Heiliger Josefmaria
Seine Botschaft

Das neue Gebot

Stichwörter: Nächstenliebe, Verständnis, Dienst
Es war vor dem Paschafest. Jesus wußte, daß seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung (Joh 13, 1).


»Diese Worte des heiligen Johannes sind für den Leser seines Evangeliums wie ein Signal: An diesem Tag wird etwas Großes geschehen. Sie sind eine Einstimmung auf das Kommende – gleich jenen, die der heilige Lukas in seinen Bericht aufnimmt: Sehnlichst, so versichert der Herr, habe ich danach verlangt, dieses Ostermahl mit euch zu halten, bevor ich leide.«
Christus begegnen, Nr. 83

»Beim Letzten Abendmahl, während die Jünger erneut darüber streiten, wer wohl aus ihrem Kreis der Größte sei, schickt sich der Herr an, Abschied zu nehmen. Jesus erhob sich vom Mahle, legte sein Obergewand ab, nahm ein Linnentuch und umgürtete sich damit. Dann goß er Wasser in ein Becken und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und sie mit dem Linnentuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war.

Wieder einmal hat er durch das Beispiel, durch die Tat gepredigt. Jesus kniet sich vor seine Jünger hin, aus deren Unterhaltung Hochmut und Eitelkeit sprechen, und verrichtet freudig den Dienst eines Knechtes. Dann, wieder beim Mahl, sagt er ihnen: Versteht ihr, was ich an euch getan habe? Ihr nennt mich Meister und Herr, und ihr habt recht; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müßt auch ihr einander die Füße waschen. Mich bewegt die feinfühlige Art unseres Herrn. Er sagt ja nicht: Wenn ich schon dies tue, wieviel mehr solltet ihr es tun. Nein, er stellt sich auf die gleiche Ebene wie sie, er zwingt sie nicht, sondern er tadelt liebevoll ihren Mangel an Großmut.

Auch uns, wie den ersten Zwölf, will der Herr dies zu verstehen geben: Exemplum dedi vobis, ich habe euch ein Beispiel gegeben, ein Beispiel der Demut. Ja, er führt es uns ständig vor Augen: Ich bin zum Knecht geworden, damit ihr versteht, von Herzen sanftmütig und demütig allen Menschen zu dienen.«
Freunde Gottes, Nr. 103

»Die Stunde seines Leidens naht, der Herr ist umgeben von den Menschen, die er liebt, und sein Herz ist ein einziger Feuerbrand. Er sagt zu seinen Jüngern: Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe. So sollt auch ihr einander lieben. Daran sollen alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebt. (…)

Herr, warum nennst du dieses Gebot neu? Haben wir nicht soeben gehört, daß die Liebe zum Nächsten schon im Alten Bund geboten war? Und außerdem – ihr wißt es – hat Jesus zu Beginn seines öffentlichen Wirkens mit göttlicher Großherzigkeit diese Forderung erweitert: Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen, und betet für die, die euch verfolgen und verleumden.

Herr, gestatte also, daß wir dich nochmals fragen: Warum nennst du dieses Gebot auch jetzt noch neu? In jener Nacht, wenige Stunden vor deinem Opfertod am Kreuz, während des herzlichen Gespräches mit denen, die dich trotz ihrer persönlichen Schwäche und ihrer Armseligkeit – die ja auch uns so vertraut sind – nach Jerusalem begleitet hatten, hast du uns ein unerwartetes Maß der Liebe geoffenbart: Wie ich euch geliebt habe. Sie werden dich wohl verstanden haben, jene Apostel, die Zeugen deiner unergründlichen Liebe gewesen waren! Die Verkündigung und das Beispiel des Meisters sind klar, eindeutig. Er hat seine Lehre durch Taten bekräftigt. (…)

Christus, unser Herr, hat Fleisch angenommen, um sich der Menschheit als Vorbild aller Tugenden zu zeigen. Er sagt: Lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen.

Später aber, wenn er den Aposteln erklärt, woran man sie als Christen erkennen wird, sagt er nicht: daran, daß ihr demütig seid. Er ist die Reinheit selbst, das unbefleckte Lamm; nichts konnte seine vollkommene, makellose Heiligkeit verdunkeln. Aber er sagt nicht: Sie werden merken, daß ihr meine Jünger seid, weil ihr keusch und rein seid. Er ging durch unsere Welt in vollständiger Loslösung von den irdischen Gütern. Er, der Schöpfer und der Herr des Alls, besaß nichts, wohin er sein Haupt legen konnte. Aber er sagt nicht: Sie werden wissen, daß ihr zu mir gehört, weil euer Herz nicht an Reichtümern hängt. Vierzig Tage und Nächte verbringt er unter strengem Fasten in der Wüste, bevor er sich der Verkündigung des Evangeliums zuwendet. Und doch sagt er seinen Jüngern nicht: Sie werden begreifen, daß ihr Gott dient, weil ihr keine Schlemmer und Trinker seid. Das ausgezeichnete Merkmal der Apostel und der echten Christen aller Zeiten ist, wie wir bereits vernommen haben, dies: Daran – gerade daran – werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebt.«
Freunde Gottes, Nr. 222–224