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Fragen und Antworten zum Glauben

14 Fragen zum Thema Familie

Stichwörter: Glaube, Kinder, Freiheit, Familie, Berufung
Was ist die Familie? Wie kann man ein guter Vater, eine gute Mutter sein? Welche Rolle spielt die Familie bei der Erziehung der Kinder? Wie soll man Autorität und Freiheit vereinbaren? Wie zeigt sich gegenseitiges Vertrauen im Alltag?

“Was ist die Familie?” fragt sich Papst Franziskus und gibt sich auch gleich die Antwort: “Weit über ihre drängenden Probleme und Bedürfnisse hinaus ist die Familie ein 'Zentrum der Liebe', wo das Gesetz der gegenseitigen Achtung und der Gemeinschaft herrscht, das befähigt, den Manipulierungsversuchen und der Herrschaft der weltlichen 'Zentren der Macht' zu widerstehen.

Im Zuhause der Familie integriert sich der Mensch natürlich und harmonisch in eine Gruppe und überwindet so die falsche Opposition von Individuum und Gesellschaft. Im Schoß der Familie wird niemand ausgeschlossen, alle finden herzliche Aufnahme, der alte Mensch ebenso wie das Kleinkind. Die Kultur der Begegnung und des Dialogs, die Offenheit für Solidarität und Transzendenz hat hier ihre Wurzeln.

Daher ist die Familie ein ‘gesellschaftlicher Reichtum’. Unter diesem Aspekt möchte ich zwei vornehmliche Beiträge nennen: die Stabilität und die Fruchtbarkeit.”


Im Folgenden finden Sie 14 Antworten der Seite des hl. Josefmaria auf
Fragen zur gelebten Liebe in der Familie, zu den familiären Konflikten, zur Beziehung zwischen Eltern und Kindern, zur Erziehung der Kinder und zum Glaubensleben in der Familie.

1- Wie gestaltet man ein liebevolles Familienleben?

2- Wie kann mann ein guter Vater, eine gute Mutter sein?

3- Die Atmosphäre der unmittelbaren Umgebung übt einen Einfluss auf die Erziehung der Kinder und ihr Verständnis der Ereignisse aus. Welche Rolle spielt die Familie bei der Erziehung der Kinder?

4- Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es für den Zeitmangel, der heutzutage allgemein herrscht, so dass sich die Eltern nicht ihren Kindern und der Familie widmen können? Für die berufstätige Mutter stellt die Hausarbeit häufig eine zusätzliche Belastung dar; und falls sie zu Hause bleibt, um sich ganz der Familie zu widmen, fühlt sie sich in ihren Möglichkeiten eingeschränkt. Was würden Sie den Menschen sagen, die diese Widersprüche empfinden? Wie lassen sich Beruf und Familie vereinbaren?

5- In der Praxis ist Erziehung keine einfache Angelegenheit. Können Sie uns wichtige Tips für die Erziehung der Kinder geben?

6- Wie kann man Autorität und Freiheit vereinbaren?

7- Können Sie noch konkreter über die Bedeutung des Vertrauens und des Verständnisses zwischen Eltern und Kindern sprechen? Wie zeigt sich gegenseitiges Vertrauen im Alltag?

8- Kann man die bei einigen Eltern anzutreffende Haltung rechtfertigen, den Kindern die Berufs- oder Partnerwahl oder eine bestimmte Lebensform vorzuschreiben? Häufig widersetzen sie sich zudem denen, die einem göttlichen Ruf folgen, um sich für den Dienst an den Mitmenschen zur Verfügung zu stellen. Wäre es nicht besser, ihnen Freiheit zu gewähren, damit sie zu einer reifen persönlichen Entscheidung finden?

9- Es ist sicher der Wunsch aller, eine stabile und friedliche Familie zu haben. Aber im alltäglichen Zusammenleben der Eheleute und der Familie gibt es nun einmal Reibungspunkte oder auch großen Ärger, mehr oder weniger objektive Schwierigkeiten, und häufig unterschiedliche Ansichten und Perspektiven von Eltern und Kindern. Wie werden solche Situationen und Konflikte in der Familie überwunden?

10- Was soll man tun, wenn ein Kind die Eltern mit seinem Wunsch nach einer vollständigen Hingabe an Gott konfrontiert?

11- Wir haben über die Rolle der Eltern gesprochen. Aber was sollten die Kinder für die Familie tun?

12- Wie zeigt sich der Glaube innerhalb der Familie, welche Äußerungsformen soll er haben?

13- Ist das Gebet in der Familie wichtig?

14- Ist es angebracht, gemeinsam in der Familie zu beten?


1. Wie gestaltet man ein liebevolles Familienleben?
Ich wünsche mir die Häuser von Menschen, die Christen sind, so hell und freundlich wie das Haus der heiligen Familie. Jedes christliche Haus müßte ein Haus des Friedens sein, in dem, über die alltäglichen kleinen Unstimmigkeiten hinweg, jene tiefe und aufrichtige Sorge füreinander und jene heitere Gelassenheit spürbar werden, die aus einem tief gelebten Glauben kommen.

Die Eheleute sind dazu berufen, ihre Ehe und dadurch sich selbst zu heiligen; deshalb wäre es falsch, wenn sie ihr geistliches Leben abseits und am Rande ihres häuslichen Lebens führten. Das Familienleben, der eheliche Umgang, die Sorge um die Kinder und ihre Erziehung, das Bemühen um den Unterhalt der Familie und ihre finanzielle Besserstellung, die gesellschaftlichen Kontakte zu anderen Menschen, dies alles - so menschlich und alltäglich - ist gerade das, was die christlichen Eheleute zur Ebene des Übernatürlichen erheben sollen.

Glaube und Hoffnung müssen sich in der Gelassenheit zeigen, mit der die Eheleute ihre großen und kleinen Sorgen, die es überall gibt, bewältigen, im freudigen Ausharren in der Erfüllung der eigenen Pflichten. So wird alles, von Liebe getragen, dazu führen, Freud und Leid zu teilen, die eigenen Sorgen zu vergessen, um für die anderen da zu sein, dem Ehepartner oder den Kindern zuzuhören und ihnen so zu zeigen, daß man sie wirklich liebt und weiß, über kleinere Klippen hinwegzugehen, die der Egoismus in Berge verwandeln könnte, daß man eine große Liebe in die kleinen Dinge hineinlegt, aus denen das tägliche Miteinander besteht.

Tag für Tag das Zuhause zu heiligen und in feinfühliger Liebe eine durch und durch familiäre Atmosphäre zu schaffen: darum geht es. Diese Heiligung eines jeden Tages erfordert viele christliche Tugenden. Da sind zuerst die theologischen Tugenden und dann all die übrigen: die Klugheit, die Treue, die Ehrlichkeit, die Einfachheit, die Arbeitsamkeit, die Freude...

Das Geheimnis, glücklich zu werden? - Verschenke dich an die anderen, diene ihnen - ohne Dank zu erwarten!

2. Wie kann man ein guter Vater, eine gute Mutter sein?
Müßte ich den Eltern einen Rat geben, würde ich ihnen vor allem dies sagen: Laßt eure Kinder sehen - sie sehen es ohnehin von klein auf und bilden sich ihr Urteil darüber, macht euch da keine Illusionen -, daß ihr euch bemüht, im Einklang mit eurem Glauben zu leben; daß Gott nicht nur auf euren Lippen, sondern auch in euren Werken ist, daß ihr euch bemüht, aufrichtig und loyal zu sein, daß ihr euch und sie wirklich gern habt.

Die Eltern erziehen in erster Linie durch ihr persönliches Verhalten. Der Schlüssel liegt im gegenseitigen Vertrauen.
Die Eltern erziehen in erster Linie durch ihr persönliches Verhalten. Die Söhne und Töchter erwarten von ihren Eltern wesentlich mehr als nur eine Erweiterung ihres noch beschränkten Wissens oder einige mehr oder weniger gute Ratschläge. Sie suchen in ihnen das Zeugnis für den Wert und den Sinn des Lebens, das sich greifbar vor ihren Augen verwirklicht und, auf die Dauer gesehen, in allen Situationen des Lebens gültig bleibt.

Für mich gibt es kein besseres Beispiel für solch reale Verbindung von Gerechtigkeit und Liebe als das Verhalten einer Mutter. Mit der gleichen Liebe liebt sie alle ihre Kinder, und gerade dies drängt sie zu einer unterschiedlichen Behandlung, zu einer ungleichen Gerechtigkeit, weil eben die Kinder untereinander verschieden sind.

So tragt ihr am besten dazu bei, aus ihnen wirkliche Christen zu machen, rechtschaffene Männer und Frauen, die fähig sind, mit Aufgeschlossenheit die Situationen zu meistern, vor die sie das Leben stellt, ihren Mitmenschen zu dienen und an ihrem Ort in der Gesellschaft ihren Beitrag zur Lösung der drängenden Menschheitsprobleme zu leisten.

3. Die Atmosphäre der unmittelbaren Umgebung übt einen Einfluss auf die Erziehung der Kinder und ihr Verständnis der Ereignisse aus. Welche Rolle spielt die Familie bei der Erziehung der Kinder?
Die Eltern sind sowohl im Menschlichen als auch im Übernatürlichen die Haupterzieher ihrer Kinder und müssen die Verantwortung dieser Aufgabe spüren. Sie fordert von ihnen Verständnis, Klugheit, die Fähigkeit zu lehren und vor allem die Fähigkeit zu lieben, sowie das Bestreben, ein gutes Beispiel zu geben.

Autoritärer Zwang ist kein guter Weg in der Erziehung. Das Ideal für die Eltern liegt vielmehr darin, Freunde ihrer Kinder zu werden, Freunde, denen sie ihre Sorgen anvertrauen, mit denen sie ihre Probleme besprechen und von denen sie eine wirksame und wohltuende Hilfe erwarten können.

Vater und Mutterschaft enden nicht mit der Geburt: Diese Teilnahme an der Macht Gottes - die Fähigkeit zu zeugen - muß sich im Mitwirken mit dem Heiligen Geist fortsetzen und darin gipfeln, echt christliche Männer und Frauen heranzubilden.

4. Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es für den Zeitmangel, der heutzutage allgemein herrscht, so dass sich die Eltern nicht ihren Kindern und der Familie widmen können? Für die berufstätige Mutter stellt die Hausarbeit häufig eine zusätzliche Belastung dar; und falls sie zu Hause bleibt, um sich ganz der Familie zu widmen, fühlt sie sich in ihren Möglichkeiten eingeschränkt. Was würden Sie den Menschen sagen, die diese Widersprüche empfinden? Wie lassen sich Beruf und Familie vereinbaren?
Das Problem, das Sie im Hinblick auf die Frau aufwerfen, ist nicht auf sie allein beschränkt. Auch die Männer machen, wiewohl mit anderen Merkmalen, häufig die gleiche Erfahrung.

Auf jeden Fall muß man auch kleine Hilfsmittel anwenden, die vielleicht banal erscheinen, es aber keineswegs sind. Wenn vielerlei zu tun ist, ergibt sich die dringende Notwendigkeit zu planen und eine Ordnung festzulegen.

Es ist notwendig, daß sich die Eltern Zeit nehmen, um mit ihren Kindern zusammen zu sein und mit ihnen zu sprechen. Die Kinder sind das Wichtigste: wichtiger als das Geschäft, die Arbeit, die Erholung.

Bei diesen Gesprächen ist es gut, ihnen aufmerksam zuzuhören, sie verstehen zu wollen, das Stück Wahrheit - oder die ganze Wahrheit - anzuerkennen, das in ihrem Aufbegehren enthalten ist. Gleichzeitig sollten sie ihnen helfen, sie in ihrem Streben und in ihren Hoffnungen zu leiten, und ihnen beibringen, die Dinge zu erwägen und zu bedenken; sie sollten ihnen keine Verhaltensweise aufzwingen, sondern ihnen die übernatürlichen und menschlichen Motive für eine bestimmte Verhaltensweise aufdecken. Mit einem Wort: sie sollten ihre Freiheit achten, da es keine wirkliche Erziehung ohne persönliche Verantwortung, noch Verantwortung ohne Freiheit gibt.


5. In der Praxis ist Erziehung keine einfache Angelegenheit. Können Sie uns wichtige Tips für die Erziehung der Kinder geben?
Hört euren Kindern gut zu und widmet ihnen auch eure Zeit. Vertraut ihnen, glaubt ihnen, was sie euch sagen, auch wenn sie euch manchmal hintergehen; erschreckt nicht über ihr Aufbegehren, denn auch ihr wart in ihrem Alter mehr oder weniger rebellisch. Kommt ihnen auf halbem Wege entgegen und betet für sie; wenn ihr christlich handelt, könnt ihr euch darauf verlassen. daß eure Kinder sich mit ihrer natürlichen Neugierde an die Eltern und nicht an einen herzlosen und brutalen »Freund« wenden.

Sie werden euer Vertrauen und euer freundschaftliches Verhalten mit Aufrichtigkeit erwidern. Und das ist der Frieden in der Familie, das ist das christliche Leben, auch wenn kleine Streitereien und Mißverständnisse nicht ausbleiben werden.


6.Wie soll man Autorität und Freiheit vereinbaren?
Ich rate den Eltern immer, sich die Freundschaft ihrer Kinder zu gewinnen. Die für die Erziehung notwendige elterliche Autorität ist durchaus vereinbar mit einer echten Freundschaft, die verlangt, daß man sich auch mit den Kindern auf eine Ebene zu stellen vermag.

Die Eltern können und sollten ihren Kindern eine wertvolle Hilfe leisten. Sie können ihnen neue Perspektiven auftun.
Auch wenn sie scheinbar noch so rebellisch und eigenwillig sind, sehnen sich die Kinder im Grunde immer nach einem offenen, brüderlichen Verhältnis zu ihren Eltern. Der Schlüssel dazu liegt im gegenseitigen Vertrauen. Es setzt voraus, daß die Eltern ihre Kinder in einem Klima der Offenheit zu erziehen wissen und ihnen gegenüber niemals den Eindruck des Mißtrauens erwecken, daß sie den Kindern Freiheit lassen und sie lehren, ihre Freiheit eigenverantwortlich zu gebrauchen.

Es ist besser, die Eltern lassen sich einmal hintergehen, als daß sie Mißtrauen zeigen. Die Kinder gestehen sich selbst beschämt ein, das Vertrauen ihrer Eltern mißbraucht zu haben, und bessern ihr Verhalten. Läßt man ihnen dagegen keine Freiheit, und spüren sie, daß man ihnen mißtraut, bedeutet das für sie einen ständigen Anreiz zur Unaufrichtigkeit.

Darüber hinaus ist der liebevolle Umgang miteinander ein gutes Mittel, um in diesen Fragen, in denen keiner behaupten kann, allein die ganze Wahrheit zu besitzen, von den anderen zu lernen, und außerdem können immer auch die anderen, wenn sie wollen, von denen etwas lernen, mit denen sie zusammenleben.

Weder vom christlichen noch vom allgemein menschlichen Standpunkt aus ist es zu verstehen, daß eine Familie sich wegen solcher Meinungsverschiedenheiten entzweit. Wenn man wirklich den hohen Wert der Freiheit ganz begriffen hat und dieses Geschenk Gottes leidenschaftlich liebt, dann liebt man auch den Pluralismus, den die Freiheit mit sich bringt.


7. Können Sie noch konkreter über die Bedeutung des Vertrauens und des Verständnisses zwischen Eltern und Kindern sprechen? Wie zeigt sich gegenseitiges Vertrauen im Alltag?
Diese elterliche Freundschaft, die sich mit den Kindern auf eine Ebene zu stellen weiß und eine vertrauensvolle Aussprache über ihre kleinen Nöte erleichtert, ermöglicht außerdem - und das scheint mir von großer Bedeutung zu sein -, daß es die Eltern selbst sind, die ihren Kindern schrittweise den Ursprung des Lebens erklären, indem sie sich ihrer Mentalität und ihrer Auffassungsgabe anpassen und behutsam dem jeweiligen natürlichen Wissensdrang zuvorkommen. Man muß unbedingt vermeiden, daß die Kinder den Bereich des Geschlechtlichen wie durch einen Schleier der Bosheit gewahren, weil sie in etwas so Edles und Heiliges durch die schmutzige Bemerkung eines Freundes oder einer Freundin eingeführt worden sind. Hier bietet sich den Eltern eine wichtige Möglichkeit, um das freundschaftliche Vertrauensverhältnis zu ihren Kindern zu festigen und eine Entfremdung beim Erwachen des sittlichen Bewußtseins zu verhindern.

Die Eltern müssen versuchen, sich ein jugendliches Herz zu bewahren; dann wird es ihnen leichter fallen, die echten Anliegen, aber auch die Extravaganzen der jungen Leute mit Sympathie aufzunehmen. Das Leben ändert sich, und es gibt viel Neues, das uns vielleicht nicht zusagt. Möglicherweise ist es auch gar nicht besser als das Althergebrachte. Aber das heißt nicht, daß es schlecht ist; es handelt sich einfach um den Ausdruck eines anderen Lebensstils und besitzt keine weiterreichende Bedeutung. Oftmals entstehen Konflikte nur, weil man Kleinigkeiten allzu tragisch nimmt, die sich mit etwas Weitblick und Sinn für Humor leicht hätten überwinden lassen.

8. Kann man die bei einigen Eltern anzutreffende Haltung rechtfertigen, den Kindern die Berufs- oder Partnerwahl oder eine bestimmte Lebensform vorzuschreiben? Häufig widersetzen sie sich zudem denen, die einem göttlichen Ruf folgen, um sich für den Dienst an den Mitmenschen zur Verfügung zu stellen. Wäre es nicht besser, ihnen Freiheit zu gewähren, damit sie zu einer reifen persönlichen Entscheidung finden?
Es versteht sich von selbst, daß die Entscheidungen, die die Ausrichtung des Lebens bestimmen, in letzter Instanz von jedem selbst in völliger Freiheit, ohne Zwang oder Druck irgendwelcher Art gefällt werden müssen.

Das bedeutet nicht, daß im allgemeinen die Hilfe anderer Menschen überflüssig wäre. Gerade weil es sich um entscheidende Schritte handelt, die das ganze Leben prägen und von denen zum großen Teil das spätere Glück abhängt, ist es einsichtig, daß sie Besonnenheit, Verantwortlichkeit und Klugheit erfordern und daß jede Überstürzung vermieden werden sollte. Ein guter Teil der Klugheit besteht aber gerade darin, daß man um Rat zu bitten weiß. Es wäre eine Anmaßung, die man gewöhnlich teuer bezahlt, zu glauben, wir benötigten für unsere Entscheidungen weder die Gnade Gottes noch die aufrichtige Anteilnahme anderer Menschen und besonders unserer Eltern.

Die Eltern können und sollten ihren Kindern hier eine wertvolle Hilfe leisten. Sie können ihnen neue Perspektiven auftun, ihnen ihre Erfahrungen mitteilen, sie zur Besinnung anhalten und ihnen eine sachliche Beurteilung der Dinge vor Augen halten, damit sie sich nicht von einer Augenblicksstimmung fortreißen lassen. Manchmal werden sie mit einem persönlichen Rat helfen, ein anderes Mal indem sie ihre Kinder anregen, sich mit anderen zu beraten: im Gespräch mit einem guten, ehrlichen Freund, mit einem gebildeten, frommen Priester oder mit einem Berufsberater.

Ein solcher Rat hebt die persönliche Freiheit nicht auf; er stellt lediglich Urteilshilfen bereit, die das Feld der Wahlmöglichkeiten erweitern und die Wirkung irrationaler Faktoren bei der Entscheidung vermindern. Nachdem man die Meinung anderer gehört und abgewogen hat, kommt der Augenblick, in dem man sich entscheiden muß, und hier hat niemand das Recht, die Freiheit einzuschränken. Die Eltern müssen sich vor der Versuchung hüten, sich in ihre Kinder hineinzuprojizieren und die eigenen Vorstellungen in ihnen verwirklicht sehen zu wollen; vielmehr müssen sie die Neigungen und Fähigkeiten respektieren, die Gott jedem einzelnen mitgegeben hat. Wenn die Liebe aufrichtig ist, wird das gewöhnlich nicht schwerfallen. Selbst in dem extremen Fall, daß ein Kind eine Entscheidung trifft, die die Eltern aus guten Gründen als verfehlt und vielleicht sogar als höchst unglücklich ansehen, hilft der Zwang nicht. Das einzige, was hilft, ist, dem Kind Verständnis entgegenzubringen und ihm weiterhin zur Seite zu stehen, um die Schwierigkeiten zu überwinden und aus jener unglücklichen Entscheidung zumindest noch das Bestmögliche zu machen.

9. Es ist sicher der Wunsch aller, eine stabile und friedliche Familie zu haben. Aber im alltäglichen Zusammenleben der Eheleute und der Familie gibt es nun einmal Reibungspunkte oder auch großen Ärger, mehr oder weniger objektive Schwierigkeiten, und häufig unterschiedliche Ansichten und Perspektiven von Eltern und Kindern. Wie werden solche Situationen und Konflikte in der Familie überwunden?
Hier gibt es nur eine einzige Antwort: miteinander auskommen, einander verstehen, einander verzeihen.

Seien wir ehrlich, die Einigkeit in der Familie ist der Normalfall. Sicher kommt es zu Reibereien und Auseinandersetzungen, aber das ist selbstverständlich und gibt sogar gewissermaßen unserem Alltag die Würze. Diese Belanglosigkeiten verschwinden mit der Zeit, und übrig bleibt das einzig Dauerhafte: eine echte, ungeheuchelte, aufopferungsvolle Liebe, die dazu führt, sich umeinander zu kümmern, die kleinen Sorgen der anderen zu bemerken und sie auf feinfühlige Art zu lösen. Und gerade weil das alles nichts Außergewöhnliches ist, verstehen die meisten Menschen sehr gut, warum ich - schon seit den zwanziger Jahren - das vierte Gebot »das liebenswerteste Gebot« zu nennen pflege.

Das Problem ist nicht neu, wenn es sich auch heute wegen der überstürzten Entwicklung unserer Gesellschaft häufiger und mit größerer Schärfe stellen mag. Es ist selbstverständlich und durchaus natürlich, daß Jugendliche und Erwachsene die Dinge auf verschiedene Weise sehen; das ist immer so gewesen. Überraschend wäre es, wenn ein Heranwachsender genauso denken würde wie ein erwachsener Mensch. Wir alle haben gegen die Erwachsenen aufbegehrt, als wir begannen, unabhängig zu denken. Und alle haben wir im Laufe der Jahre begriffen, daß unsere Eltern in vielen Fragen, die sie aus ihrer Erfahrung und ihrer Liebe zu uns heraus beurteilten, recht hatten. Deshalb ist es an erster Stelle Sache der Eltern, die ja auch einmal ähnliches erlebt haben, mit Anpassungsfähigkeit und heiterer Gelassenheit das Verständnis füreinander zu erleichtern und mit intelligenter Liebe mögliche Konflikte zu vermeiden.

10. Was soll man tun, wenn ein Kind die Eltern mit seinem Wunsch nach einer vollständigen Hingabe an Gott konfrontiert?
Wenn die Eltern ihre Kinder wirklich lieben und aufrichtig an ihrem Glück interessiert sind, müssen sie, nachdem sie ihre Ratschläge und Gedanken geäußert haben, in der Lage sein, sich taktvoll zurückzuziehen, damit nichts das große Gut der Freiheit beeinträchtigt, das den Menschen zur Liebe Gottes und zu seinem Dienst befähigt. Sie sollten sich vergegenwärtigen, daß Gott selbst unsere Liebe und unseren Dienst nur in Freiheit will und unsere persönlichen Entscheidungen immer respektiert: Er überließ den Menschen der Macht der eigenen Entscheidung (Sir 15,14), heißt es in der Schrift.

Wenn katholische Eltern eine solche Berufung nicht begreifen, so bedeutet dies für mich, daß sie in ihrer Aufgabe, eine christliche Familie zu bilden, gescheitert und sich nicht einmal der Würde bewußt sind, die das Christentum ihrer eigenen ehelichen Berufung verleiht. Die Erfahrung, die ich in dieser Hinsicht im Opus Dei gemacht habe, ist sehr positiv. Ich pflege den Mitgliedern des Werkes zu sagen, daß sie ihre Berufung zu neunzig Prozent ihren Eltern verdanken, denn von ihnen haben sie ihre Erziehung erhalten und von ihnen haben sie gelernt, großherzig zu sein. Ich kann sagen, daß die große Mehrheit, ja praktisch alle Eltern diese Entscheidung ihrer Kinder nicht nur respektieren, sondern sie hochschätzen und bald das Werk als eine Erweiterung der eigenen Familie betrachten. Das bedeutet für mich eine sehr große Freude und ist zugleich eine Bestätigung dafür, daß man, um übernatürlich zu sein, sehr menschlich sein muß.

11. Wir haben über die Rolle der Eltern gesprochen. Aber was sollten die Kinder für die Familie tun?
Die Jugend ist immer fähig gewesen, sich für hohe Ideale, für alles Große und Echte zu begeistern. Man sollte ihr helfen, die schlichte, unter alltäglicher Selbstverständlichkeit verborgene Größe im Leben ihrer Eltern entdecken zu lernen, und ihr - ohne lästig zu fallen - die Augen dafür öffnen, daß das Wohl der Familie ihren Eltern nicht selten heroische Hingabe und Selbstverleugnung abverlangt. Die Kinder müssen auch lernen, die Lage nicht zu dramatisieren und nicht die Unverstandenen zu spielen. Schließlich dürfen sie nicht vergessen, daß sie immer in der Schuld ihrer Eltern stehen werden und daß sie zumindest mit Verehrung und kindlicher, dankbarer Liebe antworten müßten.

12. Wie zeigt sich der Glaube innerhalb der Familie, welche Äußerungsformen soll er haben?
Glaube und Hoffnung müssen sich in der Gelassenheit zeigen, mit der die Eheleute ihre großen und kleinen Sorgen, die es überall gibt, bewältigen, im freudigen Ausharren in der Erfüllung der eigenen Pflichten.

So wird alles, von Liebe getragen, dazu führen, Freud und Leid zu teilen, die eigenen Sorgen zu vergessen, um für die anderen da zu sein, dem Ehepartner oder den Kindern zuzuhören und ihnen so zu zeigen, daß man sie wirklich liebt und weiß, über kleinere Klippen hinwegzugehen, die der Egoismus in Berge verwandeln könnte, daß man eine große Liebe in die kleinen Dinge hineinlegt, aus denen das tägliche Miteinander besteht.

13. Ist das Gebet in der Familie wichtig?
Mir scheint, daß gerade dies der beste Weg ist, um den Kindern eine echt christliche Erziehung mitzugeben. Die Heilige Schrift berichtet uns von den Familien der ersten Christen - Hausgemeinden (1 Kor 16,19) nennt sie der heilige Paulus -, denen das Licht des Evangeliums neuen Auftrieb und neues Leben verlieh.

In jedem christlichen Milieu hat man mit dieser natürlichen und übernatürlichen Einführung in das Leben der Frömmigkeit innerhalb der Familie ausgezeichnete Erfahrungen gemacht. Das Kind lernt, seine erste tiefe Zuneigung Christus zu schenken, es lernt, Gott wie einen Vater und Maria wie eine Mutter zu behandeln; mit einem Wort: es lernt beten, indem es einfach dem Beispiel seiner Eltern folgt. Wenn man das sieht, begreift man, wie wichtig die apostolische Aufgabe der Eltern ist, und wie sehr sie verpflichtet sind, selbst aufrichtig fromm zu sein, damit sie ihren Kindern diese Frömmigkeit nicht nur erklären, sondern vorleben können.

14. Ist es angebracht, gemeinsam in der Familie zu beten?
Es gibt einige wenige, wie mir scheint ausgezeichnete, kurze und althergebrachte Frömmigkeitsübungen, die in den christlichen Familien immer gelebt worden sind: das Tischgebet, der gemeinsame Rosenkranz (...), die persönlichen Morgen- und Abendgebete.

Auf diese Weise werden wir erreichen, Gott nicht als einen Fremden zu betrachten, den man einmal in der Woche, am Sonntag, in der Kirche aufsucht, sondern wir werden lernen, ihn so zu sehen und mit ihm umzugehen, wie es sein soll. Dann findet man ihn auch inmitten der Familie, denn schließlich hat er selbst gesagt: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen (Mt 18,20).

Mit Dankbarkeit und mit dem Stolz eines Kindes kann ich sagen, daß ich auch heute noch morgens und abends laut die Gebete verrichte, die ich als Kind von meiner Mutter lernte. Sie führen mich zu Gott und erinnern mich daran, mit wieviel Liebe man mir bei den ersten Schritten auf meinem Weg als Christ half. Und wenn ich Gott den beginnenden Tag aufopfere oder ihm für den vergangenen danke, bitte ich ihn um die ewige Herrlichkeit derer, die ich besonders liebe, und darum, daß er uns später für immer bei sich vereinen möge.


Die Texte sind hauptsächlich dem Buch Gespräche entnommen, das sieben Interviews enthält, die der hl. Josefmaria zwischen 1966 und 1968 Zeitungen aus verschiedenen Ländern gewährt hatte. Die zweite Quelle ist die Homilie Die Ehe, eine christliche Berufung aus dem Buch Christus begegnen.