StartseiteDokumentationArtikelDas Charisma des Opus Dei in der Kirche
Dokumentation

Das Charisma des Opus Dei in der Kirche

Joachim Kardinal Meisner

Stichwörter: Kirche, Opus Dei, Einheit des Lebens
Joachim Kardinal Meisner
Joachim Kardinal Meisner
Seit Gott Mensch geworden ist, gibt es erst recht keine gottlose Welt und keinen weltlosen Gott mehr. Die Menschen aller Zeiten und Völker mit dieser Wahrheit in Berührung zu bringen ist die Sendung der Kirche. Die Kirche hat das Evangelium zugunsten der Welt empfangen. Ihre Sendung wurzelt im Geheimnis der Menschwerdung und zielt auf die Heiligung der Welt. Der Herr beschenkt seine Kirche immer wieder mit besonderen Charismen, die ihr helfen sollen, diese Sendung in einer konkreten Zeit und in einer bestimmten Weise zu verwirklichen. Das besondere Charisma des Opus Dei, so wie es dessen Gründer, der selige Josemaría Escrivá, gesehen hat, soll im folgenden beschrieben werden. Dies soll vor dem Hintergrund der Inkarnation geschehen. Denn die Menschwerdung Gottes ist das Grundgeheimnis, das sich in der Sendung der Kirche als Ganze wie auch des Menschen in seinen Charismen widerspiegeln muß, wenn diese echt sein wollen. Es soll nun ein wenig der Weg nachgezeichnet werden, der bei der Menschwerdung beginnt und an den Ort führt, an dem das Opus Dei seinen besonderen Platz in der Kirche hat.

»Wahrer Gott und wahrer Mensch«
In der Verkündigungskirche in Nazareth ist der Ort besonders hervorgehoben, an dem der Engel Maria mitteilte, sie werde Gottesmutter. Dort steht: »Hic verbum caro factum est« – »Hier ist das Wort Fleisch geworden«. Das ganze unfaßbare Geheimnis unseres Glaubens wird hier deutlich. Der zeitlose Gott nimmt in seinem Sohn Jesus Christus die Zeitlichkeit an. Zugleich verläßt er damit seine Allgegenwart und nimmt die räumliche Konkretheit eines Menschen an. Der heilige Petrus Chrysologus (gestorben um 450) beschreibt dieses Geheimnis in seiner Predigt zum Fest der Erscheinung des Herrn in folgender Weise: »Heute findet der Sternkundige den als weinendes Kind in der Wiege, dessen Glanz er am Sternenhimmel gesucht hatte … In tiefer Bestürzung erkennt er heute, was er dort sieht: Auf der Erde den Himmel, im Himmel die Erde; in Gott den Menschen, im Menschen Gott und, in den Leib eines Säuglings gehüllt, ihn, den die ganze Welt nicht zu fassen vermag.«
Warum hat Gott dies getan? Warum hat er seine Allgegenwart und Ewigkeit in seinem Sohn verlassen und die Zeitlichkeit und räumliche Begrenztheit dieser Welt angenommen? Die Menschen hatten sich doch von ihm abgewandt, sie waren ihm ungehorsam und haben aus eigener Schuld das Paradies verloren. Hier wird etwas von der großen Liebe Gottes zu uns deutlich. Menschlich gesehen hätte er wirklich Grund gehabt, sich von der Welt abzuwenden, sie gleichsam ihrem eigenen Schicksal zu überlassen. Doch er will sie heilen, er will die Welt mit sich versöhnen, und er tut dies nicht über den Kopf des Menschen hinweg, sondern durch ihn und mit ihm. So dient dem Gottmenschen Jesus Christus seine menschliche Natur »als lebendiges, ihm unlöslich geeintes Heilsorgan«1, wie das 2. Vatikanische Konzil sagt. Seine menschliche Liebe und Hingabe ist der Weg zur Versöhnung mit Gott. So ist in ihm und durch ihn die menschlich unüberwindbare Kluft zwischen Gott und den Menschen überwunden. Himmel und Erde sind keine unversöhnlichen Gegensätze. »Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden …«, beten wir im »Vaterunser«. Christus ist in die Welt gekommen, damit es auf Erden ein wenig so wird wie im Himmel. Gott wird Mensch, damit der Mensch wie Gott werden kann, wagen sogar die Kirchenväter zu sagen.

Die Kirche, der fortlebende Christus
Das Geheimnis der Menschwerdung findet in der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu nicht sein Ende. Christus hat die Kirche gegründet, um den Menschen nahe zu sein. Er hat sich ihr hinterlassen, damit sie sein Heilswerk fortsetze. In der Kirche und durch sie soll Christus den Menschen aller Generationen und Völker berührbar werden, ja mehr noch, durch sie soll sein Heilswerk fortgesetzt werden. »Die Wahrheit wird euch befreien« (Joh 8,32), sagt der Herr. Es ist die Sendung der Kirche, diese Wahrheit – die keine Sache, sondern eine Person: Jesus Christus selbst ist – zu verkünden und damit den Menschen den Weg zu Freiheit und Erfüllung zu zeigen. »Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage, bis zum Ende der Welt.« (Mt 28,19–20). So lautet der Arbeitsauftrag des Herrn an seine Jünger vor der Himmelfahrt.
Christus und Kirche gehören zusammen. Paulus vergleicht sie mit einem Leib, indem er sagt: »Ihr aber seid der Leib Christi« (1 Kor 12,27). Ohne Christus wäre die Kirche buchstäblich kopflos, und ohne die Kirche wäre Christus gleichsam »ohne Hand und Fuß«. In der Kirche setzt sich das Geheimnis der Menschwerdung Gottes fort. »Deshalb ist sie (die Kirche) in einer nicht unbedeutenden Analogie dem Mysterium des Fleisch gewordenen Wortes ähnlich. Wie nämlich die angenommene Menschennatur dem göttlichen Wort als lebendiges, ihm unlöslich geeintes Heilsorgan dient, so dient auf eine ganz ähnliche Weise das gesellschaftliche Gefüge der Kirche dem Geist Christi, der es belebt zum Wachstum seines Leibes (vgl. Eph 4,16)«2, sagt das 2. Vatikanische Konzil: In der Kirche sind göttliche und menschliche Elemente untrennbar verbunden. Ja, die menschlich sichtbare, materielle Seite der Kirche dient der göttlich unsichtbaren, geistlichen Seite als »Heilsorgan«. Deutlich wird dies besonders in den Sakramenten. In der Taufe geschieht beispielsweise durch das Übergießen mit Wasser verbunden mit den Worten: »Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes« tatsächlich etwas: Der Täufling wird wirklich durch dieses materielle Zeichen von der Erbschuld befreit, zum Kind Gottes und Glied der Kirche. Was für die einzelnen Sakramente gilt, gilt auch für die Kirche als ganze, aus der die Sakramente hervorgehen, so daß das 2. Vatikanische Konzil auch die Kirche selbst »Sakrament« nennt: »Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, d.h. Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit.«3
Vor diesem Hintergrund ist die Analogie zwischen der Menschwerdung Gottes und der Wirklichkeit der Kirche nicht nur Gabe, sondern auch Aufgabe. Wenn der Herr in seiner Kirche weiterlebt, dann muß das christologische Gleichgewicht, seine Balance: wahrer Gott und wahrer Mensch, in ihr durchgehalten werden. Wer nicht mehr weiß, daß Christus der Sohn des lebendiges Gottes ist, kann auch unsere Kirche nicht mehr verstehen. Vielleicht ist die sogenannte Kirchenkrise heute im Tiefsten eine Christuskrise. Dieser innere Zusammenhang von Christologie und Ekklesiologie, von der Lehre von Jesus Christus und der Kirche, ist von grundlegender Bedeutung. Wird alles, was unsere Kirche tut und ist, noch vom Christusleben, d.h. vom Gebet durchpulst oder ist es bereits abgestorben, ist es holzig, hohl und versteinert geworden? Wenn die Kirche permanent ihr inneres Glaubenskonto überzieht und sich hineindehnt in Aufgaben, die von ihrem Christusglauben nicht mehr abgedeckt und getragen werden, dann degeneriert sie zu einer bloß humanitären Gesellschaft. Es gilt, diese Gefahr zu sehen, sich einer ehrlichen Gewissenserforschung zu unterziehen und zu wirklicher Umkehr bereit zu sein. Vielleicht ist in unseren Tagen die Versuchung besonders groß, das christologische Gleichgewicht zugunsten des »wahrer Mensch« aufzugeben und sich im Horizontalen zu verlieren. Eine Flucht vor der Welt mit ihren Nöten und Aufgaben auf eine »Insel der Seligen«, falls es sie gäbe, würde dagegen das christologische Gleichgewicht zugunsten des »wahrer Gott« aufgeben. Auch das widerspräche dem Evangelium und der Sendung der Kirche.

Die Sendung der Christen im Alltag
Es ist die Sendung der Kirche als Ganze wie auch jedes ihrer Glieder, dieses Gleichgewicht von wahrer Gott und wahrer Mensch zu leben. Es wäre ein großes Mißverständnis, würde man diese gemeinsame Sendung aller Glieder der Kirche gleichsam separieren. Das Gebet, die geistliche Wirklichkeit, die Spiritualität, die vertikale Dimension sei demnach den Bischöfen, Priestern und Ordensleuten zugeordnet, während die weltlich-menschlich, humanitäre und horizontale Dimension den Laienchristen überlassen bliebe. Sicher gibt es unterschiedliche Akzente. Ein Benediktinerpater wird in anderer Weise beten als eine Mutter und Ehefrau. Dennoch sind alle Glieder der Kirche zur gleichen Heiligkeit berufen, und allen ist die Sendung »ad gentes« gemeinsam. Diese alte Wahrheit neu betont zu haben, gehört zu den größten – bisweilen immer noch ungehobenen – Schätzen des 2. Vatikanischen Konzils. Wörtlich sagt es: »Daher sind in der Kirche alle, mögen sie zur Hierarchie gehören oder von ihr geleitet werden, zur Heiligkeit berufen gemäß dem Apostelwort: ›Das ist der Wille Gottes, eurer Heiligung‹ (1 Thess 4,3; vgl. Eph 1,4).«4 Und im Hinblick auf die besondere Berufung der Laienchristen sagt es: »Sie (die Laien) bestellt er (Christus) deshalb zu Zeugen und rüstet sie mit dem Glaubenssinn und der Gnade des Wortes aus (vgl. Apg 2,17–18; Offb 19,10), damit die Kraft des Evangeliums im alltäglichen Familien- und Gesellschaftsleben aufleuchte. Sie zeigen sich als Söhne der Verheißung, wenn sie stark in Glauben und Hoffnung den gegenwärtigen Augenblick auskaufen (vgl. Eph 5,16; Kol 4,5) und die künftige Herrlichkeit in Geduld erwarten (vgl. Röm 8,25).«5 Hier nun kommen wir an den Ort des Opus Dei, das besonders den Laienchristen eine Hilfe sein will, ihre Berufung zu entdecken und zu leben.

Das besondere Charisma des Opus Dei nach seinem Gründer, dem seligen Josemaría Escrivá
Lange vor Beginn des 2. Vatikanischen Konzils gründete der Priester Josemaría Escrivá am 2. Oktober 1928 in Spanien das Opus Dei. Die Heiligkeit des Laien, die Heiligung seines Lebens und Arbeitens ist der besondere Akzent des Opus Dei. Escrivá sieht die Gefahr, das christologische Gleichgewicht zu verlieren, es zugunsten des »wahrer Gott« oder des »wahrer Mensch« aufzulösen. Er weiß, daß nur beides zusammen geht, wenn wir dem Evangelium treu bleiben wollen. Die Welt ist das Betätigungsfeld der Christen. Sie ist der Ort des Zeugnisses für Christus, da gerade die Alltäglichkeit der Welt zum Ort der Begegnung mit Gott werden kann und soll. »Christus ist Gott, der Mensch geworden ist, vollkommener Mensch, Mensch durch und durch. Und gerade im Menschlichen läßt er uns das Christliche erkennen«6, sagt er in einer seiner Homilien. Immer wieder betont er den Ruf zur Heiligkeit, der an alle Christen ergeht und der untrennbar verknüpft ist mit der Sendung, die Welt zu heiligen und mit Christus in Berührung zu bringen. »Wichtig ist nur, daß in uns diese Gewißheit gleichsam eingebrannt ist: Die Auffordung zur Heiligkeit, die Christus an alle Menschen ohne Ausnahme richtet, verlangt von einem jeden die Sorge um das eigene innere Leben und die tägliche Einübung in die christlichen Tugenden. Der Herr fordert nicht einen durchschnittlichen, überdurchschnittlichen oder außerordentlichen Einsatz, sondern eine Entschlossenheit, die bis zum wirklich Heroischen gehen muß. Das Ziel, das ich euch vor Augen stelle – genauer gesagt, das Gott uns allen vor Augen stellt –, ist kein Phantasiegebilde und kein unerreichbares Ideal. Ich könnte euch von so vielen ganz gewöhnlichen Männern und Frauen, wie ihr und wie ich, erzählen, die sich entschlossen haben, Christus zu folgen und in Liebe das Kreuz eines jeden Tages zu tragen … In unserer Zeit … gewinnt gerade deshalb die einfache, tiefe Erkenntnis, die mich seit Beginn meiner priesterlichen Tätigkeit verzehrt und die ich der ganzen Menschheit weitergeben möchte, immer mehr an Aktualität: Es gibt Weltkrisen, weil es an Heiligen fehlt.«7 Die Heiligen als Therapie für eine kranke Welt, das ist das Ziel, das Escrivá vor Augen hat, und es zu erreichen, dazu möchte das Opus Dei seinen Mitgliedern und Freunden Hilfen an die Hand geben. Bezeichnenderweise trägt das erste Werk Escrivás den Titel »Der Weg«. Er will kein System oder keine Theorie aufstellen. Handfeste Hilfen auf dem Weg zur Heiligkeit zu geben, darin sieht er seine Aufgabe. Immer wieder bringt er diesen Weg zur Heiligkeit mit dem Gottmenschen Jesus Christus in Verbindung, denn Heiligkeit bedeutet ja schließlich nichts anderes, als ihn nachzuahmen, ihm zu folgen.

Der Weg zur Heiligkeit konkret
Alle echten Charismen, die es in der Kirche gibt, sind Geschenke des Heiligen Geistes, die der Kirche helfen, in einer konkreten Zeit mit ihren konkreten Anforderungen ihrer Sendung gerecht zu werden. Über die konkrete Prälatur Opus Dei hinaus hat Escrivá der Kirche durch sein Charisma konkrete Hinweise hinterlassen, wie der Weg zur Heiligkeit konkret beschritten werden kann, wie die Christen in der Welt ihrer Sendung gerecht werden können. Einige Elemente dieses Weges sollen im folgenden Erwähnung finden.

Die Einheit des Lebens
Es gibt eine zweifelhafte christliche Existenz, die in der Versuchung lebt, gleichsam mit zwei Köpfen durch die Welt zu gehen. So gibt es Christen, die im Beruf mit Methoden arbeiten, die sie als Glaubende nicht gelten lassen können, die z. B. in der Schule reden, wie sie als Jünger Jesu nicht sprechen können, die in der Welt ein Verhalten an den Tag legen, wie sie als gläubige Menschen sich nicht verhalten können. Glaube und Leben fallen hier auseinander. Das führt gleichsam zu einer Schizophrenie. Nach Heiligkeit zu streben bedeutet hingegen, um die Deckung von Glauben und Leben zu kämpfen.
Scharf wendet sich Escrivá gegen jede Form einer inneren Schizophrenie: »Nein! Es darf kein Doppelleben geben. Wenn wir Christen sein wollen, können wir diese Art von Bewußtseinsspaltung nicht mitmachen; denn es gibt nur ein einziges Leben, welches aus Fleisch und Geist besteht, und dieses einzige Leben muß an Leib und Seele geheiligt und von Gott erfüllt werden, dem unsichtbaren Gott, dem wir in ganz sichtbaren und materiellen Dingen begegnen.«8 Christus will unser ganzes Leben. In einem Gedicht, das mir bei meiner Primiz von einem Kind aufgesagt worden ist, heißt es: »Willst du ein Leben dunkel und kalt, so werde ein Priester und werde es halb. Willst du ein Leben voller Licht und Glanz, dann sei ein Priester und sei es ganz.« Was hier auf den Priester hin gesagt wird, können wir auf alle Christen übertragen. »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken« (Mt 22,37), sagt der Herr. Es geht darum, alle Fasern des Lebens mit dem Glauben zu durchdringen. Der christliche Glaube will mit unserem Leben identisch sein, so wie Gott und Mensch in Christus eins sind. Es soll keinen Unterschied geben zwischen dem Glauben und dem Leben, das er erfüllt. Es dürfte kein Rest zurückbleiben, der nur Glaube geblieben und nicht Leben geworden ist.

Die Würde des Alltags
Den Hiatus zwischen Glauben und Leben zu überwinden, so daß das Leben ein Ganzes ist, das von Glaube, Hoffnung und Liebe durchdrungen ist, geht nur, wenn es uns gelingt, den sogenannten grauen Alltag wirklich positiv zu sehen. Der selige Josemaría Escrivá lenkt auch hier zunächst seinen Blick auf Jesus Christus: »Indem Jesus wie einer von uns aufwächst und lebt, offenbart er uns, daß das menschliche Dasein, das gewöhnliche und alltägliche Tun einen göttlichen Sinn hat. So oft wir diese Wahrheit auch betrachtet haben mögen, immer wieder sollte uns der Gedanke an die 30 Jahre seines verborgenen Lebens in Staunen versetzen, jene 30 Jahre, die den größten Teil seines Wandels unter uns Menschen, seinen Brüdern, ausmachen.«9 Und an anderer Stelle sagt er: »Entweder lernen wir, den Herrn in unserem alltäglichen Leben zu entdecken, oder wir werden ihn niemals finden. Es tut unserer Zeit not, der Materie und den ganz gewöhnlich erscheinenden Situationen ihren edlen, ursprünglichen Sinn zurückzugeben, sie in den Dienst des Reiches Gottes zu stellen und sie dadurch, daß sie zum Mittel und zur Gelegenheit unserer ständigen Begegnung mit Jesus Christus werden, zu vergeistigen.«10
Es geht also nicht darum, außergewöhnliche Dinge zu tun, sondern die alltäglichen Dinge außergewöhnlich gut zu vollbringen und sie so zum Ort der Gottes- und Nächstenliebe werden zu lassen. Indem die alltäglichen Dinge dann einen übernatürlichen Sinn erhalten, werden sie selbst zum Gebet. Mir ist dieser Zusammenhang einmal deutlich geworden bei einem Gespräch mit Mutter Teresa. Die Schwestern der Mutter Teresa halten jeden Morgen vor ihrer Arbeit eine Stunde eucharistische Anbetung. Mutter Teresa wurde einmal gefragt, warum denn dies nötig sei, da die Schwestern doch auch ohne dies schon so viel zu tun hätten. Sie antwortete darauf: »Am Morgen beten wir unsere Arbeit, und am Tag arbeiten wir unser Gebet.« Hier ist der Graben zwischen Glauben und Leben überwunden. Danach zu streben, gehört zu den Pflichten eines jeden christlichen Lebens, wenn es mit seiner Berufung ernst meint.

Die heilige Messe – Mitte und Wurzel im geistlichen Leben des Christen
Wachstum in der Heiligkeit und entschiedenes Zeugnis zu geben, ist nicht zunächst Frucht menschlichen Bemühens und »Trainierens«, sondern Geschenk der Gnade Gottes. Die Sakramente – und hier an erster Stelle die heilige Eucharistie – sind Quellen der Gnade, von der wir im Alltag leben. »Die heilige Messe führt uns so zu den grundlegenden Geheimnissen des Glaubens, denn sie ist das Geschenk der Dreifaltigkeit an die Kirche. Daher leuchtet es ein, daß sie Mitte und Wurzel im geistlichen Leben des Christen ist. Auf sie sind alle Sakramente hingeordnet.«11 In alten Sakristeien sieht man manchmal über dem Ankleidetisch das lateinische Wort: »Sicut prima, sicut ultima, sicut unica«, d.h. feiere diese heilige Messe so, als sei sie deine erste, deine letzte und deine einzige. Dieses Wort soll den Zelebranten mahnen, bei der Zelebration nicht in Routine zu verfallen, sondern das einzigartige Geschenk der Eucharistie tagtäglich mit Ergriffenheit neu zu erfassen. Was hier auf den Priester hin gesagt ist, gilt für alle Gläubigen. Ehrfürchtige Freude sollte jeden erfüllen.
Auch diesen Gedanken versucht der selige Josemaría uns ans Herz zu legen, wenn er in einer seiner Homilien sagt: »In der heiligen Messe, in dieser heiligen Messe, die wir jetzt feiern, wirkt – ich wiederhole es – die heiligste Dreifaltigkeit auf eine besondere Weise. Nur mit voller Hingabe des Leibes und der Seele können wir eine solche Liebe erwidern: Wir hören Gott, wir sprechen mit ihm, wir sehen ihn, wir verkosten ihn. Und wenn Worte nicht ausreichen, dann singen wir und lassen vor allen Menschen unsere Zunge – pange lingua! – die Großtaten des Herrn preisen. Die heilige Messe feiern heißt, ununterbrochen im Gebet verharren; denn sie ist für jeden einzelnen von uns eine persönliche Begegnung mit Gott: Wir beten ihn an, wir loben ihn, wir flehen zu ihm, wir sagen ihm Dank, wir sühnen für unsere Sünden, wir läutern uns, wir wissen uns in Christus mit allen Christen vereint.«12

Die Beichte – Heimkehr zum Vater
Es gehört zur Realität des eigenen Lebens einzusehen, daß wir auf unserem Weg zu Gott immer wieder stolpern und eines Neuanfangs bedürfen. Das kostbarste Geschenk dafür ist das Bußsakrament. Beichte ist persönliche und unmittelbare Zuwendung der Erlösung an den einzelnen. In der Absolution der Beichte läßt uns Gott persönlich sagen, daß er uns liebt und daß er uns zu vergeben wünscht. Er freut sich noch mehr darüber, uns freizusprechen als wir wünschen, freigesprochen zu werden. Jede Beichte ist der Spiegel und die Verkündigung der letzten Heimkehr, die sich an unserem Todestag vollendet. Die Beichte ist das Bild und die Vorbereitung des Empfanges, den uns der Vater im Himmel dann bereitet. Sie ist ein Bild der weit geöffneten Arme des Vaters, der am Straßenrand den verlorenen Sohn oder die verlorene Tochter erwartet. Beichten gehen heißt daher: Hingehen, Gottes Liebe empfangen und aus dieser Liebe heraus die eigene Liebe zu Gott und den Menschen wieder herzlicher gestalten. Das Bußsakrament empfangen bedeutet, sich erneut sagen zu lassen, daß Gott uns liebt, und anfangen, daran zu glauben und mein Leben danach auszurichten.
Escrivá sieht die Notwendigkeit des Bußsakramentes für das geistliche Leben und empfiehlt daher, es häufig zu empfangen. »Betrachte, wie Gottes Gerechtigkeit von Erbarmen überfließt. Bei menschlichen Gerichten bestraft man den geständigen Täter, beim göttlichen Gericht wird ihm verziehen. Gepriesen sei daher das Sakrament der Buße«, sagt er.13

Die Liebe zur Kirche
Die Kirche Jesu Christi ist eine aus Bischöfen, Priestern und Laien. Sie zu führen hat der Herr dem Petrus aufgetragen. In unserer gegenwärtigen Zeit gibt es Tendenzen, Gegensätze zwischen dem Amt auf der einen Seite und den Laien auf der anderen Seite aufzubauen. Weisungen des Papstes – so glaubt man bisweilen – gelten nur für Bischöfe und Priester, während die Laien eine eigene »Autonomie« besäßen. Der selige Josemaría Escrivá sieht diese Gefahr, wenn er schreibt: »Du hast recht: Es gibt Katholiken, die praktizieren und fromm sind in den Augen der Leute und vielleicht auch wirklich ehrlich – aber sie stellen sich naiv in den Dienst der Kirchenfeinde … Unter so verschiedenen und von ihnen mißverstandenen Begriffen wie etwa ›Ökumenismus‹, ›Pluralismus‹ oder ›Demokratie‹ hat sich in ihr eigenes Zuhause der ärgste Feind eingeschlichen: die ›Unwissenheit‹.«14 Demgegenüber mahnt er: »Liebe und verehre den Heiligen Vater, bete und bringe Opfer für ihn! Deine Liebe zu ihm soll mit jedem Tag wachsen! Er ist das Felsenfundament der Kirche. In ihm dauert der Dienst der Heiligung und der Leitung der Kirche, den Jesus dem Apostel Petrus anvertraute, durch die Jahrhunderte bis zum Ende der Zeiten fort.«15
Und weiter schreibt er: »Betrachte täglich im Gebet die schwere Last, die der Papst und die Bischöfe auf ihren Schultern tragen. Das wird dir ein Ansporn sein, sie zu ehren, in echter Anteilnahme zu lieben und mit deinem Gebet zu unterstützen.«16

Die Gottesmutter Maria …
Maria ist das Gedächtnis der Kirche. Im Evangelium heißt es: »Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen« (Lk 2,51). Sie erinnert uns an ihren Sohn und das, was er uns gelehrt hat. Gleichzeitig mahnt und hilft sie uns, ihm zu folgen: »Was er euch sagt, das tut.« (Joh 2,5). Daher ist Maria der kürzeste Weg zu Christus. Sie zu lieben und zu verehren ist der beste Garant dafür, auf Kurs zu bleiben und auf dem Weg zu Gott voranzuschreiten.
An vielen Stellen weist Josemaría Escrivá darauf hin. Fast jede seiner Homilien beendet er mit einem Bezug zur Gottesmutter. »Wenn wir mit Maria gleichförmig werden und ihre Tugenden nachahmen, werden wir dazu beitragen, daß Christus durch die Gnade in die Seele vieler Menschen hinein geboren wird, die dann durch das Wirken des Heiligen Geistes mit ihm eins sein werden. Die Ausrichtung an Maria läßt uns irgendwie an ihrer geistigen Mutterschaft Anteil haben; und dies geschieht, wie bei ihr selbst, ganz im Stillen, unbemerkt und ohne viele Worte, durch das Zeugnis eines bedingungslos konsequenten christlichen Verhaltens und durch die großzügige Erneuerung eines fiats – es geschehe! –, das die Verbundenheit mit Gott ständig aufrecht erhält«, sagt er in einer seiner Homilien.17
Gott ist Mensch geworden um die Menschen zu vergöttlichen, ja, das Menschliche wird zum Ort der Begegnung mit dem Göttlichen. Dieses inkarnatorische Prinzip prägt die Kirche und die Berufung des Christen zur Heiligkeit. Der selige Josemaría Escrivá hat durch sein Charisma die besondere Berufung der Laienchristen hervorgehoben und Wege gezeigt, wie diese zu verwirklichen ist. Diese Wege zur Heiligkeit sind meist nicht neu, doch sind sie sicherlich hier und da in Vergessenheit geraten. Mehr denn je ist es unverzichtbar, daß die Laienchristen ihre spezielle Berufung entdecken und Christus in der Welt durch ihr Leben und Glauben berührbar machen. Der selige Josemaría Escrivá, der Gründer des Opus Dei, ist uns hier sicher ein guter Fürsprecher.


Anmerkungen
1. 2. Vatikanisches Konzil, Lumen gentium, 8.
2. Ebd., 8.
3. Ebd., 1.
4. Ebd., 39.
5. Ebd., 35.
6. Christus begegnen, 109.
7. Freunde Gottes, 4.
8. Gespräche, 114.
9. Christus begegnen, 14.
10. Gespräche, 114.
11. Christus begegnen, 87.
12. Ebd.
13. Der Weg, 309.
14. Die Spur des Sämanns, 359.
15. Im Feuer der Schmiede, 134.
16. Ebd., 136.
17. Freunde Gottes, 281.

Artikel aus dem Buch "Josemaría Escrivá - Profile einer Gründergestalt" (Hrsg. Prof César Ortiz), Adamas Verlag, Köln 2002