fünf Stunden zu schlafen (»bis auf die Nacht von Donnerstag auf Freitag«, wo er Nachtwache hielt); dazu verzichtete er auf manche Mahlzeiten und benutzte eine Bußgeißel. (Diese Übung war mit der Ruhe eines Gästehauses unvereinbar: denn wir wissen bereits, wie Josemaría sie handhabte.) Er schreibt weiter: »Im übrigen ist es sehr lustig, was ich in Pamplona und in Burgos erlebt habe. Man könnte es so überschreiben: ›Auf der Suche nach einer Bußgeißel‹.« Wir kennen keine weiteren Einzelheiten, aber wahrscheinlich hatte der Büßer Schwierigkeiten, eine seinen Vorstellungen entsprechende Geißel zu finden.

Auf diese Weise schmückte Josemaría seinen Lebensweg mit Dornen. Am 16. Januar, dem Vortag jener Eintragung, hatte er in seinen Aufzeichnungen notiert: »Ich habe den festen Vorsatz gefaßt, nie ein Gotteshaus nur aus purer Neugier zu besuchen. Arme Kathedrale von Burgos.« (Manches Umstandswort – nie, jemals – erhält durch die Entschlossenheit Escrivás eine erschreckende Tragweite; so etwa sein Vorsatz aus dem Jahre 1932: »Nie hinschauen!«)

In Burgos brauchte er außerdem eine Wohnung, um Besucher empfangen und Durchreisenden ein Zimmer anbieten zu können. Auch hatte er es noch nicht aufgegeben, eine Kapelle einzurichten. Doch alle seine Bemühungen blieben erfolglos: scheinbar gab es in Burgos keine einzige freie Wohnung. Und so wurde aus jenem »Haus vom heiligen Michael in Burgos«, mit dem er seine Rundbriefe unterzeichnete, nie viel mehr als die engen vier Wände einer Pension oder eines Hotelzimmers.

Josemaría hatte bereits feste Pläne kurz-, mittel- und langfristiger Natur. Für ihn allerdings war diese Unterscheidung nur symbolisch: alles wurde sogleich zur »dringenden Aufgabe«. Als erstes galt es, die Versetzung von Juan Jiménez Vargas, Pedro Casciaro und Paco Botella nach Burgos zu erreichen. Zusammen mit José María Albareda würden sie gewissermaßen das Personal eines fest installierten Zentralbüros bilden. Von dort sollten sie die apostolischen Tätigkeiten koordinieren, die Besucher in Burgos betreuen und die Korrespondenz führen. Es drängte ihn auch, möglichst bald mit jedem Mitglied des Werkes persönlich zu sprechen. Seine Aufzeichnungen spiegeln dieses innere Leiden wider: »Mein Gott! O mein Gott! All diejenigen, die ich so sehr liebe, deinetwegen, in dir und mit dir, sind verstreut. Du hast mich dort geschlagen, wo es am meisten schmerzt: in meinen Kindern.«
Es war ein vielfacher Schmerz: zum einen die Unmöglichkeit, an den Schwierigkeiten und am Leiden der anderen teilzuhaben; dann das fehlende Zuhause für seine übernatürliche Familie. Schließlich Isolierung und Einsamkeit – »Wie sehr leide ich unter der Einsamkeit! Meine Kinder, Herr!« – und der quälende Gedanke, daß die Kriegsumstände die Beharrlichkeit der Mitglieder des Werkes gefährden könnten.

In Burgos vom anderen Spanien wie durch einen Abgrund getrennt, wuchsen seine Sorgen um diejenigen in Madrid. Wenn Isidoro Zorzano in seinen Briefen zum Beispiel erzählt: »Die Großmutter, der Onkel und die Tante sind wohlauf über den Winter gekommen«, dachte Escrivá bei sich: »Wie können sie wohlauf sein, mangelte es doch schon vor acht Monaten an allem!« In der Tat konnte er die harte Wirklichkeit zwischen den Zeilen nur ahnen. Der Winter 1937/1938 war für die Madrider besonders hart gewesen: nicht nur der Kälte wegen, sondern auch weil Brennstoff und Lebensmittel fehlten; Isidoro schreibt in einem Brief: »Bei meinen vielen Frostbeulen an den Händen ist es ein Wunder, daß ich den Bleistift überhaupt noch halten kann.«

Der Gründer dachte an alles und führte genau und pünktlich Buch über die Korrespondenz. Am 24. Februar erzählt er Juan Jiménez Vargas: »Aus Madrid haben wir sieben Briefe erhalten. Wir haben achtzehn geschrieben.« Die Nachrichten brachten nicht nur Trost. Manchmal erzeugten sie auch Unruhe: wieder auf eine Antwort warten, immer mit dem Verdacht, der Brief könnte verlorengehen oder Schwierigkeiten mit der Zensur verursachen. Es war zwecklos, von Escrivá in diesem Punkt Gelassenheit zu erwarten: es ging gegen seine Natur. So lesen wir in einem Brief vom 27. März an Juan: »Von Madrid – arme Kinder! – werden wir hoffentlich in diesen Tagen etwas hören. Ich habe ihnen am 18. über Saint-Jean-de-Luz geschrieben; und am 26. habe ich wieder einen Brief losgeschickt, ebenfalls über den Marquis von Embid. Ich mache mir Sorgen. Du kennst mich besser als alle anderen und weißt, daß ich in dieser Hinsicht … maßlos bin. Der Herr wird mir verzeihen.«

Andrés Vázquez de Prada, Der Gründer des Opus Dei, Bd. 2: Die mittleren Jahre; Adamas Verlag, Köln 2004