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Persönliche Zeugnisse

Er war ein Mann, der zu lieben verstand

Álvaro Domeq, Stierkämpfer und Stierzüchter u.a.; in: ABC, Madrid, 26. Juni 1988

21 September 2012

Stichwörter: Christliche Berufung, Beruf, Josemaría Escrivá
Wir veröffentlichen einen relativ kleinen Ausschnitt aus einem längeren Interview, das dieser vielseitige Andalusier einem Reporter der Zeitschrift gegeben hat.

- Don Álvaro, wann haben Sie Msgr. Escrivá kennen gelernt?
Mir scheint, das war in Pamplona, im Herbst des Jahres 1967, bei der Messe, die er auf dem Campus der Universität von Navarra feierte. Nach der Zeremonie begrüßte ich ihn, und zu meiner Überraschung nannte er mich bei meinem Namen, machte mir ein Kreuzzeichen auf die Stirn und sagte: „Ich vergesse dich nicht.“ Ich bin eher schüchtern und war sehr erstaunt, wie genau er mich kannte ohne mich zu kennen. Ich merkte an vielen Äußerungen, wie gern er mich hatte, auch daran, dass er mich ermutigte, meine Arbeit nicht aufzugeben – „aber du sollst viel Liebe zu Gott hinein legen“, fügte er hinzu.

Damals begleitete ich die Toreros, die nach einem Festival in Pamplona die Gelegenheit hatten, ihn kennen zu lernen. Für jeden hatte er ein liebevolles Wort, das genau auf seine persönlichen Umstände passte. Nach der Begegnung sagte mir einer der Teilnehmer, der immer damit angab, nicht gläubig zu sein: „Weißt du was? Ich glaube, ich werde mich auf die Seite deines Priesters schlagen müssen.“

Eine andere Erinnerung bezieht sich auf das Jahr 1972, als er nach Jerez de la Frontera kam und die Liebenswürdigkeit besaß, meine Frau und mich zum Essen einzuladen. Er wollte sich damit für das Wenige bedanken, das ich eingesetzt hatte, damit „Pozoalbero“, ein Tagungshaus am Rande der Stadt, in dem inzwischen viele Tausende aus Andalusien an Veranstaltungen teilgenommen haben, seine Arbeit aufnehmen konnte. Der Gründer des Opus Dei war nämlich ein sehr dankbarer Mensch, und außerdem verstand er es, dir Schwung zu geben, selbst wenn du nur wenig getan hattest, damit du weiter machtest und dich selbst noch übertrafst. (...) Und diesen Schwung gab der Gründer des Opus Dei an jeden weiter, an Gläubige und Ungläubige, an Leute aller gesellschaftlichen Schichten.

Ich habe mehrere geistliche Bildungskurse für Stierkämpfer, Dichter und Schriftsteller angeregt und ich durfte feststellen, dass sie sich geehrt fühlten, wenn zwei oder drei Tage nur von Gott und den Dingen Gottes gesprochen wurde. Es gefiel ihnen, dass man sich im um ihr geistliches Leben kümmerte, was ein beredtes Zeugnis ist für etwas, das Msgr. Escrivá immer wieder sagte: Dem alltäglich Leben muss man einen Sinn geben, damit es ein wirkliches Leben ist. Das hat er mir beigebracht, und er gab es an dich weiter, wenn er dich anschaute, wenn er dich sah, oder wenn er dir eine von seinen Umarmungen gab, die liebevoll und stark zugleich waren.

- Welches war Ihr erster Eindruck, als Sie ihm begegneten?
Dass er dir großes Vertrauen und Freude einflößte und dich, ohne eigens davon zu sprechen, darum bat, dich zu engagieren, einen Weg der Hingabe zu gehen. Und er gab dir einen sanften, aber wirksamen Stoß, damit du alles aus Liebe zu Gott tatest und deinem normalen Leben eine geistliche Dimension gabst. Und, wirklich, es ist wunderbar zu wissen, dass man die Arbeit heiligen kann. Das gibt dem arbeitenden Menschen eine ganz entscheidende Befriedigung, die ungemein wichtig ist. Er wusste ja nun, dass ich mit Stieren und Stierkampf zu tun habe. Ich weiß nicht, ob ihm am Stierkampf etwas lag, aber es schien so, denn er sagte zu mir: „Du sollst nicht aufhören zu arbeiten und alles so gut wie möglich machen.“ Er sprach dir deine natürlichen Neigungen nicht ab, sondern half dir, ihnen eine Richtung zu geben, Liebe und Hingabe in das zu legen, was du tust, weil du weißt, dass es einen Wert hat. Und das ist allerdings eine große Befriedigung zu wissen, dass das, was du tust, Wert hat.

- Was war denn Ihrer Meinung nach sein typischster Charakterzug?
Msgr. Escrivá de Balaguer strahlte Heiligkeit aus. Ich weiß nicht, ob Heiligkeit umfassend definiert ist, aber ich bemerkte sie einfach an diesem unablässigen Wunsch, dir Liebe zu Gott und Liebe zur Arbeit einzuflößen, und in dir den Wunsch zu wecken, die anderen glücklich zu machen. Außerdem gab es für den Gründer des Opus Dei keine geschlossenen Horizonte. Jeden Tag hatte er neue Ideen, um weitere Menschen zu erreichen und die Lehre der Kirche zu noch mehr Leuten gelangen zu lassen. Es war einfach beeindruckend. Und es ist in der Tat bemerkenswert, in welch kurzer Zeit sich das Opus Dei verbreitet und unter Menschen verschiedenster Art Fuß gefasst hat. Ich habe das mit eigenen Augen feststellen können, denn ich bin ein Mensch, der viel herumkommt – und das ist einfach großartig und erfreulich.

- Manchmal sagt man, dass es zwei Heilige braucht, um einen Heiligen zu ertragen. Fühlte man sich wohl in der Nähe des Gründers des Opus Dei?
Wenn man mit dem Gründer des Opus Dei zusammen war, fühlte man sich beschützt und irgendwie unternehmungslustig; man entdeckte sein Herz neu, und die althergebrachte Frömmigkeit wurde menschlicher, anziehender. Er schaffte es sogar, dass du deine Schwächen mit mehr Würde trugst. Du hattest plötzlich das sichere Gefühl, dass du mit ihnen fertig werden konntest; er übertrug quasi diese Überzeugung auf dich, so dass du selbst entdecktest, dass alles, selbst das Kleinste, einen großen Wert hat. Ich war mir immer sicher, dass Gott der beste Zahlmeister ist und dir folglich alles, was du tust, so klein es auch sei, belohnt. Wie Sie sehen, sind seine Ratschläge von Liebe geprägt, und da der Mensch geboren wird, um zu lieben, ist alles leicht verständlich.

- Der Seligsprechungsprozess von Msgr. Escrivá wurde 1981 eingeleitet. Beten Sie zu ihm? Vertrauen Sie auf seine Fürsprache?
Ja, es macht mir Freude zu wissen, dass ich dort oben jemanden habe, der für unsere menschlichen und geistlichen Bedürfnisse eintreten kann. Die geschäftlichen Dinge regle ich alleine. Es interessiert mich mehr, ihn für mein inneres Leben zu bitten und für das, was mir noch an Leben bleibt.

Übrigens helfen mir die Briefe von ihm, die ich aufbewahrt habe, mich an ihn zu wenden. Ich achte sehr auf Kleinigkeiten und habe die Gewohnheit, meine Freunde zu Festtagen zu beglückwünschen. Vor Jahren kam mir in den Sinn, ihm einen Brief zu schreiben, und zu meiner Überraschung erhielt ich kurz darauf eine Antwort. Im folgenden Jahr hatte ich meine Zweifel, ob ich ihm noch einmal schreiben sollte, denn so würde ich ihn quasi verpflichten, mir zu antworten. Aber dann dachte ich, er würde vielleicht denken, dass ich ihn vergessen hätte. Seither schrieb er mir also immer, und jedes Mal erhielt ich auch einen Ratschlag. Als er dann starb, habe ich diese Gewohnheit mit seinem Nachfolger, Bischof Alvaro del Portillo, mich immer Namensvetter nannte, wenn wir uns sahen, beibehalten. Auch er erinnert sich immer an mich und schickt mir ein paar Zeilen. Das macht mir große Freude. Es tut mir zwar leid um die Zeit, die er dadurch verliert, aber es ist eine liebenswürdige Aufmerksamkeit und ein wunderbares Beispiel.