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Dokumentation

Der Gründer des Opus Dei und die Schweiz

Schweizerisches Katholisches Sonntagsblatt

Stichwörter: Apostolat, Muttergottes
Einsiedeln
Einsiedeln
Dem heiligen Josefmaria hatte Gott mit dem Opus Dei ein Werk anvertraut, das bereits in den sechziger Jahren auf allen Kontinenten verbreitet war. Angesichts der weltweiten Dimension dieser Aufgabe und Verantwortung mag es überraschen, daß die kleine Schweiz für den zukünftigen Heiligen mehr war als bloß ein weiteres Land, in dem das Opus Dei die Botschaft von der allgemeinen Berufung zur Heiligkeit unter die Leute bringen sollte. Er hatte eine besondere Beziehung zur Schweiz, denn er bereiste sie zwischen April 1955 und August 1969 nicht weniger als 16 Mal.

Von Rom aus, wo er seit 1946 wohnte, unternahm er ab Beginn der fünfziger Jahre ausgedehnte Reisen durch Europa. Zweck dieser Fahrten war es, den Beginn der apostolischen Arbeit des Opus Dei an den jeweiligen Orten vorzubereiten bzw. zu begleiten. Er besuchte die Bischöfe der wichtigsten Städte und die Angehörigen des Opus Dei, die in einem neuen Land gerade die ersten Schritte machten.

Die Straßen mit Gegrüßet-seist-du-Marias gepflastert
Meist war er in einem alten Lancia unterwegs. Er wurde jeweils begleitet von Dr. Alvaro del Portillo, der 1975 sein erster Nachfolger werden sollte, sowie von einem oder zwei weiteren Angehörigen des Opus Dei , unter ihnen Dr. Javier Echevarría, dem heutigen Prälaten. Von Letzterem wissen wir, daß die Begleiter nach oft acht oder zehn Stunden Autofahrt am Rande der Erschöpfung waren, daß Escrivá sich aber desungeachtet sogleich an die Arbeit zu machen pflegte; er kümmerte sich um alle und sorgte für eine gute Stimmung.

Während der langen Stunden auf den damaligen Landstraßen betete Josefmaria Escrivá häufig den Rosenkranz. Zudem sang er sehr gerne und schöpfte mit seiner wohlklingenden Bariton-Stimme aus einem reichen Liederrepertoire. „Wir haben die Straßen Mitteleuropas mit Gegrüßet-seist-du-Marias und mit Liedern gepflastert“, erinnerte er sich später.

Die Aufenthalte in der Schweiz
Der erste Aufenthalt in unserem Land war auch gleich schon einer der längsten. Er dauerte vom 24. bis 30. April 1955. Im Rahmen einer großen Reise durch Mitteleuropa machte Josefmaria Escrivá in Basel, Bern, Freiburg, Luzern, St. Gallen und Zürich Station und besuchte die Muttergottes in den Wallfahrtsorten von Einsiedeln und Mariastein (SO).
Spätere Fahrten führten ihn verschiedentlich nach Lausanne. Am 18. November 1955 und wiederum am 25. Juni 1956 feierte er die Messe in der Sacré-Coeur-Kirche (Ouchy), wovon noch heute die Einträge im Meßregister zeugen. Noch viele weitere helvetische Orte lernte er im Lauf der Jahre kennen: Brig, Genf, Yverdon, Vaduz, Zug, Brunnen Locarno, Lugano u.a. Man kann also sagen, daß ihm alle drei großen Sprachregionen unseres Landes vertraut waren.

Die Besuche bis 1956 dienten – wie er zu sagen pflegte – dazu, die „Vorgeschichte „ des Opus Dei in der Schweiz zu schreiben. Im Herbst desselben Jahres kamen dann die ersten Mitglieder nach Zürich, wo sie eine Wohnung an der Hottingerstraße mieteten. Es war das erste Zentrum in der Schweiz: Die eigentliche Geschichte des Opus Dei hierzulande hatte begonnen. Und der Gründer schrieb sie eigenhändig mit: Mehrmals kam er vorbei, um die ersten Schritte zu unterstützen. Das Studentenheim Fluntern, in das man 1961 umgezogen war, erhielt in den Jahren 1963 und 1965 drei Mal seinen Besuch.

Die Anziehungskraft Unserer Lieben Frau von Einsiedeln
Das häufigste Ziel von Escrivás Reisen in die Schweiz aber war Einsiedeln. Von 1956 an konnte man ihn dort fast jedes Jahr antreffen. Sobald er jeweils die beiden Kirchtürme erblickte, betete er in freudiger Erwartung ein Salve Regina. Viele Stunden intensiven Gebetes verbrachte er vor dem Gnadenbild, wo er Maria seine Freuden, aber auch seine bisweilen brennenden Sorgen und Schmerzen zu Füßen legte und sich ihrer Hilfe anvertraute.

Im August 1957 verbrachte er sogar drei Wochen in der Waldstatt, um in der Stille der Gnadenkapelle zu beten und von Einsiedeln aus verschiedene Orte in der Schweiz und im nahen Ausland zu besuchen. Die letzen Besuche fielen in die Jahre 1968 und 1969; sie waren vor allem geprägt von seiner tiefen Sorge um die Seelen und um die Lage der Kirche.

In Einsiedeln feierte er auch häufig die heilige Messe, manchmal in der Gnadenkapelle, meistens aber am früheren Kommunionaltar, der heutigen Allerheiligstenkapelle auf der linken Seite der Kirche. Die Mönche wußten wohl, wen sie vor sich hatten; dennoch präsentierten sie ihm jedes Mal das Meßregister, damit er sich eintrage. Die Danksagung nach der Messe verrichtete er üblicherweise an zwei Orten: zuerst vor dem Allerheiligsten, dann vor dem Gnadenbild der Muttergottes.
Tradition hatte das Einkehren im Café Merkur, nahe beim Klosterplatz. Mit Humor neckte er die ersten Schweizer mit der Frage, ob sie die drei alten Jungfern von Einsiedeln kennen – im Schaufenster des Café Merkur sind heute noch drei Figürchen alter Damen im Barockstil rund um einen Tisch beim Kaffeetrinken. Die Besitzerin des Café kannte ihn gut und erinnerte sich noch viele Jahre nach seinem Tod an diesen besonderen Gast.

Ab 1970 begab sich der heilige Josefmaria auf seine bekannten großen Reisen in Europa und nach Nord- und Südamerika, wo er sich mit vielen Tausend Menschen traf, um ihnen den Geist der Heiligkeit im alltäglichen Berufs- und Familienleben nahezubringen. Oft hat er dort mit herzlicher Wärme und echter Begeisterung von Einsiedeln gesprochen. Viele Menschen in aller Welt haben durch ihn Einsiedeln kennen und lieben gelernt.

Der Generalkongreß des Opus Dei in Einsiedeln im Jahre 1956
Einsiedeln bedeutete aber noch mehr für unseren zukünftigen Heiligen. 1956 fand hier nämlich vom 22. bis 26. August unter seiner Leitung der zweite Generalkongreß des Opus Dei statt, mit Vertretern aus vielen Ländern.

Bischof Alvaro del Portillo, sein erster Nachfolger, war mit von der Partie und berichtete später: „Der Kongreß fand in Einsiedeln statt, einmal als Zeichen der Verehrung zur Jungfrau Maria, aber auch, weil unser Gründer an die ganze Welt dachte und dieser Ort ein wenig im Herzen Europas liegt... Man mietete das Hotel Pfauen direkt gegenüber der Wallfahrtskirche. Die Benediktiner stellten uns einige Säle für die Konferenzen zur Verfügung, jedoch fand fast alles im Hotel statt. Wir wurden dort wirklich sehr gut aufgenommen.“

Papst Pius XII. sandte allen Teilnehmern seinen Segen mit dem Wunsch, „Gott möge sein Licht über die Arbeit des Kongresses leuchten lassen, damit in vollkommener Einheit des Geistes die intensive Arbeit des Werkes immer neue Früchte trage“.

Die Schweiz: ein schneebedeckter Vulkan
Josefmaria Escrivá verglich die Schweiz bisweilen mit einem schneebedeckten Vulkan: äußerlich eher kühl, in der Tiefe aber mit einem Feuer, das es an die Oberfläche zu bringen gilt, damit der Schnee schmelze und das Wasser den fruchtbaren Boden begieße. Jedenfalls hatte er gute Erinnerungen an die Schweiz behalten. Im Juni 1975, kurz vor seinem plötzlichen Tod, sagte er: „Ich habe etliche schöne Stunden meines Lebens in der Schweiz verbracht; ich fühle mich dort sehr gut, sehr zufrieden... Die Schweiz ist ein Land, das viel Gutes tun kann und tun wird.“

Artikel im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt, 29.09.2002