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Dokumentation

Das Leuchten der Liebe

Javier Echevarría

Stichwörter: Heiligsprechung, Nächstenliebe, Solidarität, Normaler Alltag
Am Tage nach der Heiligsprechung charakterisierte der Papst den hl. Josefmaria als den Heiligen des Alltäglichen. Mit diesem Ausdruck traf er den Kern der Botschaft, die der treue Priester verkündet hatte: Unser Alltag - Familienleben, Berufsarbeit, gesellschaftliche Beziehungen - ist ein Weg in den Himmel, wenn man den Blick auf Gott richtet und dem Nächsten helfen will.


Jede noch so alltägliche Situation birgt etwas Göttliches
Ein Vierteljahrhundert lang durfte ich ein direkter Zeuge sein, wie der hl. Josefmaria den Menschen half, den Bruch zwischen einem Leben aus dem Glauben und dem Leben im Alltag zu heilen. Seit dem Beginn des Opus Dei am 2. Oktober 1928 lehrte er, dass alle ehrbaren menschlichen Tätigkeiten von Gott gewollt und von Christus in seine Menschwerdung aufgenommen worden sind. Dadurch können sie Wege der Heiligkeit werden. „Seid davon überzeugt: Jede noch so alltägliche Situation birgt etwas Heiliges, etwas Göttliches in sich, und euch ist aufgegeben, das zu entdecken.“ (Homilie „Die Welt leidenschaftlich lieben“, 8.10.1967). Das gab er weiter, als theologische Aussage und als praktischen Rat, an Frauen und Männer in unterschiedlichen Lebenssituationen in Beruf und Gesellschaft. Mal sagte er es in einer persönlichen Begegnung, mal bei Treffen mit Tausenden von Menschen, so in der erwähnten Predigt, die er vor über zwanzigtausend Gläubigen auf dem Campus der Universität von Navarra hielt.

Im Büro, im Betrieb, in den eigenen vier Wänden
Es ist eine Frage der Liebe, unser Glaubens- und unser Alltagsleben zu verschmelzen. Wenn die Liebe zu Gott der Beweggrund des Handelns eines Christen ist, dann ergibt sich fast spontan, dass man ein Werk beginnt, fortsetzt und abschließt mit dem Blick auf Gott. Die Werkstatt, das Büro, die Bibliothek, das Labor, der Betrieb, die eigenen vier Wände zuhause werden dann zu Stätten eines Dialogs zwischen Schöpfer und Geschöpf, zwischen einem Vater, der seine Kinder unendlich liebt, und den Kindern, die sich geliebt wissen. Alles wird so zum Stoff des Betens. Ebenso ist es, wenn jemand die Liebe zum Nächsten echt empfindet; denn daraus erwächst der Drang, den Umgang mit den anderen in Familie, Beruf und Gesellschaft mit dem Balsam der Liebe zu verfeinern.

Diese Botschaft ist aktuell und wichtig, gerade in Zeiten, in denen man einerseits den Ideologien mißtraut und andererseits immer deutlicher die schlechten Folgen von Verhaltensweisen spürt, die sich nach der Logik von Eigen- oder von Machtinteressen richten. Die christliche Liebe ist niemals Instrumentalisierung für irgend etwas, sie strebt nicht nach irgendwelchen Zwecken - die Liebe ist umsonst.

Lieben heißt, ein großes Herz haben
Die Liebe im Alltag zu leben, „heißt, ein großes Herz haben, die Sorgen unserer Mitmenschen teilen, verzeihen können und verstehen können: sich mit Jesus Christus für alle Seelen aufopfern.“ (Christus begegnen, Nr. 158)

Sich voll einsetzen
Papst Benedikt XVI. nennt in seiner ersten Enzyklika die Liebe „die grundlegende Option im Leben eines Christen.“ Innerlich bewegt denke ich an diesem fünften Jahrestag der Heiligsprechung des heiligen Josefmaria Escrivá an viele Gläubige und Mitarbeiter der Prälatur des Opus Dei, die sich auf allen fünf Kontinenten zusammen mit Freunden und Kollegen voll in christlich geprägten sozialen und karitativen Initiativen einsetzen. Sie folgen den Spuren der Hochherzigkeit des hl. Josefmaria, der viele Initiativen der Evangelisierung und des sozialen Fortschritts zum Wohl der Armen gefördert hatte. Auch daran erinnerte Papst Johannes Paul II. in seiner Ansprache am Tag nach der Heiligsprechung.

Initiativen
Einige Initiativen entstanden gerade um jenes ekklesiale Ereignis der Heiligsprechung auf eine Art zu würdigen, die dem hl. Josefmaria gefallen hätte. Als Beispiel mögen die Projekte Laguna und Harambee gelten. Laguna ist ein Palliativzentrum in Madrid. Harambee entwickelt in Afrika Erziehungsprogramme. Nach fünf Jahren werden die Früchte dieser Initiativen immer zahlreicher, sowohl für jene, die sie auf den Weg gebracht haben, wie für jene, die davon profitieren.

Allerdings ergeht der Ruf, die christliche Liebe praktisch zu leben, an alle, auch an diejenigen, die sich nicht schon beruflich sozialen Aufgaben widmen. Denn die Liebe ist keine abstrakte Tugend. Im Alltag ist sie von menschlicher Zuwendung nicht zu trennen: „Wir haben nicht ein Herz, um damit Gott, und ein anderes, um damit die Geschöpfe zu lieben: Mit diesem unserem einen armen Herzen aus Fleisch lieben wir menschlich und, wenn sich diese Liebe mit der Liebe Christi vereint, zugleich übernatürlich. Diese, und keine andere, ist die Liebe, die in uns wachsen muß und die uns in den Mitmenschen die Gestalt unseres Herrn erkennen lassen wird.“ (Freunde Gottes, Nr. 229)

Vergebung gewähren und Vergebung annehmen
Unsere Zeit ist leider reich an Konflikten – ob auf familiärer, nationaler oder internationaler Ebene. Deshalb betone ich: Nächstenliebe heisst in der Praxis vor allem: Vergebung gewähren und Vergebung annehmen. Die Vergebung öffnet den einzig möglichen Weg, damit aus einem Schlachtfeld ein Umfeld menschlicher Solidarität werden kann
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Sich im Verstehen einüben, sich einüben im Geben und Annehmen von Vergebung, ist ein mühsamer Weg, auf dem man immer wieder von neuem anfangen muß. Wenn aber eine Kultur der Vergebung fehlt, wird es schwer, den Zusammenhalt der Familie zu wahren, im staatsbürgerlichen Leben sich für gemeinsame Ziele zu engagieren oder Frieden und Wohlwollen in den internationalen Beziehungen zu fördern.

Uns wirklich gern haben
Für einen Christen ist die Liebe die beste Sprache, um den Glauben weiter zu geben. Papst Benedikt sagt, „daß die Liebe in ihrer Reinheit und Absichtslosigkeit das beste Zeugnis für den Gott ist, dem wir glauben und der uns zur Liebe treibt“ (Deus Caritas est, Nr. 31). Die Evangelisierung ist niemals blosser intellektueller Austausch. Nicht selten geht der Entdeckung der Reichtümer des Glaubens eine persönliche Begegnung voraus: Viele kommen in einem von Freiheit geprägten Umfeld Christus nahe, wenn sie merken, dass Christen sie gern haben. Mitmenschen im Alltagsleben liebevoll begegnen ist deshalb eine Art, selbst andere kennenzulernen und sich anderen erkennen zu geben. Deshalb sagte der heilige Josefmaria, die Evangelisierung sei eine Aufgabe für Menschen mit einem großen Herzen und mit offenen Armen.

Das II. Vatikanische Konzil nennt die bei vielen Menschen bestehende Spaltung zwischen dem Glauben, den man bekennt, und dem täglichen Leben eine der schwersten Verirrungen unserer Zeit (vgl. Gaudium et Spes, Nr. 43). Fünf Jahre nach der Heiligsprechung des hl. Josefmaria, dem Heiligen des Alltäglichen, bitte ich Gott auf seine Fürsprache, er möge besonders uns Christen gewähren, dass wir im Herzen beides verbinden: Gott zu lieben und unsere Brüder und Schwestern, ja alle Menschen, wirklich gern zu haben. Er möge uns bei unserem Bemühen stärken, jeden einzelnen Tag mit dem Leuchten der Liebe zu erhellen.

Artikel vom 07.10.2007